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    Allgemein heißt es bis heute, die Sowjetunion habe gemeinsam mit dem faschistischen Deutschland 1939 Polen aufgeteilt und besetzt. Doch der sowjetische Einmarsch ist erst Mitte September 1939 erfolgt. Über die Gründe dafür wird bis heute viel spekuliert. Dabei sind die Antworten im damaligen Geschehen und in bekannten Dokumenten zu finden.

    Die Deutung des „verspäteten“ Einmarsches der Roten Arme am 17. September 1939 in Polen ist einer der bedeutendsten Schwachpunkte der antisowjetischen Legende vom angeblichen Hitler-Stalin- Pakt. Da nachweisbare Überlegungen der Sowjetführung in verschlossenen Archiven schlummern, sind Spekulationen und Behauptungen Tür und Tor geöffnet. Das wurde und wird von den Legendeschreibern reichlich genutzt. Doch auch ihre Erklärungen greifen nicht und sind leicht durch zugängliche Materialien und bekannte Tatsachen zu widerlegen.

    So wird behauptet, der späte Einmarsch der sowjetischen Armee sei deshalb erfolgt, um nicht der Kumpanei mit den deutschen Faschisten bezichtigt zu werden. Doch jener Vorwurf wurde schon nach der Vertragsunterzeichnung im August 1939 erhoben. Ferner wird behauptet, dass die UdSSR mit ihren Vorbereitungen zu lange brauchte, eigentlich aber früher eingreifen wollte. Auch das ist falsch: Die Truppen der sowjetischen Grenzmilitärbezirke waren in erhöhter Gefechtsbereitschaft und handlungsfähig, wenngleich nicht ganz so wie am 17. September 1939.

    Befürchtete Moskau westlichen Angriff?

    Moskau wollte, so heißt es, die Zerschlagung der polnischen Streitkräfte und die Kapitulation Polens vor den Deutschen abwarten. Doch Warschau kapitulierte erst am 28. September 1939. Die Polen kämpften also noch – und das bis in den Oktober des Jahres hinein.

    Eine andere Behauptung lautet: Die UdSSR hätte wegen einer möglichen westlichen Kriegserklärung erst viel später Ostpolen besetzt. Die Westmächte hätten der UdSSR auch nach dem 17. September 1939 den Krieg erklären können. Das erfolgte aber nicht, die Westmächte billigten faktisch ihren Einmarsch. Sie protestierten nicht und schlossen die Sowjetunion nicht aus dem Völkerbund aus. Sie sahen sie eben nicht als Bündnispartner des faschistischen Deutschlands.

    Dann hieß es, die UdSSR wäre in Polen einmarschiert, um Gebietsansprüche realisieren zu können. Auch das ist falsch: Weder der deutsche-sowjetische Nichtangriffsvertrag noch die geheimen Zusatzprotokolle sahen ein verpflichtendes gemeinsames Handeln vor. Die sowjetischen Ansprüche waren ohnehin im Geheimprotokoll verbindlich fixiert worden. Rein theoretisch hätte die Rote Armee nicht eingreifen brauchen.

    Hielten die Japaner die Rote Armee in Schach?

    Eine andere Legende meint, die UdSSR hätte im September 1939 erst die Japaner am Chalchyn Gol im Fernen Osten besiegen müssen. Die Japaner waren aber schon Ende August besiegt worden, wobei sie der Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages zusätzlich von weiterem antisowjetischen Vorgehen abhielt. Am 15. September 1939wurde ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Doch die japanische Gefahr blieb, Truppen wurden kaum abgezogen. Das geschah erst später, als im April 1940 mit Japan ein Nichtangriffsvertrag abgeschlossen werden konnte.

    So konnten die sowjetischen Truppen teilweise aus dem Fernen Osten abgezogen und zur späteren Verteidigung Moskaus eingesetzt werden. Die Legendenschreiber haben hierzu nicht nur keine plausible Erklärungen, sondern bekunden enormes Unwissen über bekannte historische Tatsachen. Aus der Perspektive eines angeblichen deutsch-sowjetischen Bündnisses gab es hierzu eben keine gehaltvollen Ansatzpunkte.

    Dennoch bleibt die Frage, warum die Rote Armee erst am 17. September 1939 in Polen einmarschierte, nachdem die deutsche Wehrmacht das Land schon am 1. September überfallen hatte. Tatsächlich scheint hierbei vieles unverständlich und lässt sich auch nicht mit Spekulationen erklären. Zunächst einmal drängte Berlin Moskau mehrfach zu schnellem Eingreifen, besonders nach den westlichen Kriegserklärungen. So sollte dem Westen ein Bündnis mit der UdSSR vorgespielt und dieser von einer Hilfeleistung für Polen abgehalten werden.

    Hatte Moskau kein Interesse an Polen?

    Berlin aber ließ nicht locker und versuchte immer wieder, die Sowjets zum Eingreifen zu bewegen, einschließlich einer Falschmeldung über den Fall von Warschau. Moskau indes antwortete zumeist mit Ausreden. So erklärte Außenminister Wjatscheslaw Molotow am 10. September 1939, eine Woche vor dem sowjetischen Einmarsch, die Rote Armee würde „bei den hiesigen Verhältnissen zwei bis drei Wochen brauchen“. Das stimmte nicht, denn an diesem Tag, eine Woche nach Auslösung der erhöhten Gefechtsbereitschaft, waren die sowjetischen Truppen schon einsatzbereit.

