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    Am 22. September 1939 hat es keine deutsch-sowjetische „Siegesparade“ im zuvor polnischen Brest gegeben. Eine solche hat die antisowjetische Propaganda jahrzehntelang behauptet. Diese Geschichtsfälschung hat dann die antirussische Propaganda übernommen. Inzwischen zeigen zugängliche Dokumente und Informationen, was damals tatsächlich geschah.

    Seit August 1939 versuchten die deutschen Faschisten, der Welt ein angeblich deutsch-sowjetisches Bündnis vorzutäuschen, worauf der Westen damals aber nicht hereinfiel. Mit dem Kalten Krieg nach 1945 war die westliche Seite bemüht, den Hass der Völker in Richtung der nach der Befreiung populären Sowjetunion zu kanalisieren: Ihr sollten imperialistische Absichten und aggressive Handlungen angedichtet werden.

    Deutschsprachige Autoren waren hierbei besonders rührig. So konnte von den deutschen Kriegsverbrechen abgelenkt und diese gleichzeitig relativiert werden. Die Behauptung vom deutsch-sowjetischen Bündnis wurde von den westlichen Alliierten nach dem gemeinsamen Sieg gegen die einst verbündete Sowjetunion wiederbelebt und für Propaganda und Wissenschaft salonfähig gemacht.

    Da sich das komplizierte deutsch-sowjetische Vertragswerk von 1939 hierfür kaum eignete, wurden Bilder gesucht, die das Bündnis zwischen Berlin und Moskau scheinbar eindeutig belegten. Dafür schien die angebliche deutsch-sowjetische Siegesparade am 22. September 1939 in Brest-Litowsk geeignet. Bei dieser standen anscheinend hohe deutsche und sowjetische Offiziere auf der Tribüne, was in der „Deutschen Wochenschau“ vom 27. September 1939 gezeigt wurde.

    Kernstück der antisowjetischen Propaganda bis heute

    Diese Aufnahmen gingen nach dem Krieg um die Welt – und es wurde ihnen geglaubt. Diese „Siegesparade“ bildet jahrzehntelang das Kernstück eines angeblichen Beweises für ein deutsch-sowjetisches Bündnis und eine Waffenbrüderschaft zwischen den beiden so gegensätzlichen Staaten. Nicht nur in Polen wird das ununterbrochen seit nunmehr 80 Jahren geglaubt.

    Es war lange Zeit schwierig bis nahezu unmöglich, sich dieser Lüge entgegenzustellen. Sie war immer mit der Frage der geheimen deutsche-sowjetischen Zusatzprotokolle von 1939 verbunden, die von sowjetischer Seite bestritten worden waren. Hier war die UdSSR in einer – auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung – schwachen Position. Die „Siegesparade“ blieb damit Jahrzehnte ein angeblich unanfechtbarer und für jedermann sichtbarer Beleg für eine angebliche deutsch-sowjetische Kumpanei.

    Nachdem in den späten 1980er Jahren alle Dokumente im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1939 offen gelegt und zugänglich wurden, kam es in der noch bestehenden Sowjetunion nicht zu einer nachholenden ordentlichen Aufarbeitung. Im Gegenteil: Die „Perestroika“-Führer kapitulierten vor der westlichen antisowjetischen Sichtweise. Das zeigte sich in dem von Alexander Jakowlew angeregten und von Michail Gorbatschow unterzeichneten Beschlusses des Volkskongresses vom 24. Dezember 1989. Dieser Beschluss war voller historischer Ungenauigkeiten, Legenden und selbstzerstörerischen moralisierenden Schuldzuweisungen.

    In dem Dokument wurden die strategischen Schutzmaßnahmen der UdSSR vor 1941 und der Befreiungsfeldzug der Roten Armee nach dem faschistischen Überfall als Ausdruck „imperialer Ambitionen“ denunziert. Damit wurde auch nationalistischen Kräften im Baltikum eine moralische Rechtfertigung für ihren Separatismus geliefert.

    Was tatsächlich geschah

    Heute ist eine realistische Beurteilung dieses Geschichtskapitels möglich. Dazu gehört auch die Wahrheit über die sogenannte „Siegesparade“. Doch was hat sich am 22. September 1939 in Brest am Bug tatsächlich zugetragen? 

    In einem geheimen Protokoll – das kein Militärabkommen darstellt – hatte sich die deutsche Seite am 20. September 1939 in Moskau verpflichtet, einen Teil der von ihnen besetzten Gebiete zu räumen und der Roten Armee zu überlassen. Dazu gehörte auch Brest, das damalige Zentrum der polnischen Wojewodschaft Polesie.

    In dieser größten polnischen Provinz lebten offiziell (1931) fast 78 Prozent Ostslawen (Belorussen, Ukrainer, Russen). In den Dörfern lag ihr Anteil bei über 85 Prozent. 14 Prozent waren Polen, zumeist Gutsbesitzer oder Angestellte, die zu 25 Prozent in den Städten wohnten. 25 Prozent der Ostslawen waren ebenfalls Stadtbewohner.

    In Polesie lebten noch etwa zehn Prozent meist arme Juden, die die Hälfte die Städte bevölkerten. Die Region war seit 1919 das Zentrum des antipolnischen prosowjetischen Widerstandes mit einer zeitweiligen Partisanentätigkeit, revolutionärer Bauernbewegung und gut organisierten Kommunisten. Hier wurden die Rotarmisten als Befreier von polnischer Fremdherrschaft freudig begrüßt.

