12:17 06 Juli 2020
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    Die Notenbank der Vereinigten Staaten hat den Leitzins auf nahezu null gesenkt. Anders ist die amerikanische Wirtschaft in ihrem Sinkflug nicht aufzuhalten. Möglich sind auch Negativzinsen. Kommt es soweit, ist ein rascher Dollar-Absturz unabwendbar, sagen Experten von Standard Chartered, einem der größten Finanzdienstleister der Welt.

    Minus 50 Prozent – so lautet die Prognose der Federal Reserve für die Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft im zweiten Quartal dieses Jahres. Um gegenzusteuern, hat sich die Fed darauf eingelassen, den Leitzins auf nahezu null abzusenken. Sich Geld von der amerikanischen Notenbank zu leihen, kostet die Geschäftsbanken in den USA derzeit 0 bis 0,25 Prozent.

    Vor der Pandemie hatten die Vereinigten Staaten den höchsten Leitzins unter allen Industrienationen. Dies stärkte den Dollar aufgrund des Carry-Trades: Investoren liehen sich Geld in anderen Ländern mit niedrigerem Zins, legten es höherverzinst in den USA an und kassierten die Zinsdifferenz. Jetzt ist es damit vorbei.

    „Carry-Trade ist tot, weil die Zentralbanken die Zinsunterschiede angeglichen haben. Statt kurzfristigen Gewinnen hinterherzurennen, sind die Anleger mittlerweile gezwungen, sich langfristig zu orientieren“, erklärt Ugo Lancioni, Währungschef bei Neuberger Berman. Das Investoreninteresse am Dollar hat folglich nachgelassen.

    Währenddessen hat die Federal Reserve außer weiteren Zinssenkungen keine volkswirtschaftlichen Hebel in der Hand. Auch drängt Donald Trump darauf: Nach der jüngsten Veröffentlichung der Daten des Verbraucherpreisindex für die USA hat der Präsident die Notenbank aufgerufen, mit dem Leitzins ins Minus zu gehen.

    Der Preisindex sank im April um 0,8 Prozent – der größte Rückgang seit dem Rezessionsjahr 2008. Allenthalben fallen die Preise, weil die Amerikaner weniger fahren, fliegen und einkaufen. Viele Betriebe sind im Shutdown, Arbeiter dementsprechend freigestellt. Das amerikanische Handelsministerium spricht vom größten Wirtschaftsrückgang der letzten Jahrzehnte.

    Tiefer und tiefer

    Notenbankchef Jerome Powell erklärte letzten Freitag, Negativzinsen seien nicht nötig: Die Fed habe andere Möglichkeiten, um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie einzudämmen. Doch Experten sind weniger zuversichtlich. Es hänge alles vom weiteren Verlauf der Epidemie ab.

    Eine vorzeitige Aufhebung des Shutdowns könne sich als Brandbeschleuniger erweisen, mahnte dieser Tage der US-Immunologe Anthony Fauci die Regierung. Bricht die Epidemie mit neuer Kraft aus, wird die Federal Reserve ohne negativen Leitzins sicherlich nicht mehr auskommen.

    „Negativzinsen sind unvermeidbar, wenn die Wirtschaft sich nicht im erhofften Tempo erholt und die übrigen volkswirtschaftlichen Steuerungsinstrumente erschöpft sind“, erklären Analysten der britischen Standard Chartered. Noch hat man nicht das volle Bild, aber falls es so kommt, wird die Fed den Leitzins „auf minus 0,5 bis minus ein Prozent“ senken müssen.

    Am 10. Juni wird die nächste Leitzinsentscheidung der Federal Reserve erwartet. Auch die Investmentbank Goldman Sachs hält Negativzinsen vor dem Hintergrund der immer tieferen und andauernden Rezession für wahrscheinlich.

    Dabei sind sich die Experten auch darin einig, dass negative Leitzinsen an sich wenig bringen. Theoretisch sollen Geschäftsbanken durch niedrigen Leitzins dazu veranlasst werden, mehr Darlehen an die Wirtschaft zu vergeben, was ein Wirtschaftswachstum bewirken soll. Aber das Beispiel der Eurozone und das Beispiel Japans zeigen, wie schwach dieser Effekt sein kann.

    Allerdings wird eine Zinssenkung auf minus 0,5 bis minus ein Prozent die Rendite der amerikanischen Staatsanleihen stark drücken, was es Washington erleichtern sollte, seinen Schuldverpflichtungen nachzukommen. Nur: Dem Dollar verheißt das wenig Gutes, sagen Analysten von Standard Chartered.

    Das Dollar-Defizit in der Welt würde nachlassen, die amerikanische Währung würde unausweichlich an Wert verlieren. Wann genau das eintritt, hängt maßgeblich von der Wirtschaftslage und den Finanzmärkten ab. Sicher ist, dass die Nachfrage nach Gold zunehmen und das Edelmetall seine ohnehin historischen Höchststände erneuern könnte.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    US-Wirtschaft, Rezession, Abwertung, US-Dollar, Bank Standard Chartered