    Die Analyse der sowjetischen Antworten vermittelt verblüffend den Eindruck von Hinhaltetaktik und sogar Desinteresse. Das war kein Lapsus, sondern Kalkül. Was sich in jenen zwei Wochen exakt im Kreml abgespielt hat, ist nicht bekannt, doch eines ist sicher: Moskau wartete auf Signale und das Eingreifen des Westens.

    Als solche Signale eintrafen, wurde gehandelt: Am 1. September 1939 wurde in der UdSSR die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Damit sollte die Stärke der Roten Armee von über 1,5 Millionen auf vier Millionen Soldaten (1940) anwachsen. Mit der Kriegserklärung Frankreichs und Großbritanniens an Deutschland am 3. September 1939, erst drei Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen, wurden sämtliche Truppenteile und Nachrichtensysteme der Militärbezirke von Leningrad, Kalinin, Moskau, Charkow, Minsk und Kiew durch das Volkskommissariat für Verteidigung in Gefechtsbereitschaft versetzt.

    Hoffte Moskau auf den Westen?

    Wie der deutsche Geschäftsträger am 9. September 1939 nach Berlin berichtete, bedeutete das: Keine Entlassung von Rotarmisten, deren Dienstzeit zu Ende ging, Urlaubssperre für Kommandeure, Einberufung von Reservisten bis zum 45. Lebensjahr, insbesondere technisch Ausgebildete (für Panzer und Truppentransport) und Ärzte. Zudem verschwanden „wichtige Lebensmittel“ aus dem öffentlichen Verkauf und es gab verfügte Einschränkungen bei der Kraftstoffzuweisung usw.

    Das sah ganz nach Kriegsvorbereitungen und nicht nach einem territorial begrenzten Einsatz aus. Aber gegen wen? Die polnisch-sowjetischen Beziehungen hatten sich nicht verschlechtert und blieben korrekt. Nichts deutete auf einen bevorstehenden sowjetischen Einmarsch hin. Gerade dieser Umstand veranlasste die Polen, später von Verrat zu sprechen, dass die Sowjetunion Polen angeblich in den Rücken gefallen wäre.

    Vieles spricht dafür, dass die sowjetische Führung unter Stalin sich bis zum 16. September noch eine andere strategische Option offen hielt: Moskau wartete gemäß der französisch-polnischen Militärkonvention vom Mai 1939 auf die französische Offensive, die 15 Tage nach Beginn eines deutschen Angriffs auf Polen gegen Deutschland erfolgen sollte. Das wäre der 15. September 1939 gewesen.

    Einmarsch erst nach westlicher Zurückhaltung

    Die sowjetische Seite wollte offensichtlich auf Zeit spielen. Sie erwartete zu jener Zeit nicht die schnelle militärische Zerschlagung Polens. Molotow ließ dem deutschen Botschafter mitteilen, dass die „Sowjetregierung durch unerwartet schnelle deutsche militärische Erfolge völlig überrumpelt worden sei“. Moskau hätte mit einigen Wochen gerechnet. Falls es zu einem deutsch-polnischen Waffenstillstand käme, würden die Sowjettruppen nicht in Ostpolen einmarschieren. Solange die Polen kämpften, wäre ein westliches Eingreifen – und somit eine andere sowjetische Option – sinnvoll gewesen.

    Die westlichen Aktionen blieben jedoch aus. Der Westen hatte Polen im Stich gelassen. Damit war die denkbare und auch wahrscheinliche Option, doch noch mit dem Westen und Polen gegen die deutschen Faschisten zu marschieren, nicht mehr möglich. Schlimmer noch: Mit der Weigerung der Führungen der Westmächte am 12. September 1939 in Abbeville (Frankreich), die Moskau über Nachrichtenkanäle mitgeteilt worden war, hätte die Sowjetunion selbst mit einem Bündnisvertrag mit dem Westen allein gegen die faschistische deutsche Wehrmacht gestanden.

    Moskau sah sich nun bestätigt, dass Deutschland über Polen auf die Sowjetunion gehetzt werden sollte. Damit hatte sich der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag als ein sehr kluger politischer Schritt erwiesen. Nun blieb der Sowjetunion nichts weiter übrig, als zu der ungünstigeren, aber inzwischen einzig möglichen und dadurch notwendig gewordenen Konzeption zurückzukehren.

    Ab dem 14. September 1939 wurden die entsprechenden Befehle ausgegeben und in der Nacht zum 17. September wurde die polnische Vertretung in Moskau hastig und übereilt über den bevorstehenden Einmarsch informiert. Durch das bewusste Abwarten riskierte Moskau die Besetzung der ihnen zugeschriebenen Gebiete durch die Deutschen und somit unabsehbare Probleme. Das aber muss es der Sowjetunion wert gewesen sein.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Deutschland, Sowjetunion, Polen, Zweiter Weltkrieg, Geschichte