05:33 04 August 2020
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    Die beschlossene Umwidmung der weltberühmten Hagia Sophia in Istanbul von einem Museum in eine Moschee wird international viel diskutiert. Unsere Gastautorin betrachtet die Angelegenheit aus einer völkerrechtlichen Perspektive.

    „Der türkische Staatsrat hat die 1934 durch einen Regierungserlass erfolgte Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum für unrechtmäßig erklärt. Die Entscheidung vom Freitag macht damit den Weg zur Nutzung des Bauwerks in Istanbul als religiöse Gebetsstätte wieder frei“, lautet die offizielle türkische Berichterstattung.

    Die Hagia Sophia bzw. auf Türkisch „Ayasofya“ ist eine der wichtigsten historischen und kulturellen Stätten der Welt. Entsprechend stark waren auch weltweit die Reaktionen. Während das Patriarchat von Moskau und Athen diesen Schritt deutlich kritisierten, bekundete Papst Franziskus, dass ihn diese Entscheidung schmerze. Ebenso meldeten sich zahlreiche Regierungsvertreter zu Wort. Auch türkische Verbände in Deutschland und Österreich gingen mit Verweis auf interreligiöse Toleranz auf Distanz zu dieser Entscheidung. In der Türkei selbst, nicht nur unter Regierungsanhängern, fand die Entscheidung, die von Präsident Recep T. Erdogan oft gefordert und dann wieder verschoben worden war, große Zustimmung. Der Hinweis auf die Mezquita von Córdoba, wo infolge der spanischen Reconquista die Moschee zur Kirche umfunktioniert worden war, wird von Befürwortern der Umwidmung zur Moschee stets vorgebracht.

    In einer Zeit, in der Emotionen dominieren, mag ein völkerrechtlicher Blick helfen, den Sachverhalt und die möglichen Folgen besser zu verstehen. Das Recht ist zwar keine präzise Wissenschaft, sondern oft eine Frage der Interpretation. Aber wir verfügen über Rechtsinstrumente, die in dieser Debatte nützlich sind. Die UNESCO wird hier noch eine wichtige Rolle übernehmen, wie auch die Generaldirektorin Audrey Azoulay in ihren Stellungnahmen angekündigt hat. Bedauerlicherweise hatte die türkische Vertretung bei der UNESCO weder die Organisation konsultiert noch in irgendeiner Weise vorab informiert. Die Korrespondenz der UNESCO an die Adresse der Türkei erinnert seit geraumer Zeit an die vertraglichen Verpflichtungen.

    Die UNESCO-Welterbekonvention

    Es war der Bau des ägyptischen Assuan-Staudamms und die Rettung der Tempel von Abu Simbel durch die UNESCO, welche die völkerrechtlichen Beratungen vor rund 50 Jahren auf den Weg brachten. Dieses gemeinsame Unterfangen weckte das Bewusstsein dafür, dass es Denkmäler, Bauten oder Orte auf der ganzen Welt gibt, deren Erhalt im Interesse der gesamten Menschheit steht, da sie einzigartige Zeugnisse der Menschheits-, Natur- und Kulturgeschichte darstellen. Um diese für kommende Generationen zu bewahren, wurde 1972 ein völkerrechtliches Instrument geschaffen, das die Basis für die internationale Zusammenarbeit zum Schutz dieser Stätten bildet: die Welterbekonvention.

    Die Welterbekonvention, eigentlich das „Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Menschheit“ (Convention Concerning the Protection of the World Cultural and Natural Heritage), wurde am 16. November 1972 von der Generalkonferenz der UNESCO verabschiedet. In 38 Artikeln sind die Rahmenbedingungen und Mechanismen festgeschrieben, die nun die völkerrechtliche Basis für das Weltkultur- bzw. Weltnaturerbe bilden. Es beschreibt die Pflichten der Vertragsstaaten und ihre Aufgaben zum Schutz und zur Erhaltung ihrer Stätten.

    Das historische Viertel von Istanbul wurde 1985 auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt. Dazu gehören u.a. die Hagia Sophia aus dem sechsten Jahrhundert, das antike Hippodrom von Kaiser Konstantin und die Süleymaniye Moschee. Grund für die Aufnahme des gesamten Stadtviertels in diese Liste waren die Gefahren, die diesem architektonischen Ensemble durch Bevölkerungsdruck und unkontrollierte Urbanisierung drohen.

    Ernesto Ottone, Stellvertreter von Azoulay, verwies klar für die UNESCO auf folgende Notwendigkeit: „Es ist wichtig, dass nichts am Gebäude und seiner Verwaltung verändert werden darf, ohne dies zuvor  mit der UNESCO abzusprechen. Alles andere wäre eine Vertragsverletzung.“ Wie mit den Fresken umgegangen wird, ist wohl eine zentrale Frage, und in einem offenen Brief haben einige Wissenschaftler genau dies im Fall der Umwidmung angesprochen. Denn im Sinne der Welterbekonvention sind diese zu erhalten und nicht etwa nur zu verhüllen. Mustafa Kemal Atatürk, der säkulare Gründerpräsident, ließ die übertünchten byzantinischen Fresken freilegen. Das Nebeneinander von Koransuren und orthodoxen Heiligen im Inneren des Kuppelbaus zeigt auf einzigartige Weise die christliche und islamische Vergangenheit des Bauwerks. In der innertürkischen Debatte und damit auch für Ekrem Imamoglu, den Oberbürgermeister von Istanbul und in Opposition zur Regierungspartei AKP, geht es bei dieser Umwidmung um die grundsätzliche Frage der pluralistischen Identität von Istanbul. Viel ist von Symbolpolitik die Rede, aber gerade eine solche kann einiges lostreten.

