08:34 09 August 2020
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    Als Sommer-Vertretung für „Maybrit Illner“ versuchte die Talkshow „Dunja Hayali“ am Donnerstagabend im ZDF eine Alternative zu bieten. Die jüngste Sendung mit Gesundheitsminister Jens Spahn und Siemens-Chef Joe Kaeser wird die ZDF-„Ersatzspielerin“ Hayali jedoch nicht unbedingt als einen Erfolg verbuchen.

    Das angekündigte Hauptthema „Corona bringt Heime in Not: gestresste Helfer, mangelnde Vorbereitung, fehlende Schutzkleidung“ ist zwar bei Gott nicht neu, es hätte aber durchaus Potenzial für eine aufschlussreiche, konstruktive Diskussion.

    Deutsche TV-Moderatorinnen (v.l.n.r.) : Anne Will, Maybrit Illner und Sandra Maischberger (Collage aus Archivbildern)
    © Foto : AFP / dpa / Rainer Jensen; CC BY-SA 2.0 / Metropolico.org; AFP / Odd Andersen
    Emotional, um nicht zu sagen, melodramatisch war der Einspieler, in dem die Moderatorin ein Altenheim in Berlin-Neukölln besuchte. Da ihr sympathisches Gesicht meist zur Hälfte mit Schutzmaske bedeckt war, musste sie umso mehr ihre schönen dunklen Augen überstrapazieren, um die Intensität ihres Mitgefühls mit den Bewohner*innen der Einrichtung und den Pflegekräften überzeugend zur Geltung zu bringen. Die Dramatik der Bilder und der kurzen Gespräche im Altenheim, das drei Monate lang unter Quarantäne stehen musste und in dem während dieses Zeitraums 12 Menschen an Covid-19 starben, ohne von ihren Angehörigen Abschied nehmen zu können, war durchaus überzeugend.

    Was sich aber im Anschluss an das Anfangsvideo im Studio abgespielt hat, bildete einen starken Kontrast zum Vorspiel. Denn es ging nicht mehr um Emotionen, sondern viel mehr um Geld und Geltung. Rund 40 Minuten lang grillte Pflegeleiterin Branka Ivanisevic, unterstützt von Heimleiter Helmut Wallrafen und der Moderatorin selbst, den Gesundheitsminister Jens Spahn. Die Vorwürfe an den Minister waren nicht neu (Unterbezahlung der Pflegekräfte, Probleme mit Schutzkleidung, Personalmangel usw.), seine Gegenargumente auch nicht.

    Wer soll in einen Beruf gehen, wenn Sie nur von Desaster reden?"

    Natürlich hatte sich Jens Spahn seine Karriere anders vorgestellt, als er im März 2018 den Ministerposten übernahm. Zwischendurch wurde er sogar als „Geheimtipp“-Kanzlerkandidat gehandelt. Dann kam aber die Pandemie – und alle Karten wurden neu gemischt. Für Spahn als Politiker kam die große Herausforderung: Wird er am Ende des Tages als Corona-Bezwinger dastehen oder als ein kläglicher Versager?

    „Das kann ich Ihnen nie vergessen, Ihnen als amtierender Gesundheitsminister“, musste Spahn an diesem Abend von der Pflegerin Ivanisevic hören, die dem Minister den Fakt zur Last legte, dass es zu Beginn der Pandemie keine Schutzkleidung für die Pflegekräfte gab. Spahns Argument, die Pandemie sei eine „Jahrhundert-Katastrophe“, ließ Ivanisevic nicht gelten.

    Schuld sei der Minister auch daran, dass sie ihren „systemrelevanten Beruf“ zwar liebe, aber niemandem guten Gewissens weiter empfehlen würde.  "Wer soll in einen Beruf gehen, wo Sie nur von Desaster reden?“ entgegnete Spahn. „Wir haben heute Abend noch nicht ein positives Wort zur Pflege verloren." "Nicht der Beruf ist ein Desaster, sondern die Situation", warf Hayali ein.

    Helmut Walrafen klang etwas versöhnlicher und zeigte Verständnis, dass die Versäumnisse nicht am Minister allein liegen: Es sei nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. Seine Anmerkungen klangen aber mitunter zu pauschal, nahezu hohl, wie etwa: „Respekt und Fürsorge für die alten Menschen sollten an der Tagesordnung sein“ oder "Ab einem gewissen Punkt fehlt mir ein abgestimmtes Handeln in dieser Pandemie."

    Natürlich musste sich der Minister dauernd rechtfertigen und beteuern, dass ihm eine Aufwertung des Pflegeberufs am Herzen liege. Man ließ ihn aber kaum einen Satz bis zu Ende führen. Eine besonders peinliche Situation kam dann für die Moderatorin, als die Gesprächsrunde sie trotz ihrer krampfhaften Einmischungsversuche mindestens eine halbe Minute lang einfach ignorierte und heftig unter sich diskutierte. Frau Hayali brauchte nicht wenig Mühe, um das Ruder wieder an sich zu reißen.

    Eine „Werbung“ für Siemens-Boss Kaeser

    Im Anschluss an das Geplänkel kam bei „Dunja Halyali“ ziemlich unvermittelt ein Szenenwechsel: Die Moderatorin im Gespräch mit Siemens-Boss Joe Kaeser. Während des ganzen rund 15-minütigen Interviews, bei dem Hayali bequeme Fragen stellte, die Herr Kaeser fließend, aber ziemlich stark nuschelnd, beantwortete, mussten sich wohl viele Zuschauer*innen die Frage stellen: Warum gerade Kaeser? Wieso gerade jetzt? Im Endeffekt wirkte das wie eine Art bezahlte Werbung dafür, wie ein richtiger, sozialpartnerschaftlich denkender, großzügiger („Privat eine Million Euro gespendet“) und politisch loyal eingestellter Großunternehmer (Die „sogenannte Alternative für Deutschland“ habe im Lande nichts zu suchen) aussehen soll.   

    Zusammenfassend: Die Sendung mag gut gedacht gewesen sein, die Umsetzung überzeugte aber vor allem regiemäßig nicht unbedingt. Weitere vier Folgen der „Dunja Hayali“-Staffel sollen kommen. „Wir überlegen außerdem, uns in den weiteren Folgen das Thema Bildung anzuschauen, häusliche Gewalt, Rassismus, Massentierhaltung, Integration nach über fünf Jahren ‚Wir schaffen das‘ und mehr“, kündigte  die Moderatorin in einem Zeitungsinterview an. „Themen gibt es genug.“ Na dann.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Dunja Hayali, ZDF, Jens Spahn