12:32 06 Juli 2020
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    Was zählen historische Verdienste, wenn die Menge tobt? Durch die harte Hand friedlicher Demonstranten stürzen in den Vereinigten Staaten inzwischen auch Denkmäler jener Männer, die im Amerikanischen Bürgerkrieg nicht für, sondern gegen die sezessionistischen Südstaaten kämpften.

    Jetzt ist auch ein Präsident der Vereinigten Staaten gestützt. „Demonstranten in San Francisco haben am Freitagabend Denkmäler weißer Männer demoliert, die die schwarze und indigene Bevölkerung versklavten“, berichtet die Zeitung „The Guardian“. „Darunter Ulysses S. Grant, der 18. US-Präsident, der im Amerikanischen Bürgerkrieg das Unionsheer zur Zerschlagung der konföderierten Sklavenhalter befehligte.“

    Gemeint ist jener Ulysses Grant, der als couragierter Gegner der Konföderierten im Amerikanischen Bürgerkrieg maßgeblich zum Sieg der Nordstaaten beitrug und anschließend, schon als Präsident, den Ku-Klux-Klan auf Schärfste verfolgte (er setzte das Heer ein zu dessen Zerschlagung).

    Trotzdem haben Demonstranten sein Denkmal niedergerissen, denn einen Sklaven besaß Grant ja doch (knapp ein Jahr lang vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges, weil er ihm geschenkt worden war) – nach heutigen Maßstäben der amerikanischen Zivilgesellschaft unverzeihlich.

    Nicht zu übersehen ist in diesem Zusammenhang dies: Das Hirn und Nervenzentrum der amerikanischen Liberalen – die Yale University – wurde von einem gegründet, der nicht zufällig einen Sklaven besaß, sondern im großen Stil mit Sklaven handelte (Elihu Yale). Dennoch haben die Anti-Trump-Demonstranten bisher weder den Campus gestürmt noch das Hauptgebäude der Uni als ein Symbol der schändlichen Sklavenvergangenheit niedergebrannt.

    Es ist ein Beispiel von mehreren, welches verdeutlicht, dass die „historische Schuld für Rassismus, Sklavenhandel und Kolonialismus“ ausschließlich jenen Politikern, Unternehmen und Einrichtungen in den USA angelastet wird, die auch nur im Geringsten mit den Konservativen verbunden sind. Man will nicht zum Urheber von Verschwörungstheorien werden, aber der Schluss, dass die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA nur eine Art von politischem Kampf innerhalb der US-Eliten sind, drängt sich auf.

    Dass die Proteste ein Mittel im elitären Machtkampf sind, sagen auch einheimische Experten aus den USA in anerkannten Medien. Peter Turchin ist einer, der den Ausbruch der Massenunruhen und politischen Ausschreitungen in den Vereinigten Staaten vor acht Jahren vorhergesehen hatte. Der russischstämmige Mann ist Professor an der University of Connecticut mit dem Schwerpunkt auf mathematischen Modellen für soziokulturelle Prozesse.

    2012 erklärte er amerikanischen Journalisten, der „Arabische Frühling“ sei ein „Morgenkreis im Kindergarten“ im Vergleich zu dem, was in den USA 2020 ausbrechen werde. Das Jahr 2020 ist da, Amerika brennt, und Journalisten erkennen in Herrn Turchin keinen verrückten Professor mehr, sondern einen Propheten.

    Von der Zeitschrift „Vice“ gefragt, wie er und seine Kollegen vor acht Jahren die heutigen Ereignisse in den USA hätten vorhersehen können, sagte der Wissenschaftler, man habe die Faktoren, die die Krise bedingen, über längere Zeit beobachtet: „Tendenzen, die die Instabilität verstärken – sinkender Lebensstandard, zunehmende Rivalität innerhalb der Eliten und Konflikte – haben seit etwa 1980 eine falsche Richtung genommen. 2010 hatten meine Kollegen und ich die Entwicklung seit bereits drei Jahrzehnten analysieren können.“

    Der Konflikt, dessen Ausbruch man heute sieht, sei ein innerelitärer und werde lange dauern, prognostizierte Turchin damals. „Es gab keinerlei Anzeichen für eine Bereitschaft der politischen Eliten zu probaten Schritten, um diese Tendenzen umzukehren. Diese Anzeichen fehlen auch heute“, so der Wissenschaftler laut „Vice“.

    Dabei betont der Professor: Wenn innerelitäre Konflikte mit sinkendem Lebensstandard der Bevölkerung und wachsender Ungleichheit zusammenfallen, dauern sie gewöhnlich lange – fünf bis fünfzehn Jahre. Die Vereinigten Staaten würden gegenwärtig einen Moment erleben, an dem sich mehrere Krisenverläufe überschneiden. Dies habe vor acht Jahren als Grundlage für seine apokalyptische Vorhersage gedient.

    „Die Wahl Donald Trumps ist ein gutes Beispiel für einen politisch motivierten Unternehmer, der die Unzufriedenheit der Massen mit den etablierten Eliten 2016 nutzen konnte, um an die Macht zu kommen. Das hat die Polarisierung und die Rivalitäten innerhalb der Eliten zusätzlich verstärkt“, sagt der Wissenschaftler laut der Zeitschrift.

    Dass seine Prognose vor unseren Augen eintrete, sei für ihn kein Grund zur Freude – zumal er feststellen müsse, „dass die Zeiten dieser harten politischen Instabilität in den Vereinigten Staaten noch lange anhalten werden“. Währenddessen stellen Meinungsforscher in den USA fest, dass 34 Prozent der wahlberechtigten US-Bürger glauben, auf die Vereinigten Staaten komme in den nächsten fünf Jahren ein zweiter Bürgerkrieg zu. Ernst zu nehmende Werte.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Kolonialpolitik, Rassismus, Ausschreitungen, George Floyd, USA