15:57 07 Juli 2020
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    Jeden Tag werden in Deutschland laut der Kriminalstatistik 43 Kinder sexuell missbraucht. Die Dunkelziffer dürfte dabei viel höher liegen. Ein geeigneter Anlass für Politiker, sich regelmäßig aufzuregen und ihrer Empörung Luft zu machen. Warum ist aber der Kampf dagegen so uneffektiv, fragte Maybrit Illner am Donnerstagabend ihre ZDF-Studiogäste.

    „Jahrelang ist weggeschaut worden, ich will keine Diskussionen mehr“, empörte sich der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU). „Kluge Analysen bringen nichts. Wir müssen jetzt loslegen.“

    Höchststrafen wie bei Mord

    Diskutiert wird im Studio dennoch. Das allererste Thema: Muss der Kindesmissbrauch härter geahndet werden? Für Sonja Howard ist die Antwort offensichtlich: natürlich. Von ihrem Stiefvater war sie jahrelang missbraucht worden, als er schließlich schuldig gesprochen wurde, bekam er lediglich zwei Jahre auf Bewährung. „Das war ein Freispruch“, so Howard. Schließlich sei das Trauma für die Betroffenen dann ihr ganzes Leben spürbar. Kindesmissbrauch „ist für mich wie Mord, das muss so behandelt werden“, meinte auch Reul. Dabei liegen die Höchststrafen für diese Delikte laut Strafgesetzbuch bereits jetzt zwischen zehn und 15 Jahren. Verblüffender Weise wird aber davon kaum Gebrauch gemacht: Selbst bei schweren Missbrauchsverbrechen kommt nur in 0,5 Prozent aller Verurteilungen der Strafrahmen von bis zu 15 Jahren zur Anwendung – bei einem überwältigenden Prozentsatz von Bewährungsstrafen, selbst im Wiederholungsfall.

    „Kann man Pädophile heilen oder umpolen?“ fragte Maybrit Illner den aus Hamburg zugeschalteten Sexualforscher Peer Briken. Nach seiner Meinung werde der Begriff „pädophil“ allzu oft unkorrekt gebraucht. Der Standpunkt der Wissenschaft dazu: Höchstens 15 Prozent der Täter seien „kernpädophil“, bei den meisten sei das Ausüben der Macht das Hauptmotiv und nicht die perverse „Kinderliebe“ (wie der Begriff wortwörtlich aus dem Griechischen übersetzt wird).

    „Als Kind denkt man, es ist normal“

    Wichtig sei, die Kinder möglichst früh aufzuklären und denen nahe zu legen, dass die Gefahr nicht vordergründig von einem „Fremden im Auto“ ausgehen könnte, betonte Sonja Howard, die heute im Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs auf Bundesebene tätig ist. Der überwältigende Anteil der Fälle geschehe nämlich im engsten Familien- und Freundeskreis. In 93 Prozent der Fälle kennen sich Opfer und Täter. „Wir müssen den Kindern sagen, dass es jemand sein kann, den sie kennen und mögen.“ Ihr wurde nämlich erst viel später bewusst, dass sie jahrelang missbraucht worden war, gestand sie. „Als Kind denkt man, das ist normal.“ Ihre Mutter habe sicherlich etwas gemerkt, wollte das aber wohl nicht wahrhaben.

    Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) plädierte in der Sendung für einen Beratungsanspruch für alle Kinder. Notwendig sei auch eine „kindergerechte Justiz“. Es sei nämlich wichtig, Kinder maximal in den juristischen Prozess einzubeziehen, damit sie „angehört werden“. „Wir haben oft keinen anderen Beweis als die Zeugenaussagen eines Kindes“, betonte sie.  Und: „Wir brauchen Kinderrechte im Grundgesetz.“

    Datenschutz-Regeln stehen Ermittlungen im Weg

    Staufen, Lüdge, Bergisch Gladbach, Würzburg, Münster – die Menge der von Maybrit Illner aufgezählten Fälle, die erst in der jüngsten Vergangenheit für Schlagzeilen sorgten, dürfte davon zeugen, dass auch immer mehr Fälle aufgedeckt werden. Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, meinte jedoch, dies sei nur „die Spitze des Eisbergs“. Hinzu komme, dass der Jugendschutz noch „im Zeitalter von CD-ROM und VHS-Kassette“ stecke, während die im Bereich Kinderpornos im Netz operierenden Verbrecher bestens ausgerüstet seien. Nach seiner Überzeugung müssten die Plattformbetreiber zur Verantwortung gezogen werden. An dieser Stelle tangierte er das umstrittene Thema Vorratsdatenspeicherung. Die aktuellen Datenschutz-Vorschriften erschwerten sehr oft die Ermittlungen. Giffey gab zu verstehen, dass auch dieses Thema für sie kein Tabu sei: „Wenn die Vorratsdatenspeicherung ein Punkt ist, der dazu gehört, dann müssen wir uns den ansehen und dann müssen wir das auch machen.“

    „Das Thema muss mitten in die Gesellschaft gerückt werden, damit keiner mehr wegschauen kann“, betonte Reul. Im Unterschied zum Mord, mit dem der Minister eine Parallele zog, dürfte Kindesmissbrauch mittlerweile eine unvergleichlich stärkere Verbreitung haben. In jeder Schulklasse sitzen, statistisch gesehen, mindestens zwei Betroffene, konstatierte Giffey. 

    Apropos „Spitze des Eisbergs“: So manche Themenbereiche wurden in der zeitlich streng bemessenen Sendung gar nicht erwähnt, obgleich sie in letzter Zeit sehr wohl zum Diskurs gehören. Etwa die jüngsten Enthüllungen im kirchlichen Umfeld oder das Projekt des Sozialpädagogik-Professors Helmut Kentler, der seinerzeit als Abteilungsleiter beim vom Berliner Senat eingerichteten Pädagogischen Zentrum „Pflegestellen“ bei pädophilen Männern hatte einrichten lassen. Insofern war dies bei weitem nicht der letzte TV-Talk zu dem Thema, da die Fortschritte bei der Bekämpfung des Problems vorerst recht bescheiden wirken.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Kindermisshandlung, Kindermissbrauch, Franziska Giffey