12:51 25 Oktober 2020
SNA Radio
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Von
    9549
    Abonnieren

    Die Covid-19-Pandemie stellt zweifellos eine ernste Bedrohung dar. Die Verantwortlichen werten den Rückgang der Infektionen als Beweis für die Richtigkeit des „Lockdowns“. Der damit angerichtete gesellschaftliche Schaden scheint aber den eventuellen Nutzen zu übersteigen. In Teil 4 der Analyse geht es um die politischen Ziele und die Mittel.

    Zu Beginn der Epidemie war verständlich, dass im Zweifel eher zu strenge als zu lasche Maßnahmen ergriffen wurden, um zu verhindern, dass das neue Virus Sars-Cov 2 sich massiv ausbreitet. Doch mit dem jetzigen Kenntnisstand gibt es keine sachliche Grundlage mehr für ein längeres Festhalten an weitgehenden Kontaktbeschränkungen –  zumindest wenn es um das ursprüngliche Ziel geht, die Ausbreitung des neuen Virus soweit einzudämmen, dass das Gesundheitssystem nicht überfordert wird. Tatsächlich war es in Deutschland nie auch nur annähernd am Limit, wie sich schon Anfang April zeigte.

    Jene, die die Aufrechterhaltung strenger Beschränkungen befürworten, erwecken jedoch den Eindruck, es ginge darum, Neuinfektionen und Todesfälle möglichst auf Null zu reduzieren. Dem Grundrecht auf Leben habe sich schließlich alles unterzuordnen. Natürlich ist es wünschenswert, die Zahl derer, die schwer an Covid-19 erkranken oder sogar daran sterben, so gering wie möglich zu halten, doch nicht um jeden Preis. Wenn es darum ginge, wie selbst Kanzlerin Angela Merkel betont, mit allen Mittel jeden vermeidbaren Todesfall zu verhindern, dann müssten auch „alle Kraftfahrzeuge verboten werden“, wie Oliver Lepsius, Professor für Verfassungstheorie, treffend bemerkte.

    Auch müssten sofort ähnlich drastische Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung mit Feinstaub, Stickoxiden und anderen Stoffen ergriffen werden, durch die jährlich zigtausende Menschen sterben und die offensichtlich auch maßgeblich zu schweren Verläufen bei Coronakranken führt. Wenn es der Politik generell um den maximalen Schutz von Menschenleben ginge, so gäbe es ein weites Feld, wo sie dies ohne gefährliche Nebenwirkungen tun könnte: von der Umwelt, über die Flüchtlinge im Mittelmeer und Europas Grenzen, bis zu den Wirtschaftsblockaden gegen missliebige Länder.

    Beherrschbares Risiko

    Im Grunde sind sich alle Experten einig, dass es nicht realistisch ist, die weitere Ausbreitung des Virus völlig aufzuhalten. Davon geht die bereits zuvor erwähnte 14-köpfige Expertengruppe aus. Selbst der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler, stellte Ende April fest, dass das Virus „noch monatelang in unserem Land bleiben“ werde. Es „aus der menschlichen Population auszurotten“ werde nicht gelingen. Aus diesem Grund müssten die Maßnahmen, mit denen das Virus Sars-Cov 2 eingedämmt werden soll, so angepasst werden, dass sie über längere Zeit aufrechterhalten werden können. Statt allein der „Logik eines maximalen Infektionsschutzes“ zu folgen, müssten dazu die Auswirkungen einzelner Verbotsmaßnahmen inklusive ihrer Nebenwirkungen überprüft und abgewogen werden.

    Sechs Prominente appellierten Ende April in einem Gastbeitrag im Magazin „Der Spiegel“ an die Politik, den Lockdown so rasch wie möglich zu beenden. Sie verwiesen auf den Umgang mit der Grippe, durch die in Deutschland bis zu 25.000 Menschen jährlich sterben.

    „Dieses Risiko nehmen wir als Gesellschaft hin, ohne über Lockdowns oder auch nur eine Impfpflicht nachzudenken.“

    Auch der Lungenarzt Santiago Ewig plädierte Anfang Mai gegenüber „Spiegel online“ dafür, sich am Umgang mit der Influenza zu orientieren und „ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Covid-19 ein Risiko ist, das in Relation zu anderen Risiken gesehen und gehandhabt werden sollte. … Wie das Beispiel Influenza zeigt, sind die Menschen sogar mitunter recht sorglos hinsichtlich der Bedrohung ihrer Gesundheit durch Infektionen. Obwohl es einen Impfstoff gegen Influenza gibt, verzichten 85 Prozent der Deutschen auf diesen Schutz.“

    Da ein Impfstoff gegen Sars-Cov 2 frühestens in einem Jahr, vielleicht aber auch viel später oder auch gar nicht kommen wird, wird das wirksamste Mittel gegen Covid-19 auf absehbare Zeit die schrittweise Immunisierung der Bevölkerung sein. „Erst wenn die sogenannte Durchseuchung der Bevölkerung bei 60 bis 70 Prozent“ liege, so RKI-Chef Wieler, sei „die Pandemie unter Kontrolle“. Ob tatsächlich ein so hoher Prozentsatz nötig ist, ist nicht sicher. Manche Epidemiologen rechnen mit einem deutlich geringeren Anteil.

