22:59 14 August 2020
SNA Radio
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Von
    7112733
    Abonnieren

    In den Vereinigten Staaten von heute sind Schnittmengen mit dem, was in der späten Sowjetunion vor sich ging, nicht zu verkennen. Es kommt eben vor, dass zwei grundverschiedene Staatsgebilde auf dieselbe Weise wegbröckeln.

    Die auffälligste Gemeinsamkeit zwischen den USA von heute und der UdSSR von damals ist der allgemeine Vertrauensverlust in Bezug auf Grundwerte und Ideologie, auf die sich das Land stützte. Allgegenwärtig ist auch ein tiefer Generationenkonflikt: Die Mehrzahl amerikanischer Jugendlicher hasst ihre Heimat aufrichtig, hasst die Geschichte, die Werte, die Alten ihres Landes. Amerikas ältere Generation wird von der Jugend hauptsächlich als Sinnbild für Stillstand und fatale Denkwelten wahrgenommen, als Hindernis auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

    Der obsessive Abriss von Denkmälern und das Umbenennen von Straßen müsste ehemaligen Sowjetbürgern auch bekannt vorkommen. Und immer wieder dringt dabei in der amerikanischen Öffentlichkeit die Erkenntnis durch, dass ein Amerika als Nation im Grunde gar nicht existiert. Stattdessen existieren acht Protonationen, die wenig Liebe und wenig Verständnis füreinander haben. Denn alles, was sie verbindet, ist eine Sprache, eine Währung, eine bundesweit gültige Einkommenssteuer und ein Strafparagraph, der die Sezession verbietet.

    Das Bild von den acht Quasi-Völkern der USA ist keine Hyperbel, sondern eine nüchterne Tatsache, die schon 1981 der preisgekrönte Journalist und ehemalige Cambridge-Mitarbeiter Joel Garreau in seinem Werk „The Nine Nations of North America“ feststellte: Acht Völker lebten in den USA, das neunte sei in der Provinz Quebec beheimatet. In den vergangenen 40 Jahren hat sich an dieser kulturellen und ethnischen Trennung wenig geändert, außer dass sie tiefer geworden ist.

    Das einzige, was den USA für eine perfekte Ähnlichkeit mit der damals untergehenden UdSSR bisher fehlte, war ein Gegenstück zur Gorbatschowschen Perestroika, die kraft ihrer immanenten Unzulänglichkeiten und inkompetenten Umsetzung erst die sowjetische Wirtschaft und dann die sowjetische Supermacht endgültig vernichtete.

    Radikale Demokraten mit systemkritischem Anspruch haben sich zwar schon an einem grüngefärbten Programm mit dem Beigeschmack von falschverstandenem Sozialismus versucht. Aber jetzt legt die „New York Times“ der amerikanischen Öffentlichkeit in einer Sonderserie ein Reformprogramm für die US-Wirtschaft vor, welches sich am „Rassenproblem“ ausrichtet.

    Dieser Vorschlag der „New York Times“ ist natürlich noch kein Wahlprogramm von Biden und den Demokraten. Doch die Zeitung aus New York ist für viele Wähler im städtischen Amerika und für Teile der Führungselite so etwas wie das politische Hirn und der moralische Kompass. Wenn dieses Blatt eine auf mehrere Ausgaben verteilte Sonderserie mit dem Titel „The America We Need“ startet, dann kann man sicher sein, dass dieser Text (verfasst unter anderem von „progressiven“ Volkswirten, Aktivisten und Unternehmern) zwar nicht buchstaben-, aber sinngetreu die wirtschaftliche Zukunft Amerikas prägen wird.

    Bei wenigen vernünftigen Ideen enthält diese „US-Perestroika“ ein Bündel fulminanter Maßnahmen, die geeignet sind, entweder eine soziale Disruption oder eine tiefe Wirtschaftskrise oder beides gleichzeitig auszulösen. Hier einige dieser Expertenvorschläge:

    • Schuldenschnitt für alle Afroamerikaner (Konsumkredite eingeschlossen);
    • Änderung des Zentralbankgesetzes: die Arbeitslosenrate unter Afroamerikanern soll als Effektivitätskriterium der Federal Reserve eingeführt werden;
    • Kontoführung zum Nulltarif und Immobilien- sowie Unternehmenskredite zum Nullzins nur für Afroamerikaner.

    In die Praxis umgesetzt, würden diese Maßnahmen unter anderem bedeuten, dass die amerikanische Notenbank mittels Geldpresse geeignete Beschäftigungsmaßnahmen für nationale Minderheiten finanziert und damit für die gesamte Volkswirtschaft unweigerlich die Inflation anheizt. Oder man finanziert die großzügigen Programme gleich aus Steuern der Allgemeinheit. Der Vorschlag, die Erbschaftssteuer abrupt anzuheben, ist in diesem Zusammenhang auch schon vorgebracht worden: Man will also noch stärker an den bestehenden Eigentumsverhältnissen rütteln, damit die soziale Gerechtigkeit triumphiert.

    Geschröpft werden damit, zumindest theoretisch, nur die allerreichsten Amerikaner. Aber das Abreißen von Denkmälern sollte auch nur die Sklavenhalter von damals treffen – trifft jedoch auch Columbus und Roosevelt.

    Und damit kein Konservativer das neue System jemals wieder ändern kann, soll auch das amerikanische Wahlrecht dahingehend reformiert werden, dass die US-Demokraten ewig weiterregieren können – auch mittels der anrüchigen Briefwahl. Ein Fall aus der Wahlpraxis soll dies verdeutlichen: Bei der Kommunalwahl in der Großstadt Paterson (New Jersey) wurden im Mai dieses Jahres 20 Prozent der Wahlzettel mit Unregelmäßigkeiten eingereicht – entweder die Wahlbögen oder die Unterschriften darauf waren gefälscht.

    Noch scheint der amerikanische „Perestroika-Plan“ eine reine Utopie zu sein, wären doch die Folgen seiner Umsetzung so offenkundig fatal. Aber sollte das Konzept umgesetzt werden, wäre es nicht das erste Mal, dass Teile der Elite ihre eigenen Interessen und Machtabsichten über die Interessen des Landes, der Wirtschaft und der Gesellschaft stellen.

    Das Problem würde übrigens auch nicht ausgeräumt, sollte Trump die nächste Wahl gewinnen. Das Wirtschaftsprogramm des amtierenden US-Präsidenten und der Wirtschaftsnationalisten in seinem Kreis baut zwar auf nachvollziehbareren Grundsätzen auf, lässt sich aber ohne destruktive Folgen nicht verwirklichen. Dies bekommen amerikanische Wähler im Herbst womöglich zu spüren. Eine wirklich gute Wahl haben sie nicht: Entweder eine Perestroika von Salonsozialisten oder ein hurrapatriotischer Wirtschaftsnationalismus, der allein auf dem Märchen von amerikanischer Ausschließlichkeit auf allen Gebieten, die mit Geld, Waffen und Wissenschaft zu tun haben, basiert. 

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Spahn kauft sich mit Ehemann für 4 Mio Euro Villa in Berlin
    „Den USA klare Kante zeigen“: Energieminister Pegel zu Sanktionen um Nord Stream 2 - Exklusiv
    Nach Russland-Kritik: Spahn will deutschen Corona-Impfstoff „so schnell wie noch nie in Geschichte“
    Tags:
    George Floyd, Rassismus, USA