06:14 21 Oktober 2020
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    Der amerikanische Aktienmarkt boomt. Wertpapiere der 500 größten US-Firmen haben die Krisenverluste fast wieder eingespielt – allerdings vor dem Hintergrund schwerer Rezession, fallender Umsätze und einer Pleitewelle. Finanzexperten sehen eine Aktienblase ohnegleichen und raten zum Verkauf, solange es noch nicht zu spät sei.

    Die größte Volkswirtschaft der Welt steht im zweiten Jahresquartal vor dem größten Rückgang der Wirtschaftsleistung in der Geschichte: minus bis zu 50 Prozent. Ein Meer von Arbeitslosen flutet das Land, denn Firmen berichten reihenweise über wegbrechende Umsätze und melden sich bankrott. Aber am Aktienmarkt scheint nichts davon anzukommen: Innerhalb der letzten drei Monate ist der S&P 500 um 40 Prozent hochgeschnellt und hat dadurch die in der Pandemie entstandenen Verluste wieder eingespielt.

    Hilfreich war hierbei der Eingriff der Federal Reserve. Die amerikanische Notenbank hat den Leitzins im März dieses Jahres zwei Mal gesenkt (auf schließlich 0 bis 0,25 Prozent), ein Anleihen- und Hypothekenkaufprogramm für 500 bzw. 200 Milliarden Dollar aufgelegt und anschließend erklärt, unbeschränkt Wertpapiere kaufen zu wollen.

    Analysten haben gewarnt: Überschüssige Liquidität blähe nur eine weitere Blase auf, deren Platzen die Märkte sprengen werde. Bisher seien amerikanische Aktien nur einmal derart überbewertet gewesen wie jetzt, mahnt Großinvestor und Gründer von Appaloosa Management, David Tepper: nämlich 1999, kurz vor der schlimmen Dotcomkrise.

    Jetzt warnt auch Star-Investor Jeremy Grantham, in Aktien zu investieren sei momentan ein „Spiel mit dem Feuer“. Anleger sollten amerikanische Werte „dringend verkaufen“ und sich den Emerging Markets zuwenden, lautet der Expertenrat.

    „Das ist eine beispiellose Rallye, die schnellste aller Zeiten und die einzige in den Geschichtsbüchern, die vor dem Hintergrund unzweifelhaft erkennbarer wirtschaftlicher Probleme stattfindet. Das ist die vierte und wahnsinnigste Blase in meiner ganzen langen Karriere“, sagte der 81-Jährige, der schon in den Siebzigerjahren einen der weltersten Index-Fonds startete.

    Grantham gilt in Börsenkreisen als Guru. Er sagte die Finanzkrise in Japan in den Achtzigern voraus, die Dotcomkrise 2000 und den Hypothekencrash 2007. Anfang Juni hat seine Investmentgesellschaft – die Grantham Mayo van Otterloo (GMO), die einen Fonds von 60 Milliarden Dollar verwaltet – den Anteil von US-Aktien am Portfolio abrupt reduziert: von 55 auf 25 Prozent. Laut dem Star-Investor fehlt dem jetzigen Boom jede vernünftige Basis.

    Es nimmt ein böses Ende

    Im Jahresanfangsquartal fielen die Gewinne der 500 größten US-Firmen auf das Jahr umgerechnet um 661 Milliarden Dollar – fast um 50 Prozent. „Das ist ein neuer Tiefpunkt seit dem Krisenjahr 2009“, sagt Joseph Carson, Chef-Volkswirt bei Alliance Berstein. Er sieht im zweiten Jahresquartal eine Verschlimmerung der Lage kommen, weil Absätze und Industrieproduktion pandemiebedingt einbrechen werden. Nach Carsons Prognose wird das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 bis Ende dieses Monats die Auswüchse der Dotcomblase noch übertreffen.

    „Die Kluft zwischen Märkten und wirtschaftlicher Realität war noch nie so groß“, mahnt Matt King, Leiter Credit Product Strategy der Citigroup. Die Erwartung, dass die ultralockere Geldpolitik der Federal Reserve die Unternehmen finanziell besserstellen würde, hat sich nicht erfüllt. Sobald die Anleger das Ausmaß erfasst haben, in dem die Unternehmensgewinne gefallen sind, wird der amerikanische Wertpapiermarkt zusammenbrechen, sagen Experten reihum.

    Investor und Hedgefonds-Manager Stanley Druckenmiller (George Soros Funds) sagt, das Verhältnis von Risiko und Rendite sei gegenwärtig das schlechteste, das er je gesehen habe. Deshalb gebe es keine Garantien, dass die Rallye sich fortsetze. Aber die amerikanische Notenbank hat ja ohnehin zugesagt, hochverzinsliche Unternehmensanleihen – also die mit dem höchsten Risiko – uneingeschränkt aufzukaufen.

    Allerdings könnten die Märkte so stark fallen, dass die Fed nicht nur Junk-Papiere und Unternehmensanleihen, sondern auch Aktien von Investoren wird aufkaufen müssen, sagt Scott Minerd, CIO des Vermögensverwalters Guggenheim Partners: „Amerikanische Aktien sind die nächsten auf der Liste“, warnt er. Das wird ein schlechtes Ende nehmen, denn das, was momentan passiert, hat bislang niemand erlebt.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Finanzkrise, Finanzblase, aktienmarkt, USA