13:49 13 August 2020
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    China verkauft Rohöl, das es im Frühjahr zu Tiefstpreisen gekauft und eingelagert hat. Manche Marktanalysten sehen darin eine große Gefahr für Öl-Produzenten und -Händler, zumal Teilnehmerländer der OPEC+ die Förderquoten wieder steigern wollten. Kann Peking die Ölpreise drücken?

    Bei 15 Dollar für ein Barrel Brent war im vergangenen April die Talsohle des Ölpreises noch gar nicht erreicht. Wegen beispiellosen Nachfrageschwunds in Zeiten der Pandemie fielen Termingeschäfte im Frühjahr zeitweise sogar ins Negative. Als die Ölpreise um nahezu 60 Prozent eingebrochen waren, fing China an, seine Tanklager mit billigem Rohöl vollzupumpen.

    Chinas Lagerreserven sollten ein Volumen erreichen, das dem 90-tägigen Netto-Import des Landes gleichkäme: annähernd 900 Millionen Barrel. Die Mengen, die die chinesische Führung tatsächlich hat einlagern lassen, sind nicht bekannt. Händler von SIA Energy und Marktanalysten von Wood Mackenzie gehen von 80 bis 100 Millionen Barrel aus, die Peking zusätzlich habe kaufen müssen.

    Jetzt bringt China einen Teil seiner Reserven wieder auf den Markt – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die OPEC+ einer Steigerung der Ölproduktion entgegengeht: Ab 1. August sollen die Teilnehmerländer des Ölkartells ihre tägliche Ölproduktion auf nur noch 7,7 Millionen Barrel beschränken.

    Eine Million Barrel hat Peking bereits über die Shanghai International Energy Exchange verkauft. Verladen wurde das Rohöl aus einem Tanklager an der chinesischen Ostküste. Kunden sind Länder, die ihr Erdöl vorher im Nahen Osten oder in Afrika kauften. Marktanalysten von Bloomberg werten dies als Fanal für einen neuerlichen Preissturz am Ölmarkt.

    Marktkenner aus Russland urteilen nicht so verzweifelt: Schließlich sei China kein Produzent, sondern Netto-Importeur von Rohöl. Zu einer fundamentalen Kräfteverschiebung am Ölmarkt wäre China, selbst wenn es wollte, nicht imstande, sagt Maxim Fjodorow, Vize-Präsident der Investmentgesellschaft QBF in Moskau.

    Vielmehr zeigt das Marktverhalten der Chinesen, dass die Ölnachfrage sich weder so stark noch so schnell erholt, wie erwartet wurde. „Nach der Aufstockung der Reserven hat Peking beschlossen, die Überschüsse freizugeben. Daran lässt sich etwas verdienen und nebenher lässt sich damit verhindern, dass die OPEC+ die Preise zu stark nach oben treibt“, erklärt Igbal Gulijew, Vize-Direktor des Internationalen Instituts für Energiepolitik und -diplomatie an der Moskauer Hochschule MGIMO. Aber deswegen sei China noch lange kein Schwergewicht am Ölmarkt.

    Chinesische Ölvorräte machten 69 Prozent der weltweiten Reserven aus. Auf den ersten Blick ist das viel, aber: Peking habe den Brennstoff nicht zu Spekulationszwecken gekauft, sondern für die Zeit des Wirtschaftswachstums nach der Krise. Diese Nachfrage erweise sich gegenwärtig als zu schwach, erklärt Vitali Mankewitsch, Präsident des Russisch-Asiatischen Industriellen- und Unternehmerverbandes.

    „Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass China so viel Erdöl verkaufen können wird, dass Großlieferanten wie Russland, Saudi-Arabien und die USA in Bedrängnis kommen. Aller Voraussicht nach wird es beim sukzessiven Verkauf von Lagerüberschüssen bleiben.“

    Genug freie Ölspeicher hätten die Chinesen allerdings noch, sagen Experten. Auch lassen sich schnell neue Tanklager bauen. 330 Millionen Barrel freies Lagervolumen habe es Ende Juni in den staatlichen und privaten Tanklagern Chinas gegeben, hat die Beratungsfirma Kpler errechnet. Außerdem sollen in der zweiten Jahreshälfte weitere Tanks mit einem Fassungsvermögen von insgesamt knapp 75 Millionen Barrel in Betrieb genommen werden.

    „Sind die Angaben von Kpler richtig, könnten chinesische Firmen ohne Weiteres noch mehr Rohöl einkaufen, sofern das Marktumfeld günstig ist“, sagt Artjom Dejew, Chefanalyst der Investmentgesellschaft AMarkets. Eine Million Barrel zu verkaufen, sei ein Routinegeschäft ohne spürbaren Einfluss auf den Ölpreis.

    Zwar ist China in den zurückliegenden Monaten in der Tat ein Preistreiber gewesen, aber was das Land gegenwärtig am Ölmarkt unternimmt, wird offenkundig keinen Preissturz auslösen, sondern das stetige Wachstum der Ölpreise nur verlangsamen.

    Vielmehr hat Peking dank seinen Ölreserven andere Hebel in der Hand. Sollte es beispielsweise zu Sanktionen kommen, die das Anliefern von Erdöl auf dem Seeweg blockieren würden, hätte Peking Überschüsse auf Lager, die zu Dumpingpreisen verkauft werden könnten. Es käme zur weiteren Eskalation im Handelskrieg zwischen China und den USA, warnt Marktanalyst Dejew. Immerhin würde Russland davon profitieren. Denn es beliefert China mit Erdöl über Pipelines, nicht auf dem Seeweg.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Ölmarkt, Ölpreis, Ölexport, China