16:14 29 Oktober 2020
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    Sandra Maischberger wird mit schwerem Gefühl in den Urlaub gehen: Ihre Talk-Sendung am Mittwochabend im Ersten – die letzte vor der Sommerpause – war von einem Eklat begleitet, der sicherlich ein Nachspiel haben wird. Zugleich war der Skandal vermeidbar – und in gewissem Maße auch gekünstelt.

    Allein schon das neue Konzept der Sendung selbst – innerhalb von 75 Minuten sollen die brennendsten Themen der zurückliegenden Woche mit möglichst namhaften Journalisten bzw. Fachexperten diskutiert werden. Und zugleich wird mindestens ein „Stargast“ (sei das ein Minister, ein Bundesland-Regierungschef oder zumindest ein Fraktionschef im Bundestag) zu einem längeren Interview eingeladen. Das setzt eine gewisse Oberflächlichkeit voraus – insbesondere, wenn man gleich drei bis vier brisante Themen in diesen doch recht engen Zeitrahmen packen möchte. Umso riskanter wird es, wenn ein Thema auf die Tagesordnung kommt, das nicht unbedingt zu den aktuellsten für die deutsche Bevölkerung gehört, aber nun einmal die „Leitmedien“ dominiert.

    Rassismus-Kritik als Pflichtübung

    Durch die Unruhen in den USA sind Rassismus und Polizeigewalt zu internationalen Top-Themen geworden und mussten quasi nun auch bei „Maischberger“ als eine Art Pflichtübung abgehakt werden. Den Eindruck, dass es sich in der „Maischberger-Redaktion“ ungefähr so abgespielt haben mag, dürften nämlich zahlreiche Social-Media-Aktivisten gehabt haben, die völlig enthemmt auf die Twitter-Annonce der Sendung reagierten. „Was? Wie?, empörte sich das Netz. „Sie laden fünf Weiße ein, um das Thema Rassismus zu behandeln? Werden denn keine Rassismus-Opfer eingeladen?“

    Ein derart „skandalöser Verstoß“ gegen die politische Korrektheit musste auf die Schnelle wieder gut gemacht werden. Offen bleibt, warum die „Maischberger“-Redaktion dabei nicht nach „Deutsch-Schwarzen“ gesucht hat. Die Wahl, die im Endeffekt getroffen wurde, erwies sich jedenfalls als alles andere als glücklich.

    Offenbar war das fließende Deutsch der Dame, die als „Rassismus-Opfer“ ins Gespräch eingebunden wurde, für die Redaktion ausschlaggebend. Die Germanistik-Professorin Priscilla Layne unterrichtet an der Universität Chapel Hill in North Carolina, sie sitzt mit ihrem sechsjährigen Sohn zu Hause herum und ist in keiner Weise mit den jetzigen Unruhen in Berührung gekommen. Sie ist außerdem weder Politologin noch Historikerin, insofern sind ihre Ansichten dazu vorrangig durch eigene persönliche Erfahrungen und Betrachtungen von außen geprägt.

    Mehr noch: Ihre Einbeziehung in den deutschen TV-Talk hat die amerikanische Germanistik-Expertin auf ihre spezifische Weise verstanden: „Ich erkenne, dass diese Einladung viel von dem ganzen Bullshit widerspiegelt, mit dem schwarze Deutsche sich auseinandersetzen müssen“, twitterte sie. Sprich: Das „Maischberger“-Team habe absichtlich keine in Deutschland lebenden Schwarzen eingeladen, damit diese nicht von Rassismus-Problemen in der Bundesrepublik sprechen können.

    Dabei provozierte schon die, gelinde gesagt, unkorrekte Formulierung des Themas „Rassismus und Polizeigewalt in den USA“ zu einer ziemlich eindimensionalen Auslegung – sind es doch in Wirklichkeit zwei Themen, die sich bei weitem nicht immer überschneiden, nicht wahr? Es gibt nämlich mehr als genug dunkelhäutige Polizisten in den Vereinigten Staaten, die sicherlich nicht weniger als ihre weißen Kolleg*innen zu Gewalt neigen mögen. Es ist sicherlich eine berechtigte Frage, ob von diesen Polizist*innen übertriebene Gewalt gegenüber weißen US-Amerikanern ähnliche Massenunruhen mit Brandstiftungen und Plünderungen ausgelöst hätte.

    Das Rassismus-Problem scheint dagegen – im Unterschied zum Problem der Polizeigewalt, das leider in vielen Ländern immer wieder in die Schlagzeilen kommt – für die USA systemimmanent zu sein. Nicht einmal die Tatsache, dass mit Obama erstmals ein dunkelhäutiger Bürger vor kurzem zu zwei Amtszeiten hintereinander zum Präsidenten gewählt wurde, konnte da etwas greifbar ändern.

    „Ist Donald Trump ein Rassist?“

    „Ist Donald Trump ein Rassist?“ fragt die Moderatorin Außenminister Heiko Maas – und konfrontiert ihn gleich mit einem Zitat aus Maas‘ 2016 erschienenen Buch „Aufstehen statt wegducken“: Trump sei durch einen „von Lügen, Rassismus und Frauenfeindlichkeit“ getriebenen Wahlkampf ins Amt gekommen. Diplomat Maas sieht sich gezwungen, nach sanfteren Ausdrücken zu suchen: Er würde Trump nicht als „dauerhaften Rassisten“ bezeichnen, sehr wohl aber als einen Populisten, von denen es aber auch in Europa viele gebe.

    Es ist im Endeffekt wohl eher zu bedauern, dass sich der Aktivismus in den sozialen Netzwerken mittlerweile so spürbar auf die Gestaltung von Fernsehprogrammen auswirken kann – und dass die TV-Gestalter dermaßen „hörig“ geworden sind. Allein schon deshalb bedauerlich, weil das Fernsehen den sozialen Netzwerken nicht mit der gleichen Münze zurückzahlen kann beziehungsweise nicht zu erwidern traut. Zu unterschiedlich sind die Spielregeln in dem einen und dem anderen Medium – und das ist in einer pluralistischen Gesellschaft auch gut so.

    Unterm Strich blieb am Mittwoch jedenfalls eine ziemlich vermasselte Sendung, die an sich genug Potential für eine aufschlussreiche und informative Diskussion hätte – unter anderem zu den für Deutschland aktuelleren Themen wie Konjunkturpaket, Kaufprämien, Corona-Impfung oder Klimawandel.

    Fremdenhass – darunter auch Rassismus – ist natürlich auch für Deutschland ein Thema, das trotz der halbwegs entschärften, in abgewandelten Formen aber weiterhin präsenten Migrationskrise aktuell ist. Sicherlich wird dieses Thema in der nächsten TV-Saison einmal wieder auch bei „Maischberger“ diskutiert. Zu bezweifeln ist allerdings, dass dann eine Germanistik-Professorin aus North Carolina zur Diskussion eingeladen wird.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    George Floyd, Rassismus, Maischberger