04:50 28 September 2020
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    Der Corona-Ausbruch im Fleischkombinat Tönnies hat im ARD-Talk „Hart aber fair“ am Montagabend im Mittelpunkt gestanden. Das Fazit: Die politische Zukunft von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet erleidet dadurch wohl den größten Kollateralschaden.

    „Das Geschehen ist klar lokalisierbar“, behauptete NRW-Ministerpräsident Armin Laschet auf einem Video, das dem ARD-Talk „Hart aber fair“ am Montag als Einspieler dient und im Laufe der Sendung – zu polemischen Zwecken – noch zweimal abgespielt wird. Die Rede ist vom Corona-Ausbruch im Fleischkombinat Tönnies. „Es hat bisher keinen signifikanten Übersprung hinein in die Bevölkerung des Kreises Gütersloh gegeben“, betonte Laschet. Eine Behauptung, die er mittlerweile sicherlich bereut.

    Rumänen, Bulgaren, Polen: Über 1550 Infizierte bei Tönnies

    Mehr als 1550 Tönnies-Mitarbeiter sind mittlerweile mit Covid19 infiziert,  über 7000 Personen befinden sich in der Quarantäne. Zu einem überwältigenden Anteil handelt es sich dabei um Rumänen, Bulgaren und Polen, die von Leiharbeitsfirmen für wenig Geld angeheuert wurden. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, der in der Sendung über enorme Lockdown-Anstrengungen seiner Behörde berichtete, erwähnte dabei unter anderem „100 Übersetzer“, die mobilisiert werden mussten, um den Tönnies-Mitarbeitern die strengen Quarantäne-Regeln nahezulegen.

    Da der Corona-Ausbruch im Westfleisch-Schlachtbetrieb bereits in der gleichen Talk-Sendung vor zwei Wochen das Thema war, sprach man nun bei „Hart aber fair“ von „Fleischbaronen als Wiederholungstätern“. „Wir wissen doch seit Westfleisch, dass man in der Fleischindustrie genau hinschauen muss“, meinte die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckhardt. „Hinschauen“ hätte selbstverständlich NRW-Ministerpräsident Laschet müssen, der seit einiger Zeit in erster Linie als potentieller Kanzlerkandidat angesehen wird. Journalist Michael Bröcker, seinerzeit langjähriger Chefredakteur der „Rheinischen Post“, brachte es auf den Punkt: „Wie geht denn ein Lockdown nach dem Lockdown? Laschet wird jetzt daran gemessen… Er wird jetzt etwas zurückfahren müssen, was er über Monate protegiert hat.“

    „Man kann mit der Mafia nicht die Mafia bekämpfen“

    Für die ganze Fleischindustrie-Branche musste in der Sendung Christian von Boetticher, Vizechef der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), allein als Prügelknabe strammstehen. Er sah sich auch verpflichtet, das zu verteidigen, was schwer zu verteidigen ist. So zog er auch die für die meisten Gäste der Sendung als selbstverständlich geltende These in Zweifel, der Corona-Ausbruch bei Tönnies stehe in direktem Zusammenhang mit den unzumutbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeitskräfte aus den ärmeren EU-Mitgliedsländern.

    Um die Umstände vor Ort zu beschreiben, holte der Moderator Frank Plasberg den zugeschalteten Pfarrer Peter Kossen in Lengerich in Nordrhein-Westfalen her, der als Sachkundiger in diesem Themenbereich vorgestellt wird. Der Geistliche bezeichnete die Leiharbeitsfirmen als „organisierte Kriminalität“. 250 Euro im Monat sei der übliche Preis für eine Matratze, auf der nicht selten in drei Schichten geschlafen werde.

    „Es werden Wohnungen vollgestopft mit Leuten, so dass man mit sehr erbärmlichen Unterkünften sehr viel Geld verdienen kann.“ „Man kann mit der Mafia nicht die Mafia bekämpfen“, erklärt der Pfarrer zu dem Versprechen des Unternehmers Clemens Tönnies, die Arbeitsbedingungen in der Firma radikal zu verändern. Für Kossen sind Tönnies und seinesgleichen nicht bloß Mafiosi, sondern auch „Sklaventreiber“.

    „Sklaven wurden früher entführt und unter Folter zur Arbeit gezwungen“, entgegnete von Boetticher. „Hier kommen aber Polen, Rumänen, Bulgaren – das ist alles EU-Ausland – freiwillig her, um diese Arbeit zu verrichten.“

    „Sie kommen freiwillig her, aber sie finden sich in Sackgassen wieder“, antwortet der Pastor. „Diese Leute sagen mir selbst: ‚Wir fühlen uns hier wie Sklaven.“

    „Saubermann Tönnies“ mit dunklen Flecken an der Weste

    Anschließend kam in der Sendung eine Sequenz, die dem Milliardär Clemens Tönnies bestimmt nicht geschmeckt hat.  „Tönnies ist der größte Fleischproduzent Europas und machte im vergangenen Jahr mit seinem Unternehmen mehr als sieben Milliarden Euro Umsatz“, hieß es in einem kurzen Video-Porträt des Großunternehmers. „Er präsentiert sich gern als Macher, Saubermann und bodenständig. In der Stadt macht er mit seinen Spenden vieles möglich… Doch die weiße Weste hat dunkle Flecken.“ Die Aufzählung der „Flecken“ wirkt beeindruckend: gesetzwidrige Videoüberwachung von Mitarbeitern, illegale Preisabsprache mit anderen Wurstherstellern, schmutziger Geschäftsstreit mit dem Neffen, ein Rassismus-Skandal…

    „Jetzt geht es wirklich um eine existenzielle Krise für Tönnies persönlich und für sein Unternehmen“, stellte Michael Bröcker im TV-Talk fest. „Das ‚System Tönnies‘ ist beendet.“

    Corona wirke nun im Fall Tönnies, „wie für viele Widersprüche unserer Gesellschaft auch wie ein Brennglas“, fügte Göring-Eckhardt hinzu. „Wir haben jetzt die Chance, das zu ändern, was schon früher nicht in Ordnung war.“ 

    Zu erwähnen wäre wohl auch, dass der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am Montagabend gewohnheitsmäßig mit von der Partie war, um allerdings nur das Übliche vorzutragen: Mit seiner Lockerungsstrategie seien Laschet und die anderen viel zu voreilig gewesen, was Corona nun hier und da rücksichtslos bestrafe.

    Das Nachspiel zu der Sendung vom Montagabend: Am Dienstagvormittag musste der NRW-Ministerpräsident nun doch einen strengen Lockdown für den Kreis Gütersloh verhängen - ein äußerst spürbarer Gesichtsverlust für den Möchtegern-Kanzlerkandidaten.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Armin Laschet, ARD, Tönnies, Coronavirus