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    Außenminister Heiko Maas hat den Alleinverantwortlichen für den Zweiten Weltkrieg benannt: Deutschland. Andere Völker in die Täterrolle zu drängen, sei Unrecht an den Opfern, schreibt er in einem Gastbeitrag für den „Spiegel“. Eine Aussage mit Überraschungswucht, haben sich doch alle längst auf die Rolle der Sowjetunion eingespielt.

    Die Weichen für den Zweiten Weltkrieg haben Deutschland und die Sowjetunion gestellt, weil sie 1939 den Hitler-Stalin-Pakt samt Geheimprotokollen unterzeichneten. So steht es in einer Entschließung des Europäischen Parlaments vom September letzten Jahres zur „Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas“. Und kann es denn an so einer Entschließung Zweifel geben?

    Ja, höflichkeitshalber verurteilen die EU-Parlamentarier in dem Dokument, „dass in einigen EU-Mitgliedstaaten Geschichtsrevisionismus betrieben wird und Personen verherrlicht werden, die mit den Nationalsozialisten kollaborierten“. Ein Wink mit dem Zaunpfahl an das Baltikum. Und auch über die „Zunahme von Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz“ zeigt man sich in dem Beschlusspapier besorgt.

    Aus dieser Sorge heraus folgt aber die Forderung nach einer „gemeinsamen Erinnerungskultur“ mit dem unmissverständlichen Vorwurf, Moskau versuche in einem Informationskrieg gegen das demokratische Europa die totalitäre Sowjetherrschaft von deren Verbrechen weißzuwaschen.

    Das russische Außenministerium reagierte mit scharfer Kritik auf den Beschluss. Was genau Moskau an dem Dokument aus Straßburg bemängelt, legte wenig später Wladimir Putin dar: „Durchaus geachtete internationale Einrichtungen und europäische Strukturen“ hätten sich in historischen Zwist eingemischt. Einige in der Entschließung enthaltene Behauptungen seien eine „durch nichts begründete skrupellose Lüge“. „Als hätten die vergessen, wer Polen am 1. September 1939 und die Sowjetunion am 22. Juni 1941 überfiel“, wunderte sich der russische Präsident.

    Ein anderes neues Gedenken

    Die Entschließung geht auf eine Initiative von polnischen Abgeordneten zurück. Warschau betonte, Deutschland und die Sowjetunion hätten die Zweite Polnische Republik 1939 aufgeteilt. An die Armia Ludowa, die Seite an Seite mit den sowjetischen Truppen kämpfte, und überhaupt an die Bedeutung der Roten Armee für die Befreiung Polens erinnert man in der polnischen Hauptstadt indessen lieber nicht.

    Warschau hat stark engagierte Unterstützer in Vilnius, Riga, Tallinn und Kiew. Präsident Wolodimir Selensky hat bei der diesjährigen Zeremonie anlässlich der Befreiung des Todeslagers Auschwitz unumwunden die UdSSR für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verantwortlich gemacht. Polen und das polnische Volk hätten „das Komplott der totalitären Regime“ als Erste zu spüren bekommen, sagte Selensky. Dieses „Komplott“ habe den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs herbeigeführt und es den Nazis ermöglicht, die „todbringende Maschinerie des Holocausts“ in Bewegung zu setzen.

    Je näher dann der Siegestag kam, desto mächtiger wurde der Strom „richtiger Lesarten“ der Geschichte. Zwei litauische Parlamentarier brachten sogar den Vorschlag, einen gänzlich anderen Gedenktag einzuführen: Den Tag der Aggression der UdSSR gegen Europa. „In Europa ist für den Siegestag kein Platz“, proklamierte einer der Initiatoren, Litauens ehemaliger Außenminister Audronius Azubalis.

