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    Der Sowjetunion wird seit geraumer Zeit eine Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges „als unmittelbare Folge“ des Nichtangriffsvertrages mit dem faschistischen Deutschland 1939 angedichtet. Es mehren sich schon Stimmen, die ihr die Hauptschuld für den Kriegsausbruch zuschreiben wollen. Eine Gegenrede.

    „Mit dem Ziel der Welteroberung“ soll die Sowjetunion ein Interesse am Krieg gehabt haben, behaupten einige westliche Historiker und Autoren in den letzten Jahren. Das ist zwar Unsinn, doch das erscheint Unwissenden und Leichtgläubigen durch angebliche Autoritäten und mediale Wiederholungen durchaus schnell eingängig. Das wird dadurch ermöglicht und erleichtert, dass vielen grundlegende Geschichtskenntnisse zum Thema fehlen. Zudem hatte jahrzehntelang der Antikommunismus des Kalten Krieges und die kriegerische Russophobie hierfür das Feld gründlich beackern können.

    Die folgende Darstellung kann zwar jene Kenntnisse nicht ersetzend vermitteln, doch vielleicht dazu bewegen, jene falschen Behauptungen zu hinterfragen. Zunächst ist die reale militärische Stärke der Sowjetunion 1939 zu erfragen. Das ist umso mehr notwendig, da sie bis heute als militärische und politische Supermacht gilt, die den USA bis 1990 Paroli geboten hat. Doch 1939 war sie das nicht!

    Ein Blick auf die Karte vermutet hinter dem riesigen Territorium eine gewaltige Kraft, womöglich eine Bedrohung. Doch gerade das täuscht enorm. Jene Landmasse weckte bis heute zwar den Appetit ihrer Feinde, doch war sie für den Sowjetstaat ein existenzielles Problem. Seine Grenzen, die längsten der Welt, zu sichern, schien nahezu unmöglich.

    Jahrzehntealte Strategie

    Daher versuchten seit Jahrhunderten vor allem Europäer, dieses rohstoffreiche Land zu erobern und seine Bevölkerung zu knechten. Doch alle, die das versuchten, wurden früher oder später hinausgeworfen. Das hatte allerdings seinen Preis: die zivilisatorische Entwicklung Russlands wurde erheblich behindert.

    Diese Strategie, Russland auf die Art klein zu halten, wird bis heute versucht umzusetzen, denn die Sicherung dieses Territoriums verlangt ungeheure Ressourcen aller Art. Die gegnerische kriegstechnische Überlegenheit musste durch Einfallsreichtum, große Opferbereitschaft sowie im Kriegsfall letztlich durch größere Verluste und Zerstörungen ausgeglichen werden. Dadurch blieb Russland beziehungsweise die Sowjetunion bis zum Zweiten Weltkrieg faktisch ein Entwicklungsland.

    Nach den sechs Jahren des Ersten Weltkrieges sowie den nachfolgenden Bürger- und Interventionskriegen wurde das aus Russland hervorgehende Sowjetland grundlegend umgekrempelt, kollektiviert, industrialisiert und die Lebensbedingungen wesentlich verbessert. Damit wurden zwar die Grundlagen für die spätere sowjetische Weltgeltung und die Bedingungen zur Abwehr und des Sieges über die Nazis geschaffen, doch 1939 konnte davon noch nicht die Rede sein.

    Realistisches Bild

    Die Sowjetunion besaß im damaligen Europa faktisch kein wirtschaftlich bedeutendes Gewicht, das sich politisch effektiv in die Waagschale werfen ließ. Zudem wurde der nicht minder beachtliche Entwicklungsstand durch die Weltmedien stets heruntergespielt und herabgewürdigt. Nichtsdestotrotz wurde von einer bolschewistischen Bedrohung gesprochen, was sich propagandistisch aber vornehmlich gegen einheimische Kommunisten und linke Intellektuelle richtete.

