02:17 15 Juli 2020
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    Washington wagt es und die US-Botschafterin in Warschau spricht es aus: Die amerikanischen Streitkräfte könnten Kernwaffen, die gegenwärtig in Deutschland lagern, nach Polen verlegen. Noch näher an Russland geht nicht.

    Es ist nicht das erste Mal, dass Transatlantiker davon sprechen. Das polnische Militär wolle die Nato um die Stationierung amerikanischer Atomwaffen in Polen bitten, sagte der polnische Vize-Verteidigungsminister Tomasz Szatkowski im Jahr 2015. Diesmal äußerte die Washingtoner Botschafterin in Warschau, Georgette Mosbacher, den gleichen Gedanken: Amerikanische Atomwaffen nach Polen.

    Worum es bei diesen Ankündigungen vorrangig geht, sind atomare Bomben B61. Nicht ausgeschlossen ist aber, dass die Amerikaner auch nuklearfähige Mittelstreckenraketen näher an den russischen Grenzen stationieren. Für Russland – eine nicht zu unterschätzende Bedrohung.

    „Man kann diesen Plan als Kriegsvorbereitung deuten, als Vorbereitung eines Erstschlags gegen Russland. Denn die Anflugzeit aus Polen ist um einiges kürzer als aus Deutschland.“, sagt der Militärexperte Konstantin Siwkow, Präsident der Akademie für geostrategische Probleme. „Russlands Führung wird damit umgehen müssen: die Flugabwehr verstärken, ein zusätzliches Truppenkontingent an der Grenze stationieren.“

    Die Bombe B61 ist die Hauptwaffe der nuklearen Streitkräfte der USA, seit den 1960ern im Dienst. Seitdem ist eine Vielzahl an Modifikationen dieser Bombe entwickelt worden, die sich größtenteils durch die Schlagkraft der Sprengköpfe unterscheiden. Die derzeit größte Version – die B61-12 – ist in eine hochpräzise Waffe mit einem speziellen Lenksystem. Sie wirkt gezielt auf unterirdische und besonders befestigte Wertziele. Die USA planen, alle in Europa stationierten B61-Bomben auf diesen Standard hochzurüsten.

    An die 200 B61-Bomben sind gegenwärtig in den europäischen Nato-Staaten stationiert. Das größte Arsenal lagert auf der Aviano Air Base im Nordosten Italiens: 35 Bomben in zwölf Bunkern. Die passenden Trägersysteme stehen unmittelbar bereit: Der Fliegerhorst beheimatet die F-16-Kampfjets des 31. Jagdbombengeschwaders.

    Weitere vier Dutzend B61 befinden sich in der Lombardei, auf dem Militärflugplatz Ghedi. Amerikanische Kampfjets stehen da nicht zur Verfügung – im Einsatzfall sollen italienische Tornados die US-Bomben ins Ziel bringen. In Deutschland sind circa 20 solcher Atombomben gelagert, auf dem Flugplatz Büchel in Rheinland-Pfalz. In Belgien und den Niederlanden sind es jeweils nochmal so viele Kernwaffen.

    Die USA lagern die Atombomben in Europa nicht nur, sondern trainieren gemeinsam mit ihren Nato-Partnern auch den Einsatz. Das ist ein Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag, erklärte kürzlich der russische Außenminister Sergej Lawrow. Demnach ist es den Atommächten untersagt, Kernwaffen an Drittstaaten zu übergeben, ob direkt oder indirekt. Würden die USA auch noch in Polen Atomwaffen stationieren, wäre dies zudem ein grober Verstoß gegen die Nato-Russland-Grundakte.

    Es wäre ohnehin besser, so der russische Außenminister, Washington würde dieses ganze Kernwaffenarsenal aus Europa abziehen und in die USA zurückbringen – um die Lage in Europa nicht unnötig zu verkomplizieren.

    Schön wäre es, doch das Interesse an amerikanischen Kernwaffen in Polen liegt vor allem bei den polnischen Politikern, erklärt Militärexperte Artjom Kurejew, Mitglied im Waldai-Klub:

    „Die polnische Bevölkerung durch Geschichten über ‚Russlands Expansion in den Westen‘ einzuschüchtern, ist Teil der polnischen Staatsideologie. Es finden ja auch ständig Militärmanöver mit der Nato auf polnischem Boden gegen einen Aggressor aus dem Osten statt.“

    Als die USA Anfang letzten Jahres darüber sprachen, aus dem INF-Vertrag auszusteigen, war das polnische Außenministerium unter den ersten, die diesen Vorstoß unterstützten, erinnert der Analyst.

    „Was Warschau jetzt vorschlägt, ist eine Verlegung amerikanischer Kernwaffen aus Deutschland nach Polen. Dabei geht es um mehr als um ein bloßes Muskelspiel. Es geht darum, den eigenen Stellenwert in der Nato zu erhöhen, sich bei Washington Bonuspunkte zu holen“, so der Experte. „Die Stationierung von Atombomben in Polen wird es ermöglichen, Ziele in Russland mehrere Minuten schneller zu treffen. Dass Stützpunkte der polnischen Luftwaffe – die meisten sind in der Nähe von Großstädten gelegen – folglich selbst zum Ziel werden, ist die Kehrseite dieses Vorhabens.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Kernwaffen, Verlegung, Deutschland, Atombombe, Nuklearwaffen, Atomwaffen, USA, Polen