06:02 04 August 2020
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    Die Gaspreise in Europa und Asien haben ihren Tiefpunkt seit vielen Jahren erreicht. Dass es keinen Grund gibt, amerikanisches Flüssiggas (LNG) zu importieren, räumt man sogar im US-Energieministerium ein. Die Abnehmer haben mehr als 100 Lieferanfragen für den Sommer zurückgezogen. Dadurch schrumpfte der LNG-Export der Amerikaner um 63,6 Prozent.

    Warum das Flüssiggas aus den USA plötzlich zum Ladenhüter wird, erklärt Sputnik in diesem Beitrag.

    Preisabsturz

    Im vorigen Jahr belief sich der LNG-Export aus den USA auf 54,7 Milliarden Kubikmeter netto – das war um 20,7 Milliarden Kubikmeter mehr als 2018. Laut dem größten LNG-Produzenten Cheniere Energy erreichte der Absatz auf dem Weltmarkt 100 Millionen Tonnen – um zehn Millionen mehr als 2019. Der Zuwachs wurde vor allem dank den Amerikanern möglich.

    Ihre Pläne waren ambitioniert: 2020 sollte der Export auf 67,2 Milliarden Kubikmeter und 2021 auf 79,5 Milliarden Kubikmeter steigen. Diese Zahlen verkündete die US-amerikanische Verwaltung für energetische Informationen (EIA). Aber es ist schon klar, dass dies nicht passiert. Das vor dem Hintergrund des warmen Winters 2019/2020 gewachsene Angebot und die wegen der Corona-Pandemie  geschrumpfte Nachfrage haben zum Einsturz der Gasmärkte in Europa und Asien geführt. So hat sich der Durchschnittspreis im niederländischen Gashub TTF von Januar bis April im Jahresvergleich halbiert, und die Spotlieferungen nach Japan verloren 44 Prozent.

    Schon im April wurde der amerikanische LNG-Export nach Europa wirtschaftlich unrentabel: Große europäische und auch asiatische Unternehmen sagten die Verträge für Juni und Juli ab.

    Laut der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg sank der LNG-Abtransport von amerikanischen Betrieben um fast 30 Prozent. Und bis Mai ging der Export um mehr als ein Drittel zurück – auch wegen der Corona-Beschränkungen.

    Wirtschaftlich nicht lebensfähig

    Die im Juni veröffentlichte Prognose des US-Energieministeriums war sehr pessimistisch: Die europäischen und asiatischen Abnehmer verzichteten auf 110 LNG-Partien – es wurden für Juni und Juli geplante 70 Lieferungen sowie 40 Lieferungen im August abgesagt. Die Flüssiggaslieferungen zu den Küstenterminals in den USA schrumpften auf 277 Millionen Kubikmeter pro Tag – das war weniger als die Hälfte im Vergleich zu Ende März.

    „Die geringen Spotpreise für Erd- und Flüssiggas in Europa und Asien haben die wirtschaftliche Lebensfähigkeit des US-Exports geschwächt, der sehr sensibel gegenüber den Preisen ist“, stellten EIA-Analysten fest.

    Ihnen zufolge lieferten die Amerikaner im Juni im Durchschnitt 101 Millionen Kubikmeter pro Tag nach Europa und Asien, und im Juli wird diese Zahl voraussichtlich bei 62 Millionen liegen. Das ist aber höchstens ein Viertel ihres Exportpotenzials.

    Weiterer Preisverfall zu erwarten

    Es bestätigten sich quasi die Warnungen zahlreicher Experten, dass Abnehmer des US-Flüssiggases mindestens bis Ende des Sommers auf den Brennstoff verzichten würden: Die Futures-Preise in den USA werden die europäischen bis September übertreffen.

    Sechs LNG-Betriebe in Nordamerika, die zwischen Januar und April mit voller Auslastung arbeiteten, senkten diese auf 65 Prozent. Schon Anfang Juli würden es 50 Prozent oder sogar noch weniger sein, hieß im jüngsten Bericht von Platts Analytics.

    „Da die Preisvorteile praktisch verschwunden sind, war der Verzicht auf Lieferungen aus den USA nur eine Frage der Zeit“, stellte der Experte Nikos Tsafos vom Center for Strategic and International Studies fest.

    Der Chefanalyst des russischen Fonds für nationale Energiesicherheit, Igor Juschkow, erläuterte seinerseits, dass Käufer aktuell nur bereit seien, so viel für US-Flüssiggas zu zahlen, dass dies nicht einmal die Ausgaben für die Verflüssigung und den Transport des Brennstoffs decken würden. Am meisten muss darunter das erste und größte Terminal Sabine Pass leiden: Den dort hergestellten Brennstoff kaufte man, als die Preise hoch waren, aber als es 2016 in Betrieb genommen wurde, veränderte sich die Situation. Und seitdem ist das Terminal nur verlustbringend.

    Laut dem Energieministerium betrug der LNG-Export aus den USA in den ersten vier Monaten 2020 im Durchschnitt 218 Millionen Kubikmeter pro Tag, aber im April und Mai verlor er 17 Prozent. Bei der EIA erwartet man, dass die Lieferungen schon im September wieder wachsen werden, weil die globale Erdgasnachfrage sich inzwischen allmählich erholt.

    Gas bis zum Abwinken

    Aber die größten Investitionsbanken sind nicht so optimistisch. Experten zufolge sind die globalen Vorräte riesig. Der internationale LNG-Handel ist dramatisch geschrumpft, was sehr schlimme Folgen für die amerikanischen Schiefergasproduzenten hatte. Und da die Ölpreise wieder auf 40 Dollar pro Barrel gestiegen sind, fördern Ölproduzenten wieder das „schwarze Gold“ – und als Nebenprodukt auch viel billiges Gas.

    Wegen des Preisverfalls in Europa, das Analysten von BofA Securities zufolge eine traditionelle „Müllhalde“ für das US-Flüssiggas war, war der Brennstoff auf einmal nicht mehr gefragt. Und jetzt müssen damit etliche Speicher in Amerika gefüllt werden.

    Nach Einschätzung der Investitionsbank Goldman Sachs werden die amerikanischen LNG-Reserven um 21,52 Milliarden Kubikmeter zulegen. Der Vorjahresstand ist bereits um knapp ein Drittel übertroffen worden – und die fünfjährige Durchschnittsmenge um 18 Prozent. Bis Oktober könnten sich die Möglichkeiten der Amerikaner bei der LNG-Lagerung erschöpfen, und das würde zu einer rekordmäßigen Kürzung der LNG-Förderung und -Produktion führen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Europa, Asien, Flüssiggas, USA, LNG