    Übertriebene Maßnahmen

    Eine deutlich bremsende Wirkung auf die Ausbreitung des Virus tritt Untersuchungen zufolge schon bei einer Immunisierung von zehn oder 20 Prozent der Bevölkerung ein. Je größer der Anteil derer ist, die gegen das Virus immun sind, desto geringer ist der Anteil derjenigen, die bei den befürchteten zweiten und dritten Wellen oder bei plötzlichen lokalen Ausbrüchen durch „Superspreader“ infiziert werden. Auch aus diesem Grund ist ein maximaler Infektionsschutz nicht sinnvoll.

    Ein zu starkes „Abflachen der Kurve“ sei kontraproduktiv erklärte zum Beispiel die Expertengruppe um den Medizinwissenschaftler Thomas Schrappe in ihrem Thesenpapier. Wie viele anderen Experten plädieren sie daher dafür, eine größere Zahl von Infektionen zuzulassen, vorwiegend in jüngeren Teilen der Bevölkerung. Wie gezielte Untersuchungen bestätigen, haben unter 65-Jährige ohne problematische Vorerkrankungen ein sehr geringes Risiko schwer an Covid-19 zu erkranken oder daran zu sterben.

    Gleichzeitig müssen Menschen über 70 und andere Risikogruppen so gut wie möglich geschützt werden. Es müssten gezielte Strategien für den Umgang mit „Clustern“ mit hohen Infektionsraten entwickelt werden, die immer wieder auftreten können. Das erwähnte14-köpfige Expertenteam empfahl Anfang April, die Ausbreitung des Erregers so einzudämmen, dass „die natürliche Immunität in der Bevölkerung langsam ansteigt“ und gleichzeitig Gruppen mit hohem Risiko zu schützen.

    Blindfliegende Politik

    Parallel dazu sollte „das Gesundheitssystem gestärkt werden, um bestmögliche Therapien für möglichst viele Erkrankte – mit COVID-19 ebenso wie mit anderen schweren Erkrankungen – gewährleisten zu können“. „Soziale und psychische Härten bei der Pandemiebekämpfung“ müssten „so weit wie möglich“ vermieden und „Grundrechtseingriffe dem Verhältnismäßigkeitsprinzip gemäß auf das erforderliche und angemessene Maß“ beschränkt werden. Alle Beschränkungen sollten am tatsächlichen örtlichen Risiko orientiert werden, also an regionalen Infektionsraten, Verbreitungspotential, freien Klinik-Kapazitäten und erreichter natürlicher Immunität.

    Für gezielte Kontrollen müssten aus Sicht der Experten möglichst bald Schnelltests flächendeckend und für jedermann verfügbar sein. Mit ihrer Hilfe könnte auch ein besonderer Schutz älterer Menschen in Alters- und Pflegeheimen sichergestellt werden, ohne sie zu isolieren. Zu strengen Hygienevorschriften müsste ein Schnelltest für Besucher am Eingang kommen, wie auch häufige Virustestungen bei Gesundheits- und Pflegebeschäftigten.

    Um die Epidemie-Entwicklung in Deutschland genau einschätzen zu können, fehlen nach wie vor die von vielen Fachleuten von Beginn an geforderten Studien mit repräsentativen Stichproben aus der Bevölkerung, eine „nationale Covid-19-Kohorte“. Diese würde nicht nur endlich ein genaueres Bild liefern, wie viele Menschen tatsächlich infiziert wurden und wie viele davon schwer erkrankten. Sie brächte zudem durch begleitende Befragungen auch Hinweise auf die häufigsten Wege der Ansteckung.

    Mangelhafte Datenbasis

    Angesichts der drastischen Anti-Corona-Maßnahmen, die derart Grundrechte einschränken oder außer Kraft setzen und viele Menschen in existenzielle Not bringen, hätte es selbstverständlich sein müssen, so rasch wie möglich die Datenbasis für weitere Entscheidungen zu verbessern. Dazu gehört auch, die Wirksamkeit wie auch die Folgen der Maßnahmen umgehend durch entsprechende Studien zu überprüfen.

