20:21 03 Juli 2020
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    Was Kernwaffen anrichten, wenn sie detonieren, wird seit 1992 nur am Computer erforscht. Es sind fast 30 Jahre vergangen, seit ein nuklearer Sprengkopf in der Wirklichkeit getestet wurde. Zwar ist das Verbot von Kernwaffentests vertraglich geregelt, aber diesen Vertrag zu verwerfen, wäre für die Vereinigten Staaten eine Lappalie.

    Aus dem INF-Vertrag sind die USA ausgestiegen, an der Verlängerung von New START lässt Washington zweifeln, das Open-Skies-Abkommen haben die Vereinigten Staaten aufgekündigt. Und es sieht danach aus, dass der Kernwaffenteststopp‑Vertrag an der Reihe ist.

    Das US-Außenministerium hat dem Kongress im April einen Jahresbericht vorgelegt, in dem es heißt, Moskau würde Washington nicht immer über nukleare Tests unterrichten, obwohl der Vertrag zum Verbot unterirdischer Kernwaffentests dies erfordere. Auch China wird in dem Bericht beschuldigt, Kernwaffentests zu verheimlichen.

    „Das Schema kennt man“, kommentiert die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, das Papier: „Erst kommen erdachte Anschuldigungen, dann wird der Boden bereitet für absolut deutliche Schritte.“

    Auch in den USA hat der Jahresbericht scharfe Kritik ausgelöst. Daryl Kimball, geschäftsführender Direktor der Arms Control Association, nennt die Initiative des US-Außenministeriums eine „Einladung an andere Länder, dem Beispiel der Vereinigten Staaten zu folgen“. Auf dem Gebiet strategischer Aufrüstung werde es zu einem „präzedenzlosen Wettlauf“ kommen.

    Eine endgültige Entscheidung über Kernwaffentests ist in den USA noch nicht getroffen worden, aber das Vertragswerk dazu bleibt ein Thema: Für die Mitglieder der US-Regierung und die Militärführung sind Kernwaffentests eines der geeigneten Instrumente, um Russland und China bei Rüstungskontrollgesprächen unter Druck zu setzen.
    Zerstörung – Schritt für Schritt

    Aus dem Kernwaffenteststopp‑Vertrag auszusteigen, ist es für die USA gegenwärtig ein Leichtes. „Internationale Vereinbarungen und Organisationen, die den Vereinigten Staaten aus der Sicht Washingtons im Wege stehen, werden als überflüssig erachtet“, erklärt Analyst Sergej Sudakow von der Russischen Akademie für Militärwesen. „Man wird den Ausstieg der USA aus dem Vertrag als gegeben hinnehmen müssen. Ich vermute, danach steigen die Vereinigten Staaten aus dem Weltraumvertrag aus.“

    Einen Kernwaffentest vorzubereiten, gehe ganz schnell, so der Militärexperte. „Es existieren zwei Punkte auf der Karte der Vereinigten Staaten, zu denen Russland auch im Open-Skies-Vertrag nicht vorgelassen wurde: Hawaii und die Aleuten. Auf Hawaii werden sie sicherlich nichts testen, auf den Aleuten aber geht das problemlos. Die Testareale sind nach wie vor vorhanden. Es ist erst recht kein Problem in Nevada. Das Testgelände dort wurde zwar offiziell geschlossen, ist aber so gut wie einsatzbereit.“

    Der Kernwaffenteststopp‑Vertrag existiert seit 1996 und wurde von über 180 Staaten unterschrieben – jedoch nicht von allen ratifiziert, auch von den USA nicht. „Ein totgeborenes Vertragswerk“, erklärt Militäranalyst Artjom Kurejew vom Waldai-Klub. „Israel und die USA haben den Vertrag nicht ratifiziert, die drei neuen Mitglieder des Atomklubs – Indien, Pakistan und Nordkorea – gar nicht erst unterschrieben.

    Es ist also eher eine Absichtserklärung und eine Geste guten Willens als ein Vertrag.“ Deshalb hat Washington faktisch keine Hürden auf dem Weg zu Kernwaffentests.

    „Die USA haben sich vorgenommen, vor den Augen der Weltöffentlichkeit die Fähigkeiten ihrer taktischen Atombombe zu demonstrieren, die sie zu einer Präzisionswaffe weiterentwickelt haben.“ Es geht dabei um die B61-12. „Die Bombe wurde schon im letzten Jahr getestet, aber ohne atomaren Sprengkopf. Ich wage zu vermuten, dass sie zu Einsatzzwecken als bunkerbrechende Waffe getestet wurde – oder als Sonderwaffe zur Bekämpfung tiefliegender Punktziele“, erklärt Experte Kurejew.

    Die B61-12 ist eine Bombe mit reduzierter Wirkkraft. Sie soll auch auf Flugplätzen in Deutschland für den Einsatz vorgehalten werden. Von den bisherigen Versionen unterscheidet sie sich durch ein spezielles Zielführungssystem: sie ist eine hochpräzise Lenkbombe. Experten sind sich sicher, dass die US-Streitkräfte in Wirklichkeit sehen wollen, ob ein geringerer Sprengkopf im Einsatz eine größere Wirkung bringen würde.

    Doch darüber hinaus könnten die Berater von Donald Trump das Kernwaffenthema im Wahlkampf nutzen. „Bei konservativen Wählern würde die entschiedene Rhetorik des ‚Oberchefs im Weißen Haus‘ gut ankommen. Trump würde damit zeigen, dass er die Sicherheit der Vereinigten Staaten unabhängig von internationaler Kritik über alles stellt“, sagt Analyst Kurejew.

    Vor diesem Hintergrund müsste ein Kernwaffentest stark genug sein, um Eindruck bei den Wählern zu hinterlassen, aber zugleich auch Erkenntnisse für einen praktischen Einsatz liefern, die man am Computer nicht herbeimodellieren kann. Eine Protestwelle würden atomare Explosionen in Nevada oder auf den Aleuten jedenfalls auslösen. Ein Kernwaffentest auf der Inselkette vor der russischen Grenze wäre zudem ein Schlag gegen das ohnehin schwierige Verhältnis der beiden Nachbarländer Russland und USA.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Atombombe B61-12, B61, START-Vertrag, INF-Vertrag, Atomwaffentest, Nuklearwaffen, Atomwaffen, USA