    In einem Beitrag für „Politico“ betonte am Montag der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu, dass die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU angespannt sind, es aber doch Gemeinsamkeiten gibt. Die Agenda der Themen ist lang. Hierfür ist die Kunst des respektvollen Dialogs entscheidend, der es ermöglicht, über alle Themen entsprechend klar zu sprechen. Dass die Türkei ein wichtiger Partner der EU ist, wurde rund um den Außenministerrat am 13. Juli mehrfach betont. Jenseits der Bekenntnisse sind kluge Schritte von allen erforderlich. Diese müssen sich am Recht, an völkerrechtlichen Vereinbarungen orientieren. Wir verfügen über Instrumente. Es gilt, diese richtig einzusetzen.

    Das Thema Hagia Sophia sollte meines Erachtens im Rahmen der UNESCO nun vorrangig behandelt werden. Hier verfügen alle Beteiligten über erprobte rechtliche Mechanismen, die politische Entscheidungen im Sinne der Konvention und damit des kulturellen Erbes überprüfen. So manche Regierung muss sich zu Recht knifflige Fragen gefallen lassen. Als Außenministerin hatte ich auch diese Ehre und Pflicht angesichts einer Klage zum Weltkulturerbe der Wiener Innenstadt. Es ist uns gelungen, so manches Thema zu verrechtlichen, dazu zählt eben auch der Umgang mit dem Kulturerbe, was die Menschheit ein Stückchen weitergebracht hat.

    Die UNESCO kann in dieser aktuellen Situation eine entscheidende Rolle übernehmen, um ein Thema aus der emotionalen und innenpolitischen Debatte vieler Staaten herauszuholen. Denn es hilft uns nicht weiter, uns nun an einseitigen Erklärungen an die jeweilige innenpolitische Wählerschaft auszurichten.

    Im August 1920, also vor genau 100 Jahren, wurde der Vertrag von Sèvres unterschrieben, der sich mit der Neuordnung des Osmanischen Reiches befasste. Der Vertrag sah grundsätzlich auch eine Neugestaltung des antiken Erbes vor – damit war „jede menschliche Aktivität vor 1700“ gemeint. Das Thema bewegte die internationale Gemeinschaft damals wie heute.

    Die Verträge von Sèvres und Lausanne

    Dass der Erste Weltkrieg gewissermaßen noch nicht zu Ende ist, lässt sich an den vielen Territorialdisputen im Nahen Osten festmachen. Und nicht nur dort. Der Vertrag von Sèvres von 1920 hätte die Landkarte der Region anders aussehen lassen, als es dann 1923 mit dem Vertrag von Lausanne der Fall war. Die kurdische Staatlichkeit war noch 1920 vorgesehen, aber nicht mehr 1923. Atatürk war auch infolge neuer militärischer Fakten, die er in den Jahren dazwischen erfolgreich geschaffen hatte, daran gelegen, der Türkei andere Grenzen zu geben.

    Atatürk reformierte die 1923 gegründete Republik grundlegend, es war ein Parforceritt an Veränderungen, von der Schrift bis zur Kleidung, vom Rechtswesen bis zur rigiden Trennung von Politik und Religion. Als Professor Davutoglu, einst Berater, später Außenminister, dann Premier von Erdogan, das neoosmanische Konzept vorlegte, begann eine neue Selbstwahrnehmung des Landes mit massiven Folgen für Ankara als Drehscheibe von Südosteuropa bis in den Persischen Golf. Davutoglu hat indes seine eigene politische Partei gegründet. Sein Konzept spricht auch die türkische Diaspora in Europa an und schuf ein neues Selbstbewusstsein. So mancher Bruch in der eigenen Geschichte wurde nun neu gesehen: nämlich stolzer Teil des osmanischen Erbes zu sein. Genau hier hatte Atatürk die Zäsur im Namen der Moderne angesetzt, die viele wichtige Veränderungen ermöglichte, aber auch anderes im Chaos der Geschichte zurückließ. 

    Der Schriftsteller Stefan Zweig widmet in seinen faszinierenden Miniaturen „Sternstunden der Menschheit“ ein Kapitel der Eroberung von Byzanz durch Sultan Mehmed II. am 29. Mai 1453. Der Fall Konstantinopels wäre demnach durch eine vergessene Pforte in der Stadtmauer möglich gewesen. Zweig gibt Resteuropa die Schuld, Byzanz im Stich gelassen zu haben.

    Ob Zweigs Schilderung richtig ist, lässt sich nicht klären, wie vieles andere in der Geschichte, die immer wieder neu geschrieben werden wird, weil sie fasziniert und gerne für bestimmte Zwecke eingesetzt wird. Wäre Lenin nicht im plombierten Zug von Zürich nach St. Petersburg gereist, wäre zweifellos auch in dieser Weltecke vieles anders verlaufen. Außenminister Sergej Sasonow (1860 bis 1927) hatte im geheimen Vertrag von Istanbul vom 18. März 1915 noch mit Paris und London vereinbart, dass Konstantinopel im Fall eines Sieges der Alliierten an Russland fallen würde. Nichts in der Politik wie in der Geschichte ist monokausal. Das gilt für unsere Zeit der Kakophonie noch viel mehr als für vergangene Epochen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Weltkulturerbe, Recep Tayyip Erdogan, Islam, Byzanz, Mustafa Kemal Atatürk, Museum, Moschee, UNESCO, Hagia Sophia, Istanbul, Türkei