02:43 25 Oktober 2020
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    Ich habe im letzten Herbst die bereits international geführte Debatte mitverfolgt, die Präsident Putin mit seinen Vorschlägen für eine neue umfassende historische Untersuchung der Entwicklungen vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ausgelöst hatte

    Wie ich der Berichterstattung entnahm, kündigte Präsident Putin damals an, dass er dazu einen Artikel verfassen wollte. Als ich diesen gestern auf der Website des Außenministeriums der Russischen Föderation in der englischen Übersetzung las, gingen mir viele Gedanken durch den Kopf.

    Zunächst geht aus seinem Beitrag das Anliegen hervor,  politische und militärische Maßnahmen vor dem Kriegsausbruch 1939 neu zu bewerten. In seiner Churchill Biographie reflektiert übrigens auch Boris Johnson dazu. Ein frischer Zugang einer neuen Generation von Historikern und das Durchforsten der Archive können eine andere Lesart so mancher eingefahrener Wahrnehmungen bringen. Dafür müssen alle Archive geöffnet werden, so eine der wesentlichen Aussagen des Artikels.

    Gerade die Sowjetunion war für Historiker  in diesem Zusammenhang ein oft schwieriges Pflaster. Die Bedeutung von Archivmaterial ist mir als Juristin, die zwar ein Faible für Geschichte hat, aber dieses Handwerk der Quellenforschung nicht erlernt hat, durchaus bewusst. Ich durfte selbst im Jahr 1988 die Archive im Büro des israelischen Premiers für meine Doktorarbeit zu Grenzbegriffen im Nahen Osten aufsuchen. Das Studium der Telegramme und Aktennotizen von 1947/48 half mir außerordentlich,  die Kriege und territorialen Veränderungen jener Epoche im Nahen Osten in einem neuen Licht zu sehen. Nur Primärquellen geben die ersten Antworten, die dann in ihren Zusammenhängen zu studieren sind.

    Weiter wurde mir bei der Lektüre des Artikels neuerlich klar, in welchem Umfang wir mit sehr unterschiedlichen Sichtweisen auf die vielen Nachkriegsordnungen in Europa leben und arbeiten. Der Text  zum 75. Jahrestag des Endes  des Zweiten Weltkrieges mag polarisieren, wenn es um die Verhandlungen zu Polen, um die Passivität der Europäer und den Wunsch Hitlers, die UdSSR in eine Konfrontation mit Großbritannien hineinzuziehen, geht.  Dazu fällt mir die interessante These des irischen Historikers Brendan Simms ein, der im Vorjahr das Buch „Hitler: Eine globale Biographie“ publizierte. Das sorgt seither für viel Gesprächsstoff. Simms meint: Hitlers Antriebskraft für seine aggressive Politik sei einer Hassliebe zu Anglo-Amerika entsprungen. Brendan Simms spricht selbst von einer möglichen neuen Geschichtswahrnehmung. Weder hören Historiker auf, über Hitler oder Stalin zu debattieren, noch haben wir eine gemeinsame Idee von so mancher Chronologie des Schreckens. Kriege beginnen nicht offiziell, sie brauen sich zusammen.

    Was lernt ein Wiener Gymnasiast Geburtsjahr 1965 über die Blockade von Leningrad? Ich erfuhr erst mit Mitte 30 durch eine TV Doku über jene Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht, die mein Vorstellungsvermögen übersteigen. Für Millionen Russen sind die Berichte aus jener Zeit gleichsam in die Herzen eingebrannt.

    Zufällig war ich 2016 um den 9. Mai in  St Petersburg, es war mein erster Besuch in dieser außergewöhnlichen Stadt. Ich durfte die Erinnerungsparade mit den Bildern der Gefallenen oder Ermordeten aus nächster Nähe beobachten. Inmitten der Menschenmenge von Kindern, Teenagern, Mittvierzigern und Pensionisten verstand ich erstmals die Bezeichnung „Großer Vaterländischer Krieg“, der im Deutschen sonst bloß der Zweite Weltkrieg genannt wird.  Ja, den Kloß im Hals, von dem der Autor Präsident Putin zu Beginn seines Textes schreibt, verspürte ich, auch wenn der Krieg in meinem Fall die andere Seite betraf.

    Eine Großtante, Jahrgang 1907, war für mich die Zeitzeugin jener grauenhaften Epoche, die mindestens eine Generation zum Verstummen brachte. Wer das Unvorstellbare überlebt hatte, schwieg sehr lange. Jene Großtante Valerie hatte die Kraft zu reden, vor allem zu erklären, warum einige in der Familie Hitlers Einmarsch im März 1938 zujubelten und andere die Katastrophe heraufdämmern sahen. Sie war damals 31 Jahre, frisch verheiratet und setzte sich ans Klavier, um bei offenem Fenster stundenlang die Marseillaise zu spielen, während die österreichischen Nazis in den Straßen ihre deutschen Lieder sangen.  Das Klavierspiel war ihre Form des Widerstands. Sie zahlte einen hohen Preis.

    Im Sinne all jener, egal auf welcher Seite, die ihr Leben auf den Schlachtfeldern und in den Schutzkellern als Zivilbevölkerung verloren haben, muss es uns ein Auftrag sein,  so viele Fakten wie möglich aus allen zugänglichen Archiven historisch aufzuarbeiten. Solange wir die Traumata des Anderen nicht verstanden haben, ist in der Geschichtsschreibung nicht das letzte Wort gesprochen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Geschichte, Zweiter Weltkrieg, Wladimir Putin