01:55 11 Juli 2020
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    Aus der Sicht amerikanischer Ölproduzenten schien die OPEC+ in einer ausweglosen Lage zu sein: Jede Kürzung der Ölförderung ist zwar ein Treiber für die Ölpreise, aber auch ein Wiederbelebungsimpuls für die US-Fracker. Aber es wurde ein Weg gefunden, die Ölpreise zu pushen, ohne den Fracking-Firmen in die Hände zu spielen.

    Die amerikanischen Fracking-Firmen hatten die Zahl ihrer aktiven Förderanlagen und damit ihre Fördermengen in den letzten Monaten stark verringert. Innerhalb von nur acht Wochen seien 53 Prozent der aktiven Öl- und Gasförderanlagen in den USA abgeschaltet worden, der „Fracking-Boom“ sei vorbei, schrieb das Branchenportal „World Oil“ letzten Monat. Deshalb ist der Überschwang nachvollziehbar, mit dem der amerikanische Energieminister Danny Brouillette auf die neue Einigung der OPEC+ reagiert hat:

    „Ich klatsche Beifall für die OPEC+, weil sie heute eine wichtige Vereinbarung erzielt hat“, twitterte der Minister. Die Vereinbarung „kommt in einem entscheidenden Moment, weil die Nachfrage nach Öl sich weiter erholt und die Wirtschaften wieder öffnen.“

    ​Die Energieminister der OPEC und anderer ölexportierender Länder, angeführt von Russland, haben sich in einer Videokonferenz am Samstag darauf verständigt, die Ölproduktion bis einschließlich Juli weiter um 9,7 Millionen Barrel pro Tag zu reduzieren. Das entspricht rund zehn Prozent der Output-Menge in normalen Zeiten.

    Die „New York Times“ legte diese Abmachung prompt als Schwäche aus: „Gemäß der ursprünglichen Vereinbarung vom 12. April sollte die Förderung nach Juni allmählich wieder steigen. Dass die einschneidenden Kürzungen nun doch über einen ganzen Monat oder länger andauern sollen, zeigt, dass ein möglicher Markteinbruch die großen Ölproduzenten trotz des jüngsten Ölpreisanstiegs weiterhin beunruhigt.“

    Die Agentur „Bloomberg“ hat indes genauer hingeschaut und festgestellt, dass der amerikanische Energieminister und die amerikanische Fracking-Industrie weniger Grund zur Freude als zur Sorge haben. Denn die OPEC und Russland haben offenbar einen Weg gefunden, ihre Marktanteile auszuweiten – bei steigenden Ölpreisen und zugleich begrenzter Erholung des Fracking-Sektors in den USA.

    Mit zweierlei Risiken hatte die Gruppe OPEC+ vor der neuen Vereinbarung umzugehen. Erstens erfüllten einige Teilnehmerländer ihren Teil der kollektiven Verpflichtung nicht. Zweitens bestand die Gefahr, dass die amerikanischen Fracker den Markt wieder mit billigem Öl fluten.

    Das eine Problem ist zumindest für den Moment beigelegt: Wer weniger kürzte als vereinbart, hat nun zugesichert, die nicht-erfüllten Mengen auf künftige Kürzungen draufzuschlagen. Damit ist das Risiko einer Spaltung der OPEC+ ausgeräumt. Für das zweite Problem – die amerikanische Schieferölwirtschaft mit ihrem billigen Rohstoff – haben sich die Fachkenner der Ölallianz eine raffinierte Lösung überlegt.

    Die Agentur „Bloomberg“ nennt diese Methode „Umkehr der Preiskurve“. Saudi-Arabien, Russland und ihre Verbündeten aus der Gruppe OPEC+ verfolgen normalerweise nur das Ziel, die Rohölbestände zu senken.

    „Aber jetzt konzentrieren sie sich nicht nur auf die Bestände, sondern auch auf eine Strategie zur Beeinflussung der Kurzzeitpreise im Verhältnis zu den Langzeitpreisen“, schreibt die Agentur.

    Das heißt, die Ölallianz macht sich den Effekt zunutze, dass die Rohölpreise sich nicht allein aus dem heutigen Marktumfeld ergeben. Das Erdöl wird so gehandelt, dass die Lieferung sofort oder erst nach Monaten oder gar Jahren fällig wird. Das Verhältnis der Preise zur Sofort-, Monats- oder Jahreslieferung mach die Preiskurve aus, von der „Bloomberg“ schreibt.

    Viele der konventionellen Ölproduzenten verkaufen ihr Rohöl meist nach kurzfristigen Verträgen und interessieren sich hauptsächlich für den Ölpreis im Moment oder nach spätestens einem bis sechs Monaten. Anders die Fracker: Sie müssen ihr Öl auf lange im Voraus und zum Fixpreis verkaufen, denn sonst erhalten sie unter den gegebenen Marktumständen, die bereits zahlreiche Insolvenzen im Fracking-Sektor ausgelöst haben, keine Finanzierung.

    Wenn diese Taktik aufgeht, dann wird der amerikanische Energieminister weniger Grund zum beifälligen Klatschen haben: Die OPEC+ profitiert vom momentanen Ölpreis, während die amerikanischen Fracking-Firmen weiterhin große Schwierigkeiten haben, die nötigen Kredite zu bekommen, um die Förderanlagen wieder hochzufahren.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Fracking, USA, OPEC