07:09 25 Oktober 2020
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    Der Aufstand in Ostpolen im Jahr 1939 wurde von den dort lebenden Ostslawen getragen. Um den ostslawischen Charakter des Aufstandes zu ignorieren, wurden und werden bis heute die dortigen Juden als Hauptakteure benannt. Die in Polen weitgehend unbekannten Tatsachen bieten jedoch hinsichtlich der Juden ein völlig anderes Bild.

    Im belorussischen und ukrainischen Ostpolen bestand die Bevölkerung in den 1930er Jahren zu über 80 Prozent aus Bauern. Dort befanden sich nur sieben Prozent der polnischen Industrie. Die Menschen verdienten nur sieben Prozent des polnischen Durchschnittsgehaltes und waren bis zu 50 Prozent Analphabeten. Zwischen den Fronten des permanenten nationalen und sozialen Befreiungskampfes der unterdrückten ostslawischen Bevölkerungsmehrheit gegen die polnische Fremdherrschaft standen zehn Prozent jüdische Bevölkerung.

    Sie wies gegenüber den polnischen Kerngebieten einige Besonderheiten auf. Juden waren im Gegensatz zur ostslawischen Bevölkerungsmehrheit staatstreu. Die Händler und Handwerker lebten vor allem in Städten. Dort bildeten sie die überwiegende Mehrheit, teilweise bis zu 92 Prozent. Juden galten als Stamm der Stadtarmut und lebten zumeist nicht besser als arme Bauern, die ihnen gegenüber oft nicht wohlgesonnen waren.

    Sie waren aber – auch gegenüber den 30 Prozent Polen – am besten gebildet, sprachen Polnisch, Russisch, Jiddisch und Hebräisch. Ohne Ausnahme besuchten sie die Schule, es gab keine Analphabeten und sie waren sehr lernbegierig. Die gebildeten Bürger, die dazu noch Deutsch oder Französisch sprachen, waren vor allem im privaten Schulwesen beschäftigt. Sie waren in Vereinen in Bildung, Kultur und Sport sowie in religiösen und politischen Organisationen aktiv.

    Aktiv und staatstreu

    Die jüdische Gesellschaft war politisch sehr aktiv, wenngleich sehr zersplittert. Die jüdischen Religionsgemeinschaften spielten auch eine administrative Rolle und waren Ansprechpartner für die staatlichen Behörden. In den Gemeinschaften rangen verschiedene jüdische politische Gruppierungen um Macht und Einfluss.

    Hauptkonkurrenten waren die Konservativ-Klerikalen und die verschiedenen Zionisten. Im dafür repräsentativen Polasien war der Einfluss wie folgt verteilt: Konservative machten zehn Prozent aus, nicht-zionistische Sozialisten fünf Prozent, Zionisten 85 Prozent. Alle standen loyal zur Staatsmacht, waren antikommunistisch und antisowjetisch eingestellt. Eine gewisse Ausnahme bildeten die zionistischen Linkssozialisten.

    Bei den Kommunalwahlen ergab sich folgendes Bild: Konservative und bürgerliche Zionisten errangen je zwölf Prozent, rechtsextreme und religiöse Zionisten zusammen zehn Prozent. Damit waren 34 Prozent im bürgerlichen Lager. Zionistische und nicht-zionistische rechte Sozialdemokraten kamen zusammen auf 22 Prozent, die zionistischen Linkssozialisten auf acht Prozent.

    Stramm antikommunistisch

    Die überwiegende Mehrheit der Juden in Ostpolen wählte also stramm antikommunistisch. Das kam auch bei den Parlamentswahlen zum Ausdruck. 1922 wählten Juden vor allem den bürgerlichen Block Nationaler Minderheiten, in denen aber auch bürgerliche Belorussen und Ukrainer waren, mit 32 Prozent. 1928 votierten sie uneinheitlich: Der Block errang nur sieben Prozent, die bürgerlichen Zionisten zwei Prozent. Dafür kam die gegen die polnischen Nationalisten auftretende Regierungspartei auf 29 Prozent. Damit hatten die Juden wesentlichen Anteil an der Stärkung des bürgerlichen Lagers unter Marschall Piłsudski (insgesamt fast 40 Prozent).

    Die prosowjetischen Orientierungen kamen aus dem linken belorussischen Spektrum. Am besten organisiert waren die Kommunistischen Parteien Westbelorusslands und der Westukraine. Sie waren illegal und verfügten aber trotz permanenter Verfolgung über großen Einfluss. Unter ihnen gab es auch etwa 400 jüdische Genossen, die in vielen Städten in den Leitungsfunktionen leicht gegenüber den Belorussen, Ukrainern und wenigen Polen überwogen. Diese hatten aber mit der jüdischen Gesellschaft gebrochen und waren Atheisten.

