05:32 04 Dezember 2020
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    Saudi-Arabien hat wieder Ärger mit Kollegen aus der Ölwirtschaft. Diesmal droht der saudische Energieminister den Ölexporteuren Angola und Nigeria, berichtet „The Wall Street Journal“. Die Golfmonarchie benötigt einen wesentlich höheren Ölpreis, um eigene Ausgaben zu decken.

    Die Forderung gleicht einem Ultimatum: Entweder Angola und Nigeria halten ihre Zusagen ein, die sie in der Vereinbarung OPEC+ gemacht haben, und drosseln endlich ihre Ölförderung. Oder Saudi-Arabien wird die nigerianischen und angolanischen Ölproduzenten durch Dumping-Preise aus dem asiatischen Markt werfen, droht der saudische Energieminister Abdulaziz bin Salman laut „WSJ“.

    Die Vereinbarung OPEC+ sieht vor, dass die Teilnehmerländer die jeweiligen Ölfördermengen beginnend ab 1. Mai in mehreren Schritten kürzen: um insgesamt 9,7 Millionen Barrel pro Tag von Mai bis Juni, um 7,7 Millionen Barrel pro Tag von Juli bis Dezember und schließlich um 5,7 Millionen Barrel im ersten Halbjahr 2021. Mit dieser selbstverordneten Schrumpfungskur wollten die Ölproduzenten die überversorgten Märkte entlasten und mithin einen Aufschwung der Ölpreise auslösen. Initiiert wurde die Vereinbarung von Saudi-Arabien. Vorher hatte Riad die russische Führung in ähnlich ultimativer Form zu Förderkürzungen gedrängt und einen Preiskrieg am Ölmarkt angedroht.

    Die derzeit gültige Vereinbarung vom April ist – und das ist wichtig – eine freiwillige: die Teilnehmerstaaten können sich daran halten, müssen es aber nicht. So haben die OPEC-Mitglieder Nigeria und Angola die vereinbarten Kürzungsmengen von Anbeginn unterboten, wenn auch nicht in dem Maß, in dem es andere Kürzungsverweigerer tun. Irak und Gabun beispielsweise haben die vereinbarte Förderdrosselung nicht mal zur Hälfte umgesetzt, doch immerhin haben sie vor wenigen Wochen zugesagt, die fehlenden Kürzungsmengen nachzuholen. Nigeria und Angola haben zwar um zwei Drittel reduziert, pumpen aber beharrlich im gleichen Umfang weiter.

    Damit nicht genug: Seit April bietet Nigeria seine Ölsorten Bonny Light und Qua Iboe zu einem Dumpingpreis an, der um rund drei Dollar günstiger als das Öl der Marke Brent ist. Dass Saudi-Arabien sich das nicht gefallen lassen will, liegt auf der Hand: Die weiterhin relativ niedrigen Ölpreise setzen dem Haushalt der Golfmonarchie stark zu.

    Dabei hatte das Jahr für Riad gut angefangen: Im Dezember wurde ein Aktienpaket des staatlichen Ölriesen Saudi Aramco für einen Rekordwert von 29 Milliarden Dollar verkauft. Der Ölpreis stand damals bei rund 70 Dollar pro Fass. Der saudische Haushalt ist so aufgestellt, dass zur Deckung aller Ausgaben ein Ölpreis von 80 Dollar nötig ist.

    Schon die Januar-Preise verursachten also Budgetverluste. Umso katastrophaler wirkt sich der gegenwärtige Ölpreis auf die saudischen Staatsfinanzen aus. Die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft machen in Saudi-Arabien die Hälfte der inländischen Wirtschaftsleistung und 70 Prozent der Exporterlöse aus. Die Golfmonarchie ist wie kein anderer Ölproduzent an einer Markterholung interessiert, denn schon jetzt droht den Saudis bis Ende des Jahres ein Haushaltsdefizit von 15 Prozent – oder über 100 Milliarden Dollar, prognostiziert die Rating-Agentur Fitch.

    Nigeria und Angola stehen keineswegs besser da, leiden sie doch noch mehr unter den niedrigen Ölpreisen als Saudi-Arabien. Das macht es so schwierig, einen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation zu finden. Die beiden afrikanischen Länder stehen vor einer ebenso simplen wie unbefriedigenden Wahl: entweder sich auf einen Preiskrieg mit Riad einlassen oder die eigene Erdölwirtschaft eigenhändig herunterfahren.

    Welche Auswirkungen das für die Wirtschaft Nigerias hätte, zeigt der Umstand, dass das Land im Export zu 90 Prozent von Öleinnahmen abhängig ist. Ähnlich verhält es sich mit der Ölwirtschaft in Angola: Aus dem Ölgeschäft stammen rund 75 Prozent aller staatlichen Einkünfte und 90 Prozent der Exporterlöse. Hinzu kommt, dass die angolanische Wirtschaft das vierte Jahr in Folge schrumpft.

    Erleichternd könnte sich für Angola und Nigeria der Umstand erweisen, dass Saudi-Arabien genauso von dem asiatischen Ölmarkt abhängig ist, aus dem es die beiden afrikanischen Länder durch Dumping-Preise zu werfen droht. China und Indien sind für die Saudis ebenso Hauptmärkte wie für die Afrikaner. Der 30-prozentige Rückgang der saudischen Ölexporte in die asiatische Region im ersten Quartal dieses Jahres hat in Riad einen Erlösausfall von elf Milliarden Dollar verursacht. Für das komplette erste Halbjahr sind noch keine Daten verfügbar, aber sie sind sicherlich nicht viel besser.

    Den asiatischen Markt mit Billig-Öl zu fluten, ist daher ein Weg in die Sackgasse. Indien steht ohnehin kurz vor einer Verschärfung des pandemiebedingten Lockdowns. Und China hätte als bisher einzige Volkswirtschaft mit einer spürbaren Erholung des Wirtschaftslebens mehrere Auswahlmöglichkeiten: Erdöl kommt ja nicht nur aus dem Nahen Osten.

    Öllager sind überall voll – allein in den Vereinigten Staaten warten 540 Millionen Barrel der Premiumsorten Brent und WTI auf den Abnehmer. Die Amerikaner werden diese Mengen sicherlich nicht zurückhalten, nur damit es den Saudis dient. Freundschaftsallianzen sind in ruhigen Zeiten gut, aber wenn es um das Überleben ganzer Wirtschaftssektoren geht, ist jeder sich selbst der nächste.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Ölexport, Asien, OPEC, Erdöl, Ölförderung, Saudi-Arabien, Saudi Aramco