13:58 06 August 2020
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    Bei „Dunja Hayali“ ging es am Donnerstagabend um „Hessens Polizei und die rechtsextremen Morddrohungen“. Ziemlich bald driftete aber die Sendung hin zum überstrapazierten Diskurs „Rassismus und Polizei“ ab. Und dann auch zum Thema "Rassismus in der Sprache".

    Dass mittlerweile mehr als 70 angesehene Personen des öffentlichen Lebens Deutschlands, vorwiegend Frauen und übrigens hauptsächlich ohne „Migrationshintergrund“, seit zwei Jahren Drohbriefe mit der Unterschrift „NSU 2.0“ bekommen, ist natürlich skandalös. Dass für zumindest einige der rechtsextremen Drohungen persönliche Informationen aus Polizeicomputern in Hessen abgerufen worden waren, ist umso skandalöser. Im „Dunja Hayali“-Talk am Donnerstagabend konnte Christian Heinz, Chef des Innenausschusses im hessischen Landtag, keine plausible Erklärung geben, wie es dazu kommen konnte und wieso bisher keine Schuldigen ermittelt worden sind. Er versicherte lediglich, dass mittlerweile strenge Maßnahmen ergriffen worden seien, die so etwas in Zukunft verhindern würden.  „Man hat den Eindruck, dass der Wille zur Aufklärung fehlt“, suggerierte die Moderatorin. Christian Heinz wehrte sich gegen einen „Generalverdacht“, räumte aber auch ein, dass „schwarze Schafe in den Reihen der Polizei“ geben könnte.

    Melodramatische Note

    Nahtlos ging die Diskussion zum Anschlag in Hanau über – die Moderatorin sah ebenfalls eine Schlamperei der Ermittlungsbehörden dahinter. Immerhin hatte der Täter mehr als zwei Wochen vor seiner Bluttat ein Pamphlet mit rassistischen und antisemitischen Ausfällen im Netz gepostet. Schusswaffen hatte er auch legitim besessen.  Wie auch im „Dunja Hayali“-Talk vor einer Woche, der den dramatischen Zuständen in den Altenheimen während der Corona-Krise gewidmet war, kam jetzt ein Vor-Ort-Video mit der Moderatorin als Hauptdarstellerin: Wie sie Blumen an einem Gedächtnisort für die Hanau-Opfer niederlegte und wie sie mit anteilsvollem und traurigem Blick Angehörige der Opfer interviewte. Solche Videos dürften als Markenzeichen der „Dunja Hayali“-Staffel dienen, womit sich diese von „Maybrit Illner“ oder „Anne Will“ unterscheiden sollten.  Bleibt die Frage, ob solche Einblendungen geschmacksmäßig tadellos sind und ob solche melodramatischen Noten in einem Polit-Talk am Platze sind.

    „Die deutsche Polizei ist nicht die US-Polizei“

    Und sieh da: Schon wieder drehte sich die Diskussion um das Thema „Rassismus“ und speziell um „Rassismus in der Polizei“ – einem Diskurs, der von den deutschen Medien nach dem Tod von George Floyd in den USA prompt übernommen wurde. Für den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann besteht, wie er am Donnerstagabend im ZDF-Studio betonte, kein Grund, die gesamte Polizei unter Generalverdacht zu stellen und eine Studie zu Racial Profiling zu starten. Für die mittlerweile sicherlich bereits wenigen Zuschauer*innen, denen dieser Begriff noch nicht geläufig war, wurde in der Sendung seine Definition eingeblendet:

    „Racial Profiling = anlassunabhängige Kontrolle durch die Polizei wegen Hautfarbe, Haarfarbe oder anderer äußerer Merkmale.“

    Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) teilte diese Meinung des Ministers nicht. Im Gegenteil: Eine solche Studie wäre eine willkommene Chance für die deutsche Polizei – „gerade wenn man zeigen will, die deutsche Polizei ist nicht die US-amerikanische Polizei“. Diese Äußerung, die dazu noch ausgerechnet von einem Grünen kam, brachte gewisse kontroverse Dynamik in die Studio-Diskussion und passte wahrscheinlich nicht ganz ins Konzept der Moderatorin. „Polizisten sind auch Opfer“, fügte Özdemir hinzu. Paradebeispiele dafür hat man ja in den letzten Wochen bei den Randalen in Stuttgart und Frankfurt in der Tat genügend gesehen.

    Ist die Frage „Wo kommst du her?“ in Deutschland erlaubt?

    Die Schlusssequenz der Sendung bildete ein 1:1-Gespräch mit der Politologin und Journalistin Hadija Haruna-Oelker, deren Schwerpunktthema Rassismus in Deutschland ist. Dabei ging es unter anderem um Kommunikationsprobleme in der deutschen Gesellschaft, in der die Leute seit einiger Zeit aus verständlichen Gründen dem Gegenüber die Frage stellen: „Wo kommst du her?“

    Deutsche TV-Moderatorinnen (v.l.n.r.) : Anne Will, Maybrit Illner und Sandra Maischberger (Collage aus Archivbildern)
    © Foto : AFP / dpa / Rainer Jensen; CC BY-SA 2.0 / Metropolico.org; AFP / Odd Andersen
    Wie Dunja Hayali meinte, müsse man in dieser Frage nicht unbedingt eine rassistische Konnotation heraushören: „Ich gestehe, ich stelle diese Frage auch immer wieder – aus Interesse, aus Neugierde, aus Offenheit… Es kommt auf den Ton an, auf Haltung und Intention.“ Hayalis Gesprächspartnerin zeigte sich da viel weniger tolerant: „Die Intension ist mir doch egal, wenn ich alle fünf Minuten diese Frage gestellt bekomme“, erwiderte die in Deutschland geborene dunkelhäutige Gesprächspartnerin, deren Mutter aus Ghana stammt. „Diese permanente Fremdverortung, mit der man aufwächst, ist ein plakatives Beispiel für ein System dahinter… Wenn man aus bestimmten Ländern kommt, dann wird es in Deutschland nicht als hoher Wert angesehen, da sind alle rassistischen Stereotypen dahinter.“

    Nun ja, würde etwa ein Deutscher oder eine Deutsche in Ghana aufwachsen und leben – wird diese Person dort in Ghana nicht hin und wieder ebenfalls mit der „Wo kommst du her?“-Frage konfrontiert? Wird dies in Ghana dann auch als eine verurteilungswerte „Fremdverortung“ bewertet? Diese Frage hat Dunja Hayali ihrer Gesprächspartnerin nicht gestellt – ebenfalls aus verständlichen Gründen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    George Floyd, Bündnis 90/Die Grünen, ZDF, Polizei, Rassismus, Randale, Cem Özdemir, Dunja Hayali