    Das offiziell vermittelte westliche Russland-Bild war zwar manipuliert, verfügte aber zugleich über realistische Aspekte: Die Sowjetunion war noch ein wirtschaftlich schwaches Land. Die Kommunisten hingegen verteidigten die Sowjets und verbreiteten ein positives und prinzipiell realistisches Bild des Landes. Doch sie überschätzten und glorifizierten oft den realen Wert des Erreichten. Der Einfluss dieser Auffassungen blieb zumeist nur auf die eigenen Genossen, deren Familienangehörigen und Sympathisanten beschränkt. Allgemein herrschte der Antisowjetismus vor.

    Ähnlich verhielt es sich mit der militärischen Stärke der Roten Armee. Sie hatte im Bürger- und Interventionskrieg von 1918 bis 1922 vor allem gegen ihre einheimischen Gegner gesiegt. Diese Siege waren nach westlicher Lesart aber der Weite seines Territoriums und dem vorherrschenden Wetter geschuldet. Im Baltikum, Finnland und vor allem gegen Polen, alles kleine Länder, hatten die Rotarmisten verloren.

    Geschwächte Kampfkraft

    Die erniedrigenden Friedensverträge mit diesen Ländern waren Ausdruck von Schwäche, aber auch des sowjetischen Friedenswillens. Sowjetrussland verlor enorme Gebiete und Geld für Kontributionen. Seine Soldaten mussten mehrfach gegen einheimische Aufständische kämpfen, in Mittelasien bis 1933.

    Neben dem staatlichen Wieder- und Neuaufbau wurde die Rote Armee mit großem Aufwand modernisiert, auch im technischen Bereich. Doch die Ergebnisse dieser enormen Leistung konnten bis 1939 kaum greifen. Zudem schwächten die Stalinschen „Säuberungen“ das Offizierskorps. Von dieser Armee wurde im Westen und auch in Deutschland nicht viel gehalten. Die imposanten Militärparaden auf dem Roten Platz riefen bei den westlichen Beobachtern Bewunderung, doch keinen nachhaltigen Respekt hervor.

    Nur die Japaner, die in mehreren Grenzschlachten die Kampfkraft der Roten Armee auszuloten versuchte, entwickelten in der Folge Respekt, der sie später von einer Aggression gegen die Sowjetunion abhalten sollte. Doch bei Lichte betrachtet waren das Verteidigungskämpfe. Zu Offensiven war die Rote Armee trotz gegenteiliger Konzeption kaum in der Lage.

    Bedingt abwehrbereit

    Das belegen die relativ hohen Verluste an Kampftechnik und an Menschen gegen schwache Gegner während ihre Einmarsches 1939 in Polen und vor allem im Finnland-Feldzug. Das war im Westen und auch in Hitlers Umgebung bekannt.

    Zudem verfügte die Rote Armee gegenüber anderen Ländern über weitaus weniger Soldaten. Die Wehrpflicht wurde erst nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges eingeführt. 1937 hatte sie bei einer Bevölkerung von 170 Millionen Menschen nur 1,4 Millionen Soldaten. Polen mit 35 Millionen Einwohnern hatte 1,8 Millionen unter Waffen. Deutschland mit 79 Millionen Bürgern hatte 2,7 Millionen Soldaten. In Japan war das Verhältnis 71 Millionen Einwohner zu drei Millionen Militärs und in Frankreich 42 Millionen zu 2,4 Millionen Soldaten.

    Angesichts dessen war die UdSSR auch nicht in der Lage, sich allein zu verteidigen geschweige denn andere anzugreifen. Deshalb war sie nicht nur aus ideologische Gründen am Frieden interessiert. Vor allem seit ihrem Eintritt in den Völkerbund 1934 versuchte sie erfolglos eine antideutsche Abwehrfront durch ein System kollektiver Sicherheit zu erreichen. Obwohl seit 1917 die Franzosen und Briten die Hauptfeinde der Sowjets waren, bot die Bedrohung durch Deutschland die reale Möglichkeit, auch London und Paris zu einem Bündnis zu bewegen.