    In der tschechischen Hauptstadt wurde währenddessen das Denkmal Marschall Konews durch ein Ehrenmal für die Russische Befreiungsarmee ersetzt, die im Krieg nicht gegen, sondern mit der Wehrmacht kämpfte. Deren Kämpfer beteiligten sich im Mai 1945 am Prager Aufstand, zogen sich aber schnell zurück und flohen mit den deutschen Truppen westwärts, als sie gehört hatten, dass die Rote Armee vorrückt.

    Eine eigene Story vom Zweiten Weltkrieg tischt Washington auf. Dass der „Konflikt“ 1939 begann, „als Deutschland und die Sowjetunion Polen überfielen“, steht auch für die Vereinigten Staaten fest. Anders ist bei den Amerikanern, dass die Kämpfe in Europa und die Schlachten an der Ostfront allesamt nur ein langes Vorspiel zum Hauptakt sind: „Am 6. Juni 1944 landeten die Truppen der USA und ihrer Verbündeten an der Küste der französischen Normandie … Nach weniger als einem Jahr wird Hitler sterben und Deutschland kapituliert.“

    Der Cowboy kam, sah und rettete alle – „dies ist eine Geschichte für sich, aber eine wirkungsstarke“, erklärt der russische Militärhistoriker Jewgeni Norin. Zu den vielen Narrativen in Europa gehört auch die Erzählung vom Holocaust als dem Dreh- und Angelpunkt des Kriegsverlaufs. „Hierbei stimmen übrigens die deutsche und die französische Lesart überein.“

    Das Vermächtnis

    Zu den weiteren Vorstellungen, die vermittelt werden, gehört das „Europa zwischen zwei totalitären Systemen, zwischen Hitler und Stalin“ – eine von osteuropäischen Staaten vertretene Auffassung. „Daher rührt auch der Widerspruch in der Entschließung des Europäischen Parlaments, die den Faschismus und den Kommunismus gleichermaßen verurteilt“, erklärt der Geschichtswissenschaftler. „In Teilen Osteuropas werden Angehörige der Waffen-SS als Helden verehrt. Dieselbe Waffen-SS, die den Holocaust mitorganisierte und mitbetrieb.“

    Die osteuropäischen Politiker von dieser Wahrheit zu überzeugen, sei aussichtlos: „Geschichtliche Tatsachen bedeuten ihnen nichts“, sagt der Historiker. „Wenn jemand zum Andenken an Krieg und Besatzung ein behelmtes Phallusimitat – das neue Ehrenmal in Prag – aufstellt, und alle Gefallen daran finden, dann würden Argumente nur stören. Da ist eh schon alles gesagt.“

    Die Erzählung, die Sowjetunion sei im Krieg das gleiche Übel gewesen wie das Dritte Reich, ist so allgemein, dass wichtige Unterschiede nicht mehr wahrnehmbar sind, erklärt der Geschichtswissenschaftler Dmitri Ofizerow-Belski, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für postsowjetische Studien: „Krieg als Leid aller europäischen Völker, auch der Deutschen, zu verallgemeinern, nimmt das Nazi-Regime vom Pranger und erweckt den Eindruck, die UdSSR sei fast schon schlimmer als das Dritte Reich.“

    Diese Methode sei aus dem Grund gefährlich, dass sie der jungen Generation das Wissen und Verständnis von den damaligen Vorgängen verbaue, sagt der Historiker: „Jeder hat seine eigene, persönliche Meinung und auch das Recht darauf. Aber eigene, persönliche Fakten gibt es nicht.“

    Es gibt ja auch Menschen mit der Überzeugung, die Erde sei eine Scheibe. Mögen sie mit dem Glauben selig werden. Aber Erdkundebücher liefern Tatsachen, keine Überzeugungen. Das sollten Verfasser von Geschichtsbüchern auch.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Drittes Reich, Deutschland, Joachim von Ribbentrop, Adolf Hitler, Josef Stalin, Wjatscheslaw Molotow, Sowjetunion, Verantwortung, Wladimir Selenski, EU-Parlament, Geschichte, Heiko Maas, Zweiter Weltkrieg