00:09 12 Juli 2020
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    Als die Federal Reserve massenhaft Anleihen gekauft hat, war das wie ein Geldsegen für die amerikanische Wirtschaft. Aber Analysten warnen inzwischen: Überschüssige Liquidität erzeugt eine Blase, die bald platzen und ganze Märkte vernichten könnte.

    Mit Billiggeld die Anleger zu beruhigen, war der Plan, als die Federal Reserve den Leitzins im März zwei Mal senkte. Geld von der Notenbank kostet inzwischen 0 bis 0,25 Prozent. Auch ein Anleihe- und Wertpapierkaufprogramm startete die Fed – für 500 bzw. 200 Milliarden Dollar. Das letzte Mal gab es etwas Vergleichbares vor zehn Jahren, als die Finanzmärkte weltweit eingestürzt waren.

    Donald Trump zeigte sich zufrieden mit den Maßnahmen, forderte jedoch ein noch entschlosseneres Handeln von der Federal Reserve. Die amerikanische Notenbank hat denn auch erklärt, sich in ihrer ultralockeren Geldpolitik nicht einschränken zu wollen: Man werde so viele Anleihen und Hypothekenpapiere im Markt aufkaufen wie nötig. Obendrauf hat die Fed mehrere neue Kreditprogramme gestartet.

    Beruhigt hat das die Anleger in der Tat, die Aktienkurse stiegen kräftig: der S&P 500 hat seit dem 23. März um über 40 Prozent zugelegt. Die ergriffenen Maßnahmen zeigten Wirkung, lobte Jerome Powell, der Notenbankchef. Aber Marktexperten sind angesichts der Lage misstrauisch: Die Pandemie zerrt noch an den Kräften, die Wirtschaft ist im freien Fall (Minderleistung von 40 Prozent im zweiten Jahresquartal, Arbeitslosigkeit von 25 Prozent) – nur die Börse wächst. Offenbar haben die Förderprogramme der Fed falsche Hoffnungen bei den Investoren geweckt.

    Man spürt den Sturz kommen

    Bisher war es nur einmal so, dass amerikanische Firmen an der Börse derart überbewertet waren wie jetzt, sagt Hedgefonds-Manager David Tepper: nämlich 1999, kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase. Mehr noch: Das KGV, also das Kurs-Gewinn-Verhältnis, vieler Aktien am S&P 500 „wird die Extremwerte auf dem Höhepunkt der Dotcom-Krise übertreffen“, prognostiziert Joseph Carson, Chefvolkswirt der Investmentgesellschaft Alliance Berstein. „Noch nie war der Abstand zwischen Börse und Realwirtschaft so groß“, warnt Matt King, Leiter Global Credit Strategy bei der Citigroup.

    Was die Federal Reserve an Hilfen für Wirtschaft und Märkte aufgebracht hat, entspricht 30 Prozent des Bruttosozialprodukts. „Bei dieser Liquiditätsflut spielen makrowirtschaftliche Kennzahlen keine große Rolle mehr“, sagt Isaac Boltansky, Direktor Political Research bei Compass Point Research & Trading. Sein Kollege Torsten Slok, Chefvolkswirt bei der Deutsche Bank Securities, stimmt zu:

    „Die Aktienrally ist nicht durch Fundamentalfaktoren bedingt, sondern das Ergebnis der Liquiditätsspritzen der Federal Reserve.“

    Zu sehen ist das alles vor dem Hintergrund, dass amerikanische Firmen im Jahresanfangsquartal so schlimme Umsatzrückgänge wie zuletzt im Krisenjahr 2009 vermeldeten. Und: Für das laufende Quartal ist Schlimmeres zu erwarten, weil der Absatz vielerorts eingebrochen ist und die Produktion pandemiebedingt stillsteht.

    Die Erwartungen, dass die überschüssige Liquidität die Solvenz der Firmen verbessern werde, haben sich jedenfalls nicht bestätigt. Sobald die Anleger klar erkennen, in welchem Maß die Unternehmensgewinne eingebrochen sind, wird auch der Aktienmarkt einbrechen, sagen Experten. Aber die Fed hat ohnehin zugesichert, auch hochverzinsliche Unternehmensanleihen (also die mit dem größten Ausfallrisiko) aufzukaufen.

    Fondsmanager Stanley Druckenmiller – seit Jahrzehnten im Markt aktiv – sagt, das Verhältnis von Risiko und Rendite im Aktienmarkt ist das schlechteste in seiner gesamten Karriere. Auch deshalb warnen Experten, dass es keine Garantie gebe für die Fortsetzung der Aktienrally. Die Eingriffe der Federal Reserve können die Weltwirtschaft teuer zu stehen kommen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Finanzblase, USA, US-Notenbank Federal Reserve (Fed)