    Juden verhalten sich seit Jahrtausenden immer loyal zur jeweiligen Staatsmacht, so auch in Polen. Ihnen, auch eingedenk ihrer streng bürgerlichen Ideologie, eine prosowjetische Orientierung anzudichten, ist Verleumdung. Dennoch hatte diese politisch höchst interessierte und über entsprechende Information aus dem sowjetischen Rundfunk verfügende Gruppe eine differenzierte Haltung gegenüber der Sowjetunion.

    Differenzierte Haltung zur UdSSR

    Obwohl sie unter dem Zarismus Russlands zu leiden hatten, war ihre Haltung zu den Sowjets weitaus positiver. Die Rote Armee hatte sich 1919/20 ihnen gegenüber korrekt verhalten, es gab keine Pogrome oder Plünderungen. Diese kamen erst wieder, als die Polen jene Gebiete in Besitz nahmen. Auch in den 1930er Jahren überfielen junge polnische Nationalisten oft jüdische Verkaufsstellen. 1937 hatte es in Brest ein antijüdisches Pogrom gegeben.

    In der UdSSR waren viele Juden in staatlichen Funktionen, darunter höchsten, während sie in Polen nur ein Prozent der Angestellten im öffentlichen Dienst ausmachten. Die einheimischen Kommunisten und ihre Organisationen bekämpften den Antisemitismus. Zugleich war ihnen bekannt, dass die Sowjetmacht gegen bürgerliche Kräfte und ihren Besitz kompromisslos vorgegangen war. Ein Teil ihrer nichtzionistischen Jugend und jüdische Arbeitslose sahen in einer sowjetischen Perspektive durchaus die Möglichkeit persönlicher Emanzipation.

    Als auf die Nachricht vom sowjetischen Einmarsch in Ostpolen ab dem 17. September ein Aufstand ausbrach, waren es Belorussen und Ukrainer, die ihn führten. Sie verfügten über Erfahrungen in Krieg, Partisanenkampf und im Umgang mit Waffen. Letzteres hatten Juden immer ausgeschlossen. Zudem fanden die meisten Aktivitäten in den Dörfern statt, wo Juden nur drei Prozent der Bevölkerung ausmachten. Ihre Nähe zu polnischen Gutsbesitzern zwang sie zu äußerster Zurückhaltung.

    Nationaler ostslawischer Aufstand

    An diesen teilweise blutigen Auseinandersetzungen nahmen Juden nicht teil, auch in den Städten. Hier waren es in erster Linie Belorussen, Ukrainer und arme Polen, die oft aus den Dörfern kamen und den Aufstand anführten. Sie bildeten rote Milizen und Revolutionskomitees und wurden von Linken geführt. Juden gab es hier nur wenige, meist waren es ganz arme. Allerdings wurden nun polnische Nationalisten von vielen Juden wegen ihrer Arroganz verhöhnt.

    Die polnischen Rechten werfen den Juden vor, 1939 die Rote Armee begrüßt zu haben. Doch wer sollte sie denn sonst empfangen, wenn die Städte zumeist jüdisch bewohnt waren? Die meisten trieb in diesen verschlafenen Städtchen die reine Neugier auf die Straßen, wo sie erstmals einmalige Militärtechnik bewundern konnten. Dass ein sehr geringer Teil der Juden die Sowjets als Befreier sah, sie mit Blumen und Triumphbögen begrüßte, ist eine verständliche Tatsache.

    Für die meisten hingegen war das eine traditionelle Handlung den neuen Herrschenden gegenüber. Es war ein Ritual seit Jahrhunderten. 1920 hatten offizielle jüdische Vertreter den Führer der polnischen Armee, Józef Piłsudski, in Ostpolen mit Brot und Salz begrüßt.

    Unbeabsichtigte Rettung durch Deportation

    Nach dem Aufstand übernahmen viele Juden – vor allem wegen ihrer Bildung – Funktionen in der neuen Verwaltung, in der über 50 Prozent Polen arbeiteten. Das rechnen ihnen die polnischen Rechten bis heute als Verrat an. Sie verschweigen aber zugleich, dass die Sowjetmacht bis 1941 etwa 83.000 Juden als Vertreter der bürgerlichen Klasse ins Innere der Sowjetunion deportierte.

    Aus diesen Gebieten kamen später 75 Prozent der polnischen Überlebenden des Holocausts. Sie hatten zumeist im Inneren der UdSSR überleben können. Ohne den Befreiungsfeldzug 1939 wären auch sie von den deutschen Faschisten getötet worden. Allein die Rettung der ostpolnischen Juden legitimierte den Einmarsch der Sowjettruppen 1939.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Wehrmacht, Rote Armee, Sowjetunion, Deutschland, Polen, Zweiter Weltkrieg, Geschichte