16:51 19 September 2020
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    Nach der glimpflich überstandenen Corona-Infektion meldet sich Friedrich Merz zum politischen Kampf zurück. Er sieht die restlichen Bewerber um den CDU-Vorsitz weit hinter sich. Den Bayern-Chef Markus Söder betrachtet Merz nicht als Rivalen im Kampf um das Amt des Bundeskanzlers.

    Diejenigen, die den Mann sprechen sehen wollten, der schon im nächsten Jahr mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit deutscher Bundeskanzler wird, mussten am Mittwochabend sehr lange wach bleiben: Friedrich Merz erschien erst kurz nach Mitternacht beim „Maischberger“-Talk im Ersten.

    Pudelmunter trotz der späten Stunde – dem CDU-Politiker Merz (64) war die vor kurzem überstandene Covid-Erkrankung in keiner Weise anzumerken. Der Moderatorin Sandra Maischberger rutschte diese Feststellung gleich zu Beginn des Interviews raus: „Sie sehen so gesund aus!“ Seinen schönen frischen Teint habe Merz seiner Heimat Sauerland zu verdanken, gestand der Gast. Ansonsten sei auch die Erkrankung glimpflich verlaufen: Die „leichten bis mittleren Grippe-Symptome“ ließen sich innerhalb einer Woche überwinden. „Ich habe einfach Glück gehabt“, meinte Merz.

    „Das Leben ist ein einziges Restrisiko“

    Für dieses Glück möchte aber der Kandidat für den CDU-Vorsitz gleich eine „Prämie“ haben, nämlich einen „Immunitätsnachweis“. Die Bemerkung der Moderatorin, dass die Immunitäts-Hypothese im Fall Corona weiterhin ziemlich umstritten sei, konterte Merz mit pseudo-philosophischer Eloquenz: „Da wird halt gesagt, es gebe dabei ein ‚Restrisiko‘ – aber das ganze Leben ist ein einziges Restrisiko.“

    Mal abgesehen von Corona – was denkt der Politiker zu den aktuellsten Initiativen seiner Kollegen, die in puncto Überwindung der sich anbahnenden Wirtschaftskrise unterbreitet wurden? Eine Senkung des Mindestlohns etwa? Merz hält nach eigenen Worten nichts davon. Kaufprämien für Autos? Merz: „Ich sehe das skeptisch.“ Konsumenten- bzw. Kindergutscheine? - Merz: „Mit 300 Euro lösen Sie kein soziales Problem. Da muss mehr kommen.“ Etwaige Alternativ-Vorschläge seinerseits blieben allerdings aus.

    Natürlich versteht sich Friedrich Merz als Politiker von Format, dementsprechend sind auch seine Visionen diesbezüglich eher von globalem Maßstab. Die Corona-Krise habe vor Augen geführt, dass sich die Welt in einem Epochenwandel befinde. Europa müsse da bei der Verschiebung der ökonomischen und politischen Machtzentren mithalten. Davon müsse sich die EU bei der Konzipierung von Konjunkturhilfen leiten lassen und einen „Innovationssprung“ meistern, betonte er.

    „Habe nach wie vor große Unterstützung in der CDU“

    Die spannendste Frage kommt zum Schluss: Will Merz nach wie vor CDU-Vorsitzender werden? Darauf kommt ein resolutes „Ja“. Auch ohne Partei- und Regierungsfunktion räumt sich der Kandidat bei den für den Dezember geplanten Wahlen des Parteichefs recht gute Chancen ein: „Ich habe den Eindruck, dass ich in der Partei nach wie vor große Unterstützung habe.“ 

    Parallel zum Interview wurde das Ergebnis einer Umfrage unter den „Führungskräften“ des Landes eingeblendet, wonach Merz mit 17 Prozent mehr Unterstützung genieße als die anderen Mitbewerber zusammen (Armin Laschet neun, Jens Spahn vier und Norbert Röttgen drei Prozent). Hinter Bayerns Regierungschef Markus Söder mit 45 Prozent liege Merz jedoch weit abgeschlagen. Der CDU-Politiker zeigte sich davon nicht beeindruckt, weil Söder nicht Kanzlerkandidat werden wolle. „Das ist meine Annahme“, lautete Merz‘ Begründung. Ein Wirtschafts- und Finanzminister unter einem Kanzler Laschet sehe er sich ebenfalls nicht. „Ich bin entschlossen, zu gewinnen“, betonte er.

    Zweifellos war der seit langem erwartete Auftritt des „Geheimfavoriten“ der bevorstehenden politischen Kämpfe im Lande der einzige Grund, warum sich das späte Wachbleiben „vor der Glotze“ gelohnt hat. Die sonstigen Diskussionen im Studio drehten sich schon wieder um die Lockerungen und den „Flickenteppich“ Bundesrepublik mit der üblichen Rollenverteilung: Die Medizinerin und Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt äußerte große Bedenken über die nachlassende soziale Disziplin angesichts der weiterhin bestehenden Infektionsgefahr, die beiden anderen Journalisten – Hans-Ulrich Jörges und Reinhold Beckmann – widersprachen ihr mit den längst bekannten Gegenargumenten.

    Die Schlusssequenz der Sendung bildete Filmstar Katja Riemann, die sich für die Geflüchteten auf Lesbos einsetzte und zu gesamteuropäischen Bemühungen um die Evakuierung des dortigen Flüchtlingslagers aufrief. Begleitet wurde ihr kurzes Interview mit einem ziemlich dramatischen Vor-Ort-Video. Ein überaus brisantes Thema, das zweifellos eine geeignetere Sendezeit verdient hätte.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Maischberger, Friedrich Merz