06:20 21 Oktober 2020
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    Noch vor der offiziellen Grenzöffnung sind am Montag mehrere Gruppen von Deutschen auf Mallorca gelandet. Die mit dem Flug in einer vollgestopften Maschine verbundenen Infektionsrisiken nahmen die Urlauber gern in Kauf. Ist ein Mallorca-Trip riskanter als eine Demo in Berlin?

    In mehreren Medien wurden die in überfüllten Maschinen dicht nebeneinander sitzenden Fluggäste als „Versuchskaninchen“ bezeichnet. An ihrem Reiseziel wurden sie aber am Montag von Hotelangestellten auf den Balearen mit Applaus und Begrüßungsgetränk aufgenommen und mussten sich dabei wohl ein bisschen wie die ersten Raumflieger fühlen. Der zusätzliche Bonus, den nun die „Waghalsigen“ genießen können, sind die nahezu menschenleeren Strände, Pools, Promenaden und Lokale.

    Das Leben als Lottospiel

    „Der Sommer der Entspannung – kann man das Virus erstmal vergessen?“ lautete das Thema des  jüngsten ARD-Talks „Hart aber fair“. Die Rollenverteilung war dabei die für die Corona-Talkshows der letzten Monate übliche: Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach gegen einen FDP-Politiker – diesmal war es allerdings nicht Christian Lindner, sondern sein Vize Wolfgang Kubicki. Und auch diesmal fielen die Kontrahenten nicht aus ihren Rollen: Der besorgte SPDler warnte vor Gefahren, der lockere FDPler plädierte dafür, auf die Risiken zu pfeifen.

    „Da wäre ich niemals mitgeflogen, trotz Maske“, so Lauterbach zum „Pilotprojekt Mallorca“. „Das ist ein Experiment, es kann gut gehen, es kann aber auch nicht gut gehen.“ Kubicki erwiderte: „Unser ganzes Leben ist Lottospielen… Wir dürfen nicht dauernd Angst produzieren.“ Und fügte hinzu: „Das Experiment Mallorca ist kein Experiment Deutschlands. Es ist ein Experiment der Spanier, um zu sehen, ob deutsche Touristen sich einigermaßen anständig benehmen können.“ Immerhin sollen die Neuansteckungsraten in Deutschland momentan höher sein als auf den Balearen – insofern haben die Ortseinwohner allen Grund zur Besorgnis, wobei sie sich natürlich auch auf die spendablen Touristen freuen dürften.

    Mit dem „Angst produzieren“ meinte Kubicki übrigens unter anderem auch Das Erste: „Wer jeden Abend ein ‚Corona Extra‘ sieht, bekommt Ängste“, äußerte der Liberale.

    „Black-Lives-Matter“ in Deutschland: “Hat man da als Politiker eine Beißhemmung?“

    Mallorca-Flieger hin oder her: Das Reisen scheint momentan für die Deutschen nicht unbedingt das größte Corona-Risikofaktor zu sein. Trotz der erfreulich sinkenden Fallzahlen und zunehmenden Lockerungen kann man anscheinend genügend Virus-Portionen abbekommen, ohne sich allzu weit vom eigenen Domizil zu entfernen. Bei „Hart aber fair“ wurde ein Zuschauer-Video eingeblendet: Wie solle man den Politikern noch Glauben schenken, die Versammlungen von mehr als zehn Teilnehmer bestrafen lassen und zugleich Anti-Rassismus-Demonstrationen in mehreren Großstädten erlauben, zu denen Zigtausende kommen?

    Der Talk-Moderator Frank Plasberg leitete die Frage an die Politiker mit einer sarkastischen Bemerkung weiter: „Hat man da reflexhaft als Politiker eine Beißhemmung, bei so einem guten, gesellschaftlich erwünschten Zweck zu sagen - ‚Das geht überhaupt nicht?‘“ Lauterbach wies diesen unverblümten Doppelzüngigkeits-Verdacht vehement ab: „Ich habe das sofort kritisiert und gesagt, dass solche Demonstrationen ein Sargnagel ist für die Disziplin, die wir unbedingt benötigen, um eine zweite Welle zu vermeiden. Selbst beim besten Zweck sollen wir die Regeln einhalten, sonst machen wir uns völlig unglaubwürdig… Dies war ein GAU für die Pandemiebekämpfung.“

    Kubicki bewertete dieses Problem nicht viel anders, als liberaler Politiker sah er sich jedoch verpflichtet zu folgender Anmerkung: „Grundgesetzlich ist garantiert, dass man demonstrieren darf – aber mit Abstand und Mundschutz… Wenn aber die Polizei versuchen soll, eine Demonstration mit 20.000 Menschen aufzulösen, wird es unverhältnismäßig. Die Konflikte, die daraus entstehen, wären wahrscheinlich viel gravierender, als die Veranstalter aufzufordern, die Demonstration zu beenden und die Leute nach Hause gehen zu lassen.“

    Am Mittwoch beschlossen Bund und Länder, das Verbot für alle Großveranstaltungen wie Volks-, Stadt-, Straßen-, Wein- und Schützenfeste bis mindestens Ende Oktober gelten zu lassen. Bleiben nun die politischen Demos die einzige Form von Events, bei denen sich die Menschen in großen Mengen würden austoben dürfen?

    Corona-Hotspot in Neukölln: „Arme und bildungsferne Menschen“

    Wie die Berliner mittlerweile vor ein paar Tagen erfahren haben, muss man eben gar nicht bei einer Blake-Lives-Matter-Demo am Alex skandieren oder in einer vollgepackten Maschine nach Mallorca düsen, um ein Corona-Virus zu schnappen. Ein unüberlegter flüchtiger Kontakt im Bezirk Neukölln könnte vielleicht schon genügen. Derzeit stehen dort nämlich rund 370 Haushalte in mehreren Wohnblocks unter Quarantäne, meldete rbb. In einer Mietskaserne nahe des Treptower Parks hatte es in den vergangenen Tagen einen sprunghaften Anstieg von Corona-Infektionen gegeben. Die inzwischen ermittelten rund 70 Infektionsfälle seien auf eine relativ abgeschlossene Bevölkerungsgruppe begrenzt, die gemeinsame Merkmale habe: "Es sind sehr arme und zum großen Teil auch bildungsferne Menschen, die uns sehr vertraut sind im Gesundheitsamt, die wir aber schlecht erreichen und die in einer gewissen Abschottung zu anderen leben", stellte der Amtsarzt des Bezirks, Patrick Larscheid, im inforadio des rbb fest.

    Der Mediziner teilte dabei die Skepsis einiger seiner Kollegen hinsichtlich der Effektivität der von der Regierung gepriesenen Corona-Warn-App. Diese sei eher als "Spielzeug für die digitale Oberschicht" zu werten. Daher könnten ärmere und benachteilige Menschen weniger gut vor Infektionen geschützt werden. "Das ist nicht nur so in Berlin, sondern auch ein deutschlandweites Problem", meinte er.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Demos, Urlaub, Coronavirus