    Störungsfreier Weg nach Brest

    Brest war Tage zuvor von den Deutschen eingenommen worden. Hier gab es also keinen Feind, der gemeinsam zu besiegen war. Es gab ebensowenig eine Demarkationslinie, wie seither behauptet. Der Fluß Bug teilte die Stadt und spielte zu diesem Zeitpunkt für beide Seiten noch keine Rolle.

    Bis zum Mittag des 22. September 1939 traf die sowjetische 29. Panzerbrigade unter Brigadekommandeur Semjon M. Kriwoschein (1899 - 1978) in Brest ein. Die Brigade hatte den Befehl zum Einrücken in Ostpolen erst am 17. September bekommen, nicht früher, wie später wiederholt behauptete wurde. Der Zeitpunkt verweist darauf, dass Moskau sehr lange und ungenügend vorbereitet war und diesen Termin hinausgeschoben hatte.

    Bis auf kleinere Kämpfe in Baranowitschi stieß die Brigade auf ihrem Marsch über etwa 400 Kilometer nicht auf polnische Truppen. Die sowjetischen Militärs kamen durch Gebiete des am 17. September ausgebrochenen ostslawischen Aufstandes, in welche sich die polnische Bevölkerung und ihre Ordnungskräfte zurückgezogen hatten. So konnte die Brigade jeden Tag 100 Kilometer vorankommen und täglich kampflos in eine andere Stadt einrücken.

    Bevor Kriwoschein in Brest einrückte, versuchte eine deutsche Offiziers-Delegation ihm das zu verbieten. Der sowjetische Kommandeur stammt aus einem „gutem Hause“ jüdischer Herkunft, hatte sich 1917 der Revolution und Budjonnys Reiterarmee angeschlossen sowie in Spanien und im Fernen Osten gegen die Japaner gekämpft. Er drohte den deutschen Militärs, sie zu verhaften, und befahl seiner Brigade, Brest vom Norden aus anzugehen. Dieser Vorgang allein zeigt, wie unsinnig es ist, von einem deutsch-sowjetischen Bündnis 1939 zu sprechen.

    Von den Bewohnern als Befreier begrüßt

    Der Einmarsch in die Stadt verzögerte sich, da die ostslawische Bevölkerung die Sowjetpanzer lebhaft begrüßte. Die Menschen liefen zwischen den Panzern umher, bestiegen sie, verteilten Lebensmittel an die Rotarmisten. Sie dankten ihnen für ihre Befreiung. Besonders in den Straßen der Vororte, in denen die Ärmsten wohnte, wurde die Brigade von Kriwoschein von vielen roten Fahnen begrüßt.

    Die deutschen Militärs erwarteten den sowjetischen Brigadekommandeur und brachten ihn zum Kommandeur des XIX. Panzerkorps der faschistischen Wehrmacht, General Heinz Guderian. Die Übergabeverhandlungen wurden auf Französisch geführt und problemlos abgeschlossen. Nun plötzlich verlangte Guderian eine gemeinsame Parade, die nicht vorgesehen war. Kriwoschein lehnte das strikt ab. Er begründete das damit, dass weder die Technik noch Mannschaften in ihrem äußeren Zustand und unsauberen Gefechtsuniformen dem entsprechen würden. Außerdem sei die sowjetische Kampftechnik über die ganze Stadt verteilt.

    Beide Seiten einigten sich auf eine „feierliche Form der Ablösung" in Gestalt eines Truppenvorbeimarsches vor dem Abmarsch der deutschen Truppen aus Brest. Genau so lautete der Kommentars der „Deutsche Wochenschau“ vom 27. September 1939 (Tonwoche Nr. 473). Bisher mussten die Aufnahmen – aber ohne Ton – jahrzehntelang als angeblicher Beweis für die angebliche Siegesparade und die die behauptete deutsch-sowjetische Waffenbrüderschaft“ herhalten.

    Guderian verlangte zudem eine Tribüne, aber es war nicht mehr als ein Podest, auf dem er und Kriwoschein, beide in Dienst- bzw. Gefechtsuniform, den Vorbeimarsch um 16 Uhr abnehmen sollten. Tatsächlich fuhren nur drei sowjetische Panzer an ihnen vorbei, in einem Zustand, der weder eine Parade noch einem Vorbeimarsch rechtfertigte. Die deutschen Truppen hingegen, ausgeruht und in sauberer Gefechtsuniform, bildeten das Gros des Vorbeimarsches, nach dem sie Brest verließen.

    Anhaltende Geschichtsfälschung widerlegt

    Derartige Vorbeimärsche sind international üblich und zum Beispiel selbst beim Abzug der Kolonialmächte in Indien und Afrika oft praktiziert worden. Mit gemeinsamen Paraden oder gar Siegesparaden hat das nichts zu tun. Siegesparade oder Vorbeimarsch sind in militärischer Bedeutung und politischer Wirkung zwei höchst unterschiedliche Erscheinungen.

    Bei der angeblichen „deutsche-sowjetischen Siegesparade“ am 22. September 1939 handelt es sich um eine Geschichtsfälschung. Diese wurde benötigt um eine historisch nichtzutreffende, aber politisch-ideologisch notwendige Aussage verbreiten zu können. Dieser Lüge sind Millionen Menschen aufgesessen. Sie wird bis heute in Büchern gezielt gegen Russland weiterverbreitet, so in dem 2019 veröffentlichten Buch „Der Pakt“ der Historikerin Claudia Weber. Mit Hilfe der historischen Fakten und der entsprechenden Dokumente kann diese Fälschung widerlegt werden.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Propaganda, Kalter Krieg, Zweiter Weltkrieg, Brest, Deutschland, Polen, Faschismus, Sowjetunion, Geschichte