12:17 04 Dezember 2020
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    Bei dem jüngsten „Maybrit Illner“-Talk ging es darum, wie hart das US-Versagen bei der Corona-Bekämpfung die deutsche Wirtschaft treffen könnte. Fazit: Deutschland würde davon fast schon eher profitieren und könnte aus dem blamablen Abschneiden Amerikas eine wichtige Lehre ziehen. Vor einer Pleitewelle sei Deutschland jedoch nicht gefeit.

    Die USA stehen nun bei der Pandemie-Bekämpfung als der weltgrößte Versager da. Der Leitstern ist erloschen. Die tiefe Krise der größten Volkwirtschaft der Erde muss aber in der globalisierten Welt empfindliche Folgen haben, oder? „Dass sich dieses große und mächtige Land so in der Pandemie verheddert, ist für uns alle schlecht“, so Wirtschaftsminister Peter Altmaier am Donnerstagabend in der Sendung. „Denn wir leben in einer global vernetzten Wirtschaft.“ Diese Feststellung inspirierte den Minister zu einer nicht gerade erlesenen Metapher: „Wenn eine der großen Regionen einen Schnupfen hat oder eine Pandemie, werden alle anderen in Mitleidenschaft gezogen.“

    Kann Deutschland von US-Blamage profitieren?

    Schnupfen hin oder her: Wie aber der weiteren Diskussion zu entnehmen war, trägt die Bundesrepublik die Blamage der Vereinigten Staaten mit Fassung: Die zu erwartenden wirtschaftlichen Einbüßen werden sich allem Anschein nach in Grenzen halten. Zwar sind die deutschen Exporte in die USA um 36 Prozent eingebrochen, da aber diese Exporte nur neun Prozent der gesamten deutschen Ausfuhr betragen, würde die deutsche Wirtschaft das verkraften können. Die aus München zugeschaltete Wirtschaftsweise Monika Schnitzer stellte fest: „60 Prozent unserer Exporte gehen in andere EU-Länder. Das bedeutet, es kommt noch viel stärker darauf an, die Wirtschaft innerhalb der EU wieder anzukurbeln.“

    Die Expertin sieht auch zukunftsreiche Chancen für Deutschland, die sich aus Donald Trumps „America first“-Politik ergeben: „Trump hat drei Viertel der Sachbearbeiter, die für Visa zuständig sind, auf die Straße gesetzt.“ Immerhin hätten die USA früher jährlich „bis zu 200.000 Arbeitskräfte und doppelt so viele Wissenschaftler“ im Ausland angeheuert.  Diese „klügsten Köpfe“ können nun „nicht mehr rein oder müssen raus“. Wie die Wirtschaftsweise meinte, „könnten wir die alle jetzt zu uns holen… Dies würde auf einen Schlag unser Problem im Fachkräftebereich lösen.“

    Die USA hatten und haben im Zusammenhang mit der Pandemie ziemlich alles falsch gemacht – so das Urteil aller Gäste bei „Maybrit Illner“. Bereits vor dem Corona-Ausbruch hätte Trump „die ganze Infrastruktur, die man für Seuchenbekämpfung errichtet hatte, unterminiert und abgeschafft“, konstatierte die in New York tätige Finanzexpertin Sandra Navidi. „Nicht nur trifft Trump keine Maßnahmen, die helfen würden, er sabotiert auch die Maßnahmen der einzelnen Gouverneure.“

    „Deutschland und USA kann man nicht vergleichen“

    Wie die Pandemie mittlerweile vor Augen geführt hat, sei Deutschland sowohl in medizinischer, als auch in sozialer Hinsicht besser aufgestellt als das einstige Vorbild Amerika, lautete das Fazit der Diskussionsrunde. „Man kann diese zwei Systeme – Deutschland und USA – gar nicht vergleichen“, behauptete Navidi. „Hier ist es vielleicht ein Designfehler, weil es natürlich sehr schwierig ist, das so ganz gezielt auszugestalten. In Amerika gehört es mehr absichtlich zum Design, dass viele Millionäre und sogar Milliardäre von den Hilfsgeldern abgesahnt haben.“

    Recht bald wurden aber die Probleme Trumps und der Vereinigten Staaten für die Studiogäste uninteressant. Das Titelthema der Sendung „Trump, Corona und die Weltwirtschaft – wie hart trifft es Deutschland?“ wurde – ob die Moderatorin das so haben wollte oder nicht – weitgehend ad acta gelegt. Die für die Teilnehmer*innen wohl viel interessanteren spezifischen Probleme Deutschlands rückten in den Mittelpunkt.

    Altmaier vs. Wagenknecht

    Und in diesem Mittelpunkt kam es auch zu einem mehr oder weniger spannenden Clinch zwischen Altmaier und der Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht. „Wir gehen davon aus, dass es eine Wahrscheinlichkeit gibt, dass die Wirtschaft ab Ende Oktober langsam wieder in Schwung kommt“, äußerte der Minister. Natürlich werde es aber im Herbst Firmenschließungen geben. „Trotzdem wollen wir eine große Pleitewelle verhindern.“ Eine „irreparable Schädigung der Strukturen“ konnte dank der Regierungsmaßnahmen verhindert werden. „Wir müssen immer die richtigen Entscheidungen treffen“, so Altmaier. „Bislang ist uns das gelungen.“  

    Wagenknecht ist da anderer Meinung, vor allem was die Unterstützung von Großunternehmen wie VW oder Adidas anbelangt, die zwar großzügige Dividenden ausschütten, zugleich aber auch von der staatlichen Unterstützung Gebrauch machen. Eine Pleitewelle im Herbst sei aus ihrer Sicht unvermeidlich.

    „Ich wünsche mir, dass wir das gesamte Modell, das wir in Deutschland hatten und das sich sehr stark an die USA orientiert hat, nachdem man sieht, wohin das führt und was das bedeutet, dass man dieses Modell überdenkt und dass man lieber zurückkehrt zu einem soliden Sozialstaat.“

    Altmaier schmunzelte bei diesem Speech nur ironisch vor sich hin und erwiderte nichts.  

    Eine markante amerikanische Stimme gab es in der Sendung auch, repräsentiert von der zugeschalteten stellvertretenden Büro-Leiterin des German Marshall Fund, Sudha David-Wilp. Diese kritisierte zwar ebenfalls Trumps Corona-Politik, in einer wichtigen Frage nahm sie aber die USA-Politik in Schutz. Auf Wagenknechts Bemerkung hin, die von den USA verhängten Sanktionen (etwa gegen Nord Stream 2) und die von Amerika geführten Wirtschaftskriege schadeten der deutschen Wirtschaft ganz immens, entgegnete die US-Expertin: „Sanktionen gegen Russland und ein harter Kurs gegen China sind gut für die Stabilität in der Welt. Amerika macht die schmutzige Sicherheitsarbeit und Deutschland profitiert davon.“ Schade, dass sowohl Altmaier als auch Wagenknecht diese Behauptung kommentarlos haben stehen lassen.

    Der Virologe Hendrick Streeck, sonst ein Hauptgast bei den TV-Talks, musste diesmal fast die ganze Zeit stumm herumsitzen und zuhören. Ein wichtiges Statement kam von ihm zum Schluss aber auch. Es habe wenig Sinn, von einer zweiten oder dritten Corona-Welle zu sprechen. „Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir das Virus komplett austreiben können aus der Gesellschaft. Es ist da und es wird auch bleiben. Wir müssen anfangen, souverän damit umzugehen.“    

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Pandemie, Pleite, Coronavirus, Peter Altmaier, Sahra Wagenknecht, Donald Trump