14:46 23 Oktober 2020
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    Nach fünf Jahren mit wenig Erfolg muss sich eine Missgeburt des Jugendjournalismus vom Medienmarkt verabschieden: das „Spiegel“-Produkt „Bento“ wird ab Herbst eingestellt. Die Gründe sind typisch: Wenig Leser, fast keine Anzeigenkunden – und dazu noch ein leerer Radikalismus, der bei den jungen Deutschen wohl nur gering ankommt. Eine Glosse.

    Es gibt unterschiedliche Formen von Extremen. Eigentlich sollte das Jugendportal „Bento“ seit 2015 breite Schichten Jugendlicher ansprechen, noch besser – alle jungen Menschen unter 30 quasi für seriösere Angebote des Hamburger Großverlages vorbereiten. Doch etwas ist schiefgelaufen. Schließlich beschlossen„Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klussmann und die Verlagsspitze in einer Krisensitzung am 8. Juni, das Projekt zu beenden, weil es sich wirtschaftlich nicht mehr trägt.

    Mit dem Charme eines kühlen Buchhalters dankte Klusmann den politischen Bankrotteuren von „Bento“ sarkastisch für ihren hervorragenden Einsatz. Man wolle sich nun auf etwas Anderes umstellen. Laut Chefredakteurin Barbara Hans zeigten Analysen, dass sich die eigentliche Zielgruppe des Magazins eher Orientierung zu Fragen rund um Studium und Jobeinstieg wünsche. Amen.

    Denn bisher agierte die „Bento“-Truppe aus 16 Redakteuren, die weitgehend Narrenfreiheit hatte, immer wieder überwiegend als eine Art Propagandaorgan der LGBT-Szene und machte Stimmung gegen angebliche Homophobie. Eigentlich ihr gutes Recht, auch die Minderheiten zu repräsentieren. Doch ist das alles, was die jungen Deutschen interessieren soll? Der sektiererische Kurs transformierte sich ab einem bestimmten Zeitpunkt in einen sehr arroganten und ungeduldigen Minderheitenkult. Dass die meisten doch nicht zur Schwulen und Lesben-Szene gehören, ignorierte man wohl entweder bewusst oder aus eigentlicher Ratlosigkeit. 

    Screenshot von der Internetseite bento.de
    © Foto : bento.de
    Screenshot von der Internetseite bento.de

    Ebenso gehaltlos zeigte sich „Bento“ neulich zu den Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt. Ein merkwürdiger Beitrag der nach eigenen Angaben unter Selbsthass leidenden Autorin Franziska Bulban schmückt seit Mittwoch die Startseite – unter dem Titel „Weiße bei ‘Black Lives Matter’: Eine Demoteilnahme ist kein Freispruch“, in dem in etwa suggeriert wird, die Weißen seien von Natur aus Rassisten, weil sie Weiße seien.

    „Manche von uns weißen, privilegierten Deutschen (…) sind wirklich nicht so viel besser als gewalttätige Polizisten in den USA“, meint Bulban. Selbstzufriedenheit töte, und zwar: „Wir töten nicht. Wir lassen das andere für uns machen.“ „Was machen wir, die privilegierte Mehrheit, hier eigentlich?“, fragt die Autorin weiter mit Blick auf die Menschen mit Migrationshintergrund und People of Color in Deutschland. „Wie rechtfertigen wir denn unsere Art zu leben? (...) Ich fürchte, wir müssten die Hälfte unserer Gehälter spenden...“.

    In einem anderen Text geht die angeblich antirassistische politische Korrektheit so weit, dass man meint, Kindern müsste faktisch verboten werden, an Karneval etwa als Indianer herumzulaufen – weil man „Menschen aus anderen Kulturen damit verletzen kann, wenn man ein solches Kostüm trägt...“ Im Gegensatz zum Rassismus kann es zugleich eine „Deutschfeindlichkeit“ per Definition nicht geben, suggeriert der Autor Marc Röhlig in einem entsprechenden Beitrag über die Polizeistatistik. „Deutschfeindlichkeit“ sei eine Beleidigung für echte Opfer von Rassismus, behauptet Röhlig zu der Tatsache, dass in der polizeilichen Kriminalstatistik 2019 132 Straftaten als „deutschfeindlich“ registriert wurden. Mit dem Begriffsgebrauch mache das Bundeskriminalamt hier einen rechtsextremen Kampfbegriff salonfähig und spiele Angriffe auf Menschen herab, die vom „echten“ Rassismus betroffen seien.

    Russland war ein heißes Objekt bei „Bento“ – und da ging man über das Klischee vom Putin-Reich mit einer nur sehr beschränkten tendenziösen Themenauswahl, siehe wieder die LGBT-Community, kaum hinaus.

    „So genial trollt ein Wettbüro Putin und seine homophobe Politik“ – hier eine kuriose Frage zur WM 2018: „Darf man mit Putin feiern?“. Oder eben ein Vorschlag, „Putins Russland“ nach dem wenig gelungenen US-Spionage-Thriller „Red Sparrow“ verstehen zu lernen.

    Die von einer täglichen Lektüre der „New-York Times“ geprägten Redakteure haben sich dazu kaum zurückgehalten, die US-Mediennarrative über die russische Politik öfter unkommentiert zu übernehmen. In dem Sinne: Das neue „Time“-Cover bringe Trumps Abhängigkeit von Putin auf den Punkt und zeige, wer im Weißen Haus regiere. Oder: Ooops, Trump habe Putin zur Wiederwahl gratuliert! Das hätte er nicht machen dürfen, haben doch gewisse Berater gewarnt, schrieb die „Washington Post“, und sagten die freundlichen Quellen im Weißen Haus. Punkt!

    Vorbote größerer Katastrophen beim „Spiegel“?

    Letztendlich verschärfte die ideologische Ausblendung von Teilen der Realität durch tonangebende „Bento“-Schreiber mehr und mehr die Isolation dieser Propagandisten von der Zielgruppe junger Leser. Dass die Chefredaktion des „Spiegels“ diesem Treiben jahrelang zusah, spiegelt wohl die allgemeine Orientierungslosigkeit der Leitung des Magazins wider, die mehr und mehr an eigenem Profil verlor, je stärker sie sich entschied, im Mainstream zu lavieren.

    Eine Diskussion über die konzeptionellen Ursachen des Fiaskos von „Bento“ versucht man aber im „Spiegel“ nach Sputnik-Informationen offensichtlich zu vermeiden. Denn der politische Kurs der „Bento“-Leute mit ihren exzessiven Extremen hat in Teilen der Redaktion, vor allem bei den von US-Treue geprägten Redakteuren, nach wie vor zahlreiche aktive Unterstützer. Und die nächste publizistische Aufgabe wartet schon: die Heiligsprechung des Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und eine propagandistische Unterstützung der Demokratischen Partei, die als makellose Kämpferin gegen das absolut Böse präsentiert werden müsse.

    Die Devise lautet dabei nicht, wie von Gründer Rudolf Augstein formuliert: „Schreiben, was ist“, sondern „Schreiben, was sein sollte“.

    Insofern ist das Desaster von „Bento“ womöglich nur der Vorbote größerer Katastrophen, die den „Spiegel“ früher oder später selbst erschüttern könnten.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Homosexualität, LGBT, Jugend, Der Spiegel