    Westliche Täuschungen

    Moskau ging zu Recht davon aus, dass Adolf Hitler zwar ständig betonte, die Sowjetunion erobern zu wollen, doch dazu vorher den Versailler Vertrag aushebeln und Europa besetzen musste. Das nahm der Westen aber nicht ernst und glaubte aber, Deutschland zu einem Krieg gegen die UdSSR drängen zu können. Hitler ließ sie in ihrem Glauben.

    So unterzeichnete das faschistische Deutschland im September 1938 mit England und im Dezember 1938 mit Frankreich jeweils ein Gewaltverzichtsabkommen. Diese gewissermaßen Nichtangriffsverträge sind bis heute moralisch nie in Frage gestellt worden waren.

    Der Westen wollte außerhalb des Geschehen bleiben und führte Polen hinters Licht, indem sie Hilfe zusagte. Polen sollte fallen und die Wehrmacht anschließend gleich gegen die UdSSR weitermarschieren.

    Doch darauf fiel Hitler nicht herein. Polen war das erste deutsche Aggressionsziel, weshalb ein polnisch-sowjetisches Bündnis verhindert werden musste. Das und nichts anderes war der Zweck des von Hitler angestrebten Nichtangriffsvertrages mit der Sowjetunion. Die Kampfkraft der Roten Armee wurde zwar niedrig eingeschätzt, doch in Verbindung mit den Polen hätte sie die Deutschen aufhalten oder in einen längeren Krieg verwickeln können. Das befürchtete Hitler, der seine Kräfte nicht in russischen Weiten zersplittern, sondern zuvor Westeuropa ausschalten wollte.

    Klare Erkenntnis

    Dies polnisch-sowjetische Verteidigungsverbindung kam auch deshalb nicht zustande aufgrund zielgerichtet falscher westlicher Zusagen an Warschau. Als es ein Zusammengehen mit den Sowjets ablehnte, gab es für Moskau keinen Grund mehr, sich an dem ausbrechenden Krieg zu beteiligen und das deutsche Angebot eines Nichtangriffsvertrages abzulehnen. Die Sowjetunion war somit der letzte Staat, der ein derartiges Abkommen mit dem faschistischen Deutschland abschloss. Nachdem alle sowjetischen Bemühungen um eine antideutsche Abwehr gescheitert waren, erklärte die UdSSR ihre Neutralität und bekräftigte es mit jenem Vertrag mit den Deutschen.

    Doch selbst ein sowjetisches Bündnis mit Polen und dem Westen hätte Hitler nicht von seinem Polen-Feldzug abgehalten. Im Mai 1939 machte er bei einer Kommandeurstagung deutlich, dass er den Krieg auch beginnen würde, wenn sich die UdSSR und die Westmächte gegen ihn verbündeten:

    „Grundsatz: Auseinandersetzung mit Polen – beginnend mit Angriff gegen Polen – ist nur dann von Erfolg, wenn der Westen aus dem Spiel bleibt. Ist das nicht möglich, dann ist es besser, den Westen anzufallen und dabei Polen zugleich zu erledigen... Ein Bündnis Frankreich – England – Russland gegen Deutschland – Italien – Japan würde mich veranlassen, mit einigen vernichtenden Schlägen England und Frankreich anzugreifen.“

    Von der Sowjetunion sprach er nicht, denn diese war für ihn ein militärisch schwacher „Koloss auf tönenden Füßen“, den er bis zum Dezember 1941 glaubte, in einigen Monaten mit Sommerausrüstung erobern zu können. Die Sowjetunion hatte schon im September 1939 erkannt, dass sie wie Polen allein dagestanden hätte. Moskau war klar, dass es allein weder einen Krieg beginnen noch führen konnte.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Rote Armee, Faschismus, Adolf Hitler, Polen, Krieg, Deutschland, Sowjetunion, Zweiter Weltkrieg, Geschichte