11:45 31 Oktober 2020
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    „Pandemie und Protest – kann Corona das Land spalten?“ – zu diesem Thema haben Politiker, Wissenschaftler und Journalisten am Donnerstagabend beim ZDF-Talk „Maybrit Illner“ polemisiert. Dabei war das Thema selbst wohl nicht ganz korrekt formuliert, denn das Land ist längst gespalten. Die Sendung hat das einmal mehr bestätigt.

    Eine recht kühne Entscheidung des Senders: Zur Teilnahme an der Diskussion wurde Boris Palmer (Grüne) eingeladen – der Oberbürgermeister von Tübingen und seit kurzem der Buh-Mann der Nation, nachdem er in einem Live-Interview bemerkt hatte: in den deutschen Infektionskliniken „retten wir möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“.

    Gleich darauf forderte die Spitze der Grünen Palmer zum Austritt aus der Partei auf, was der 47-jährige Politiker ablehnte. Gleichzeitig bot die FDP dem Störenfried eine Mitgliedschaft bei den Liberalen an. Palmer lehnte auch dieses Angebot ab. In der Rebellen-Rolle scheint sich der Tübinger Oberbürgermeister momentan am komfortabelsten zu fühlen.

    Das erste, was der aus Tübingen zugeschaltete Politiker bei „Maybrit Illner“ tat – er entschuldigte sich für den „dummen Satz“ von damals. Was er aber danach tat: Er legte faktisch nach, und zwar indem er seine provokante und recht zynische Äußerung ausführlich zu argumentieren versuchte: Die Menschen sollten in Kategorien eingeteilt werden, um die „Risikogruppen zu schützen“ und „die schweren Erkrankungen zu vermeiden“. Die „Risikogruppen“ – also die Senioren und die Menschen mit Vorerkrankungen – sollten weiter im Lockdown bleiben, während alle anderen von den Beschränkungen weitestgehend befreit würden. Denn sonst wären die durch diese Beschränkungen verursachten Kollateralschäden langsam untragbar.

    Wie lange lebt ein Pflegebedürftiger?

    Was danach kam, wirkte wie ein makabres Feilschen. Denn Palmer wiederholte faktisch den Satz, für den er sich vorhin entschuldigt hatte: Ein Drittel der Corona-Opfer in Deutschland kämen aus Altenheimen, wo die Menschen „laut Statistik“ durchschnittlich elf Monate leben, bevor sie sterben. Insofern sollten die Vertreter der „Risikogruppen“ nicht als Maßstab für die Corona-Bekämpfungsstrategie gelten.

    Der Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann bestritt diese Behauptung bei der ZDF-Talkshow vehement: Die Mehrheit der Leute, die an Corona gestorben seien, hätten im Durchschnitt noch neun Jahre zu leben gehabt. „Das halte ich für falsch“, entgegnete Palmer. Der Experte darauf: Es gehe hier um wissenschaftliche Fakten, nicht um Meinungen.

    An dieser Stelle hakte Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrats, ein, und zwar mit dem Argument, mit dem eine Chef-Ethikerin auch auftrumpfen muss: „Ist es überhaupt relevant, ob die Menschen noch länger zu Leben gehabt hätten?“ In einem Land wie Deutschland, wo die Würde des Menschen an erster Stelle stehe, sei dies unvorstellbar. Im Sinne der liberalen deutschen Gesellschaft wäre es viel angebrachter, diese Menschen „in ihrer Selbstbestimmung und ihrer Freiheit wahrzunehmen“. Immerhin seien bei weitem nicht alle Altenheim-Bewohner dement und könnten selbst entscheiden, ob sie eine Erkrankung riskieren wollen oder nicht, äußerte Christiane Woopen.

    Der Corona-Frust als Chance für AfD-Revanche

    Was ist aber mit den Protesten, die im Titelthema der Sendung erwähnt wurden? Immerhin waren die jüngsten Demos der aktuelle Anlass für die TV-Diskussion. „Überall versuchen Verschwörungstheoretiker, Links- und Rechtsextreme die Proteste anzuheizen und für sich zu kapern. Der Corona-Frust als Plattform für Extremisten?“, hieß es in der kurzen Einleitung des Senders zu der Talkshow.

    Das Demonstrationsrecht sei „das Königsrecht der Demokratie“, versicherte Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident des Saarlandes. „Ich würde nie sagen, dass es schlecht ist, dass die Menschen demonstrieren – im Gegenteil.“ Auf der Bühne der Proteste „stehen echt Irre“, lautete die Diagnose von „Spiegel“-Kolumnist Nikolaus Blome.  Je „weiter nach hinten“ aber, desto mehr normale Leute treffe man in den Protestkolonnen, die einfach „Fragen haben“. In dem Punkt solidarisierte sich der frühere „Bild“-Vizechef mit Boris Palmer, der eine Parallele zur Flüchtlingskrise 2015 zog. „Wir sind dabei, ähnliche Fehler wie 2015 zu machen, als eine moralisierende Alternativlosigkeit postuliert wurde“, behauptete der Oberbürgermeister von Tübingen.

    Im Unterschied zu 2015 mit dem angeblichen „Untergang des Abendlandes“ seien aber die Ängste der Menschen heute wirklich real, betonte die Moderatorin Maybrit Illner. „Man muss den Menschen reinen Wein einschenken“, gab Tobias Hans zu. „Wir werden nicht alles durch staatliche Hilfen kompensieren können, was durch diese Krise kaputt geht. Es wird ganze Branchen geben, denen es nichts bringt, dass wir jetzt Stück für Stück lockern.“

    Sollte sich die Erholung von der Krise über längere Zeit hinziehen, „wird die CDU die schönen 39 Prozent, die sie jetzt hat, stückweise an die AfD zurückgeben“, prophezeite Blome.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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