    So blieb es der Eigeninitiative von Wissenschaftlern überlassen, die Datenbasis zu verbessern. Erste Schritte machte der Virologe Hendrik Streeck mit Kollegen von der Universität Bonn, die im Landkreis Heinsberg die erste, wenn auch kleine repräsentative Studie durchführten. Eine weitere hat in München unter Federführung von Michael Hölscher, Direktor des Tropeninstituts, begonnen: In einer Antikörper-Studie sollen rund 4.500 Teilnehmern in 3.000 Haushalten daraufhin untersucht werden, ob sie bereits infiziert wurden. Das soll helfen, für Deutschland die Dunkelziffer besser abschätzen zu können.

    Das RKI hat nun zwar eine repräsentative bundesweite Studie geplant, mit der die Verbreitung von Antikörpern ermittelt und die Teilnehmenden zu Krankheitsverläufen befragt werden soll. Allerdings sollen dazu nur noch 15.000 Personen statt der ursprünglich vorgesehen 100.000 untersucht werden. Studienbeginn war Mitte Mai, erste Ergebnisse erwarten die Wissenschaftler im Juni 2020. Gleichzeitig wurden Medienberichten zufolge bis Anfang Mai nur die Hälfte der vorhandenen Testkapazitäten ausgenutzt.

    Verspätete Kontaktverfolgung

    Ähnlich verschleppt wird auch die strikte Nachverfolgung aller Infektionsketten. Mit dieser könnten die Ausgangsbeschränkungen und Schließungen auf betroffene Personenkreise, Schulklassen, Firmen-Abteilungen usw. beschränkt werden. Dies wird allgemein als beste Maßnahme gesehen, um auch über Monate und Jahre hinweg die Ausbreitung kontrollieren zu können. Von Politikern wird sie oft als Voraussetzung für weitgehende Lockerungen bezeichnet.

    Umso unverständlicher ist es daher, dass Bund und Länder erst am 25. März verabredeten, pro 20.000 Einwohnern ein Kontaktnachverfolgungsteam aus fünf Personen einsetzen zu wollen. Den Ausführungen von Bundeskanzlerin Merkel am 20. April zufolge war dies vier Wochen später noch nicht richtig im Gange. Dann hieß es, eine flächendeckende Nachverfolgung sei erst möglich, wenn die Zahl der Neuinfektionen pro Tag auf wenige Hundert gesunken sei, und das auch nur mit einer Smartphone-App.

    Das ist schwer nachzuvollziehen: In Hochzeiten waren zwar bis zu 6.000 Infektionen am Tag gemeldet worden – das waren bei bundesweit rund 380 Gesundheitsämtern im Schnitt jedoch nur etwa 16 pro Amt. Wären sofort ein bis zwei Dutzend Mitarbeiter pro Amt beauftragt worden, die Infizierten zu befragen und deren Kontaktketten nachzuvollziehen, hätten sicherlich schon früh viele von ihnen in häusliche Quarantäne geschickt werden können – auch ohne fragwürdige Überwachungstechnik.

    Unterbesetzte Gesundheitsämter

    Dabei geht es auch hier nicht um hundertprozentigen Schutz. Es wäre schon viel gewonnen, wenn nur 50 Prozent rechtzeitig erreicht würden. Da dadurch die Reproduktionsrate bereits massiv gedrückt würde, könnten die meisten flächendeckende Einschränkungen, aufgehoben werden.

    Auch Anfang Mai, als die täglichen Infektionszahlen schon unter 1.000 gefallen waren, hatten die Gesundheitsämter einer Medien-Umfrage zufolge immer noch zu wenige Beschäftigte, um die Kontakte aller Infizierter ausreichend nachverfolgen zu können. Gerade einmal 21 der 119 Ämter, die geantwortet haben, gaben an, nachweislich alle Kontaktpersonen auf das Virus zu testen. Baden-Württemberg wollte bis Ende Mai endlich knapp 3.000 Menschen im öffentlichen Gesundheitsdienst dafür einstellen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    „Das ist wirklich fatal“ – Worauf Manuela Schwesig bei den Grünen aufmerksam macht
    „Krieg der Sterne aus Ramstein“ – Kritik am neuen Nato Space Center
    Auf welche Waffe die Nato im Konflikt gegen Russland setzen soll – US-Denkfabrik
    Tags:
    Covid-19, Robert-Koch-Institut, Angela Merkel, Deutschland, Pandemie, Coronavirus