06:17 21 Oktober 2020
SNA Radio
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Von
    2925321
    Abonnieren

    Was erwartet den Euro und was ist vom Euro zu erwarten? Medienmeinungen darüber gehen weit auseinander. Die Zukunft der europäischen Gemeinschaftswährung reicht von „Leitwährung der Grünen Ökonomie“ bis „Zusammenbruch unter wirtschaftlichen und politischen Gegensätzen der EU“.

    Es lässt an vergangene Katastrophen denken, was der renommierte Wirtschaftskolumnist Ambrose Evans-Pritchard in der Londoner Zeitung „The Telegraf“ über die Zukunft des Euro schreibt. Der Wirtschaftsexperte zählt zu den konservativen Vertretern seiner Zunft – Euphorie ist nicht seins. Und so teilt er auch den Freudentaumel nicht, dem die Finanzmärkte wegen der jüngsten Entscheidungen der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank verfallen: „Die Deutschen fürchten, dass die EZB der Weimarer Reichsbank in die Inflationsfalle folgt“, schreibt der Brite in seiner Kolumne. Die „Großzügigkeit“ der EZB-Chefin Lagarde „verstärkt Spannungen im Verhältnis zu Deutschland und diese Spannungen können den Euro in Stücke reißen.“

    Christine Lagarde gehe ein zu hohes Risiko ein, „wenn sie wirtschaftliche Anreize erhöht, während die Geldmenge in der Eurozone mit einem Tempo wächst, das man seit der Einführung des Euro nicht gesehen hat“. Hinzu kommt nach Ansicht des Experten ein enormes politisches Risiko für die EZB-Chefin, „denn das Bundesverfassungsgericht hat geurteilt, dass die Europäische Zentralbank mit ihrem Kaufprogramm für Staatsanleihen kompetenzwidrig gehandelt habe“.

    Anschließend bringt der Kolumnist eine ganze Truppe an deutschen Wirtschaftsexperten vor, die sich alle in einem Punkt einig sind: Die EZB tue im Grunde nichts anderes als Länder wie Italien mittels der Banknotenpresse zu retten, was für den Euro noch schwerste Probleme auslösen werde. Auch die Bandbreite der Stimmen gegen den Euro als solchen ist in dem britischen Artikel recht groß – angefangen bei Otmar Issing, einem der Gründerväter der EZB, bis zu den führenden Volkswirten weltgrößter Banken.

    Zitiert wird beispielsweise Thomas Mayer, ehemaliger Chef-Volkswirt der Deutschen Bank. Er warnt, das Vorgehen der EZB werde für den deutschen Steuerzahler noch überraschend schlimme Folgen haben: „Wir könnten auf eine Inflation wie in den 1970ern zusteuern“, sagt der Ökonom laut „The Telegraf“. „Die EZB generiert dieses ganze Geld, während die Angebotsseite der Wirtschaft (durch die Entglobalisierung) schrumpft. Wenn die Menschen in Deutschland mit einer Inflation von fünf Prozent aufwachen, kommen sie zu dem Schluss, dass der Euro außer Kontrolle geraten ist.“

    Die Beunruhigung des Wirtschaftsexperten bedarf einer Erklärung: Würde das EZB-Geld nicht für die Rettung Italiens und anderer Länder verwendet, sondern für die Förderung der exportorientierten Wirtschaft, wäre das Vorgehen der Europäischen Zentralbank noch einigermaßen gerechtfertigt. Aber dies wird es nicht geben, denn die Europäische Kommission verfolgt andere Ziele, und es herrschen Handelskriege. Also geht das Geld allein in den Binnenmarkt mit allen daraus resultierenden unabsehbaren Negativfolgen.

    Man kann die Situation jedoch auch anders sehen: Von der Seite nämlich, dass die Maßnahmen der EZB darauf gerichtet sind, die Eurozone in der Gegenwart zu retten, um dem Euro den Status einer Leitwährung in der Zukunft zu sichern. Die Agentur „Bloomberg“ beispielsweise schreibt, der Weg des Euro zur globalen Stärke führe über die Grüne Ökonomie.

    „Der Euro hat eine dominierende Stellung im schnell wachsenden Markt für Grüne Anleihen eingenommen. Nahezu die Hälfte aller Grünen Wertpapiere wurde letztes Jahr in Euro emittiert, wie aus EZB-Daten hervorgeht. Diese Entwicklung korrespondiert mit dem ambitionierten Ziel der Europäischen Union, den Kontinent bis 2050 zur ersten klimaneutralen Weltregion zu machen. Die Rolle des Euro als Hauptwährung im Kampf gegen den Klimawandel könnte seinen Stellenwert als globale Leitwährung letztlich stärken.“

    Wer in die europäische Gemeinschaftswährung investieren will, steht also vor der Wahl, was für die Zukunft von größerer Tragweite sein könnte: Dass durch die EZB nach Einschätzung einiger deutscher Experten mehrere Pleite-Länder finanziert werden. Oder dass der Euro von Finanzinstrumenten genutzt wird, die zur Rettung des Klimas und zur Förderung einer fossilfreien Wirtschaft dienen – mit allen damit einhergehenden Schulden.

    Wer daran glaubt, dass am Ende doch nur die Realwirtschaft zählt, wird die pessimistischen Einschätzungen der britischen und deutschen Experten teilen müssen, die keine guten Aussichten für den Euro prognostizieren. Sollten aber doch diejenigen Recht behalten, die an eine auf Windrädern und Elektroautos basierte Wirtschaft glauben, dann hat der Euro ungeachtet heutiger Schwierigkeiten eine glänzende Zukunft. Medial sind die Euro-Optimisten gegenwärtig deutlich präsenter. Aber wenn man bedenkt, dass die Zentralbanken der Welt sich Zeit damit lassen, ihre Dollar- und Goldbestände gegen den „grünen“ Euro einzutauschen, dann sind die Euro-Skeptiker der Wahrheit offensichtlich näher.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Manuela Schwesig fordert bei Nord Stream 2 die Grünen heraus: „Sie haben behauptet, dieses Gas...“
    USA erweitern Sanktionen gegen Nord Stream 2
    Reisen nur noch mit Anmeldung? – Spahn-Ministerium plant strengere Auflagen
    Alleine gegen 15 Länder – Sachsen-Anhalt wehrt sich gegen neue Rundfunkgebühren
    Tags:
    Christine Lagarde, Inflation, Europäische Zentralbank (EZB), Euro