16:06 29 Oktober 2020
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    War der „Maybrit Illner“-Talk am Donnerstagabend – zumindest ausgehend von dem angekündigten Thema - als eine brisante sozialpolitische Sendung gedacht, so wurde daraus eher eine Werbesendung. Und zwar mehrfach. Es gab lediglich zwei zugeschaltete „periphere“ Akteure, die beim kritischen Thema bleiben wollten, was ihnen auch einigermaßen gelang.

    „Corona trifft nicht alle gleich – schwingt die Solidarität?“ lautete das Talk-Thema. Die beiden „Schwergewichtler“ der Sendung – die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD) und ihr bayerischer Amtskollege Markus Söder (CSU) – nutzten aber die Sendezeit dazu, um die jeweiligen Regionen als attraktive und sichere Urlaubsziele anzupreisen. Wie Schwesig etwa betonte, bietet Meck-Pomm nicht nur endlose Strände, sondern auch „fast schwedische Verhältnisse“ im Hinterland – viel Fläche, viel Natur, wenig Leute. Auch Söder meinte, in Bayern lasse sich der Urlaub hervorragend verbringen.

    „Dauerstand der Erregung“ muss weg!

    Außerdem war er gar nicht zu stoppen bei seiner Lobeshymne für das Land Bayern überhaupt und dafür, wie glänzend der Freistaat – unter seiner Führung, versteht sich - die Pandemie-Tücken gemeistert hätte. Ein besonderer Schwerpunkt galt dabei seiner neuesten Idee, kostenfeie Corona-Tests für alle Bayern zu ermöglichen. „Wir werden bis zu 30.000 Test pro Tag als Kapazität anbieten“, versprach er. Bekanntlich stieß diese Initiative beim Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf Kritik, der vor „falscher Sicherheit“ warnte und das bayerische Vorhaben als „nicht zielführend“ abzuwerten versuchte.  Söder gab zu verstehen, dass er diese Kritik falsch finde. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, ein weiterer Gast der „Maybrit Illner“, stellte sich hinter Söder. Es gehe doch nicht darum, alle und jeden „ohne Sinn und Verstand zu testen“, betonte er und gab zu verstehen, Spahns Kritik könnte ohne Weiteres ignoriert werden. Und überhaupt sei der „Alarmismus“ fehl am Platze, der durch die andauernden Spekulationen über eine zweite Welle erzeugt werde, betonte der Experte und bedauerte den auf diese Weise herbeigeführte „Dauerzustand der Erregung“.

    Die einzige, die sich offenbar fleißig auf das Thema der Sendung vorbereitet hatte, war die zugeschaltete Schriftstellerin und Journalistin Jagoda Marinic. Sie stempelte Bayerns Corona-Test-Initiative als eine „Werbekampagne“ ab und behauptete, die Sterberate in den bayerischen Alten- und Pflegeheimen sei die höchste in Deutschland.

    Laschet ist „entkanzlert“

    Der Corona-Ausbruch in Gütersloh und die Reaktion darauf hatte sicherlich der „Maybrit-Illner“-Redaktion als Anlass gedient, das Thema der Sendung so und nicht anders zu formulieren. Während Schwesig behauptete, „alle Urlaubsgäste“ wären in ihrem Bundesland „willkommen“, verwies der Bürgermeister aus Verl im Kreis Gütersloh, Michael Esken, darauf, dass Urlauber aus seinem Kreis gerade aus Schwesigs Domäne nach Hause geschickt wurden, und sprach von einer „Stigmatisierung“ der Region und deren Einwohner. „Wir sind ganz normale Menschen“, betonte der Bürgermeister. „Wir wollen ganz normal in Urlaub fahren. Wenn wir willkommen sind, ist das auch etwas Gutes.“

    Da drängt sich ganz unvermittelt die Überlegung auf: Wenn die Solidarität mit den Afroamerikanern in den USA zigtausende, auch in Deutschland, zu Demonstrationen inspiriert – warum bleiben dann Solidaritätsbekundungen mit den „stigmatisierten“ Landsleuten aus? Mehr noch: Gewisse ranghohe deutsche Politiker, die dazu noch Anspruch auf einen noch höheren Rang erheben, dürfen sich Äußerungen erlauben, die alles andere als politisch korrekt wirken. Natürlich ist die Rede von dem berühmten Zitat von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der „eingereiste Rumänen und Bulgaren“ für den Corona-GAU in Gütersloh schuldig gemacht hatte. Selbstverständlich wurde das Video mit diesem Zitat in der „Maybrit-Illner“-Sendung wieder gezeigt. Und selbstverständlich sah Marinic darin – und nicht sie allein – eine „rassistische Konnotation“. Nach ihrer Ansicht habe sich dieser Politiker damit „tatsächlich entkanzlert“.

    „Die Regierung war auf drei große Dinge nicht vorbereitet“

    Während Schwesig und insbesondere Söder weiterhin im Eigenlob schwelgten, versuchte Marinic immer wieder, die Diskussion auf das vorgegebene Thema zu bringen.  Dabei musste sie sogar mit Ute Teichert, der Vorsitzenden des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, polemisieren. Die Ärztin behauptete nämlich, die kläglichen Bedingungen, unter denen die Tönnies-Arbeitnehmer schuften und wohnen mussten, seien für den Corona-Ausbruch nicht ausschlaggebend gewesen. Das Virus, so Teichert, „richtet sich nicht nach sozialen Verhältnissen“. Der Ursprung des Problems sei „das Crowding“, das auch bei Großveranstaltungen entstehe. Marinic entgegnete: Der Besuch von Veranstaltungen sei freiwillig – im Unterschied zu den Wohn- und Arbeitsbedingungen. Der Fakt bleibt dennoch: Die berüchtigte Schlauchboot-Party in Berlin und die „Black-Lives-Matter“-Aktionen hatten sich nicht als Corona-Hotspots erwiesen – trotz des massiven Ignorierens von Abstand und Maskenpflicht.

    Im Gegensatz zum SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, der in allen TV-Talks auf lauernde Epidemie-Gefahren hinweist, klang der Virologe Schmidt-Chanasit am Donnerstagabend erstaunlich relaxed und zuversichtlich: „Kein Urlaubsort will das Risiko eingehen, ein zweites Ischgl zu werden.“ Jagoda Marinic, der in der Sendung das Schlusswort erteilt wurde, klang allerdings mahnend: Die Regierung sollte daran erinnert werden, dass es „drei große Dinge gab, auf die sie nicht vorbereitet war: die Klimakrise, die Flüchtlingsfrage und die Pandemie. Wir bleiben zuversichtlich, wenn wir kritische Bürger*innen bleiben.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Markus Söder, Armin Laschet, Gütersloh, Coronavirus