23:39 06 Juli 2020
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    Der „Maybrit Illner“-Talk vom Donnerstagabend war endlich mal wieder eine Sendung, die der Bezeichnung „Talk-Show“ gerecht ist. Sie war emotionsgeladen, zuweilen auch dramatisch. Zu verdanken ist das in erster Linie der Tatsache, dass eine Schauspielerin und Kabarettistin eingeladen war, die zugleich eine klare und eindeutige Position vertrat.

     

    „Wir Migranten wissen: Die Polizei schützt uns nicht“, behauptete die Berliner Komikerin Idil Baydar. Alle Migranten stünden bei der Polizei „unter Generalverdacht“. Genügend Beweise für diese Behauptung sah sie auch in den jüngsten Krawallen in Stuttgart, die dem Talk als Anlass dienten. Es kam auch nicht überraschend, dass sie eine Parallele zwischen den Ausschreitungen in Stuttgart und dem neuesten Aufflammen der „Black Lives Matter“-Bewegung in den USA zog.

    Vergleich mit Black Lives Matter „total fatal“

    Die anderen Teilnehmer der ZDF-Gesprächsrunde wollten dies so nicht stehen lassen. „Die Diskussion aus den Vereinigten Staaten absurderweise hierherzutragen, halte ich für total fatal“, empörte sich Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender des „Bund Deutscher Kriminalbeamter“. „Sie machen hier Opfer zu Tätern“, lautete sein Vorwurf an Baydar. Seine Argumente: Eine überwältigende Mehrheit der deutschen Bevölkerung stehe hinter der Polizei, die eine überaus hohe Akzeptanz der Gesellschaft genieße. In leichtem Widerspruch zum „Akzeptanz“-Argument steht allerdings die Statistik: Täglich werden in Deutschland etwa 200 Fälle von Gewalt gegen Polizei registriert.

    Der Vorwurf von CDU-Innen- und Sicherheitspolitiker Wolfgang Bosbach an die Kabarettistin klang schon wie ein persönlicher Ausfall: „Wenn Sie das Niveau etwas anheben würden, wäre ich Ihnen dankbar.“ Nach seiner Überzeugung werde der deutschen Polizei „Rassismus unterstellt“. „Das Problem ist nicht die Polizei“, betonte er.

    Bosbachs Argumente: Die Polizei widerspiegle in beträchtlichem Maße die Gesellschaft, und etwaige rassistische Erscheinungen und Stimmungen, die es geben mag, wohnen genauso der heutigen Gesellschaft inne.

    „Es kann nicht sein, wenn du die Uniform trägst und zugleich Reichsbürger oder bei den Identitären bist und damit die Existenz des Landes in Frage stellst“, betonte der Grünen-Politiker Cem Özdemir. „Es ist ein Privileg, die Uniform zu tragen.“  

    Die „taz“-Kolumne und die „Müll-Rhetorik“

    Durchaus logisch war  denn auch, dass die Moderatorin die „taz“-Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah zur Sprache brachte, in der die Autorin „satirisch“ behauptete, die Polizisten in Deutschland gehörten „auf die Mülldeponie“, „wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind“. „Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt selber am wohlsten“, hieß es in der Kolumne. Begründung: „Schließlich ist der Anteil an autoritären Persönlichkeiten und solchen mit Fascho—Mindset in dieser Berufsgruppe überdurchschnittlich hoch.“

    Özdemir bewertete den Text als „einfach widerlich“, Fiedler habe nach eigenen Worten „keine Silbe von Satire“ im Text erkannt und bedauerte, dass der Text einen dermaßen starken Echo ausgelöst hat, statt gleich „im Mülleimer zu landen“. Als richtig bewerteten Bosbach, Fiedler und Özdemir die Entscheidung von Innenminister Horst Seehofer, auf eine Klage gegen die „taz“-Autorin zu verzichten, damit keine Diskussion über eine Gefährdung der Pressefreiheit im Lande losgetreten wird.

    Und wieder musste sich Idil Baydar in der TV-Runde einsam fühlen, weil sie allein im Studio Hengameh Yaghoobifarah als „hervorragende, großartige und brillante Journalistin“ attestierte – ohne allerdings auf diesen konkreten Inhalt dieses Textes einzugehen. Stattdessen holte sie zu einem heftigen hochemotionalen Schlag gegen Innenminister Horst Seehofer aus, der in keiner Weise darauf reagiere, dass „wir hier mit der Müllrhetorik über Migranten überzogen werden“.   

    „Auch Gymnasiasten“ waren bei Stuttgart-Krawall dabei

    Sebastian Fiedlers Reaktion auf Baydars inbrünstigen Auftritt klang am Schluss ebenfalls nahezu persönlich, weil er diesen als „eine Art Bühnenprogramm“ bewertete. Da aber zumindest drei von vier Studiogästen die rassistischen Motive hinter den Randalen in der Stuttgarter Innenstadt bestritten haben, blieb am Ende des Tages unbeantwortet, was diesen außerordentlichen Wutausbruch gegen die Polizei und damit gegen den Staat ausgelöst haben mag. Wie Özdemir feststellte, waren die Randalierer eben nicht ausschließlich Asoziale oder Migranten, sondern es habe unter ihnen „auch Gymnasiasten“ gegeben. „Es ist mir egal, welche Herkunft sie haben. Es sind unsere Jugendlichen, und das darf sich nicht wiederholen.“ „Wir verurteilen hier alle unnötige Gewalt“, so Baydar. „Aber dass es eine generelle Staatsfeindlichkeit gibt, finde ich bis zum Geht-nicht-mehr übertrieben.“  

    Das Fazit der Sendung dürfte lauten: Es war eine recht spektakuläre und unterhaltsame Show, die bestimmte Denkanstöße bei den Zuschauern und substantielle Schlussfolgerungen bei den Politikern nach sich ziehen müsste. Dass dabei am bisschen zu wenig Substanz an den Tag getreten ist, muss nicht unbedingt ein Manko angesehen werden. Özdemir fasste dies wie folgt zusammen: „Jetzt wollen alle schon wenige Tage danach die perfekte Erklärung. Es gab früher mal einen Grundsatz in der deutschen Politik, dass man erst mal die Polizei ihre Arbeit machen lässt. Und dann setzen wir uns hin und unterhalten uns über die Schlussfolgerungen.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Polizei, Horst Seehofer, Wolfgang Bosbach, Cem Özdemir