20:27 20 Oktober 2020
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    Wenn eine Großbank, die ihre Finger überall auf der Welt im Wirtschafts- und Finanzspiel hat, eine Prognose zum künftigen Stand des Dollars als Leitwährung abgibt, sollte man hinhören. Erst recht, wenn diese Prognose ganz anders ausfällt als die gängigen Einschätzungen zur Zukunft des amerikanischen Geldes.

    Was man als erstes über die Goldman Sachs wissen müsse, sei: „Sie ist überall“, schrieb der amerikanische Enthüllungsjournalist Matt Taibbi in der Zeitschrift „The Rolling Stones“ 2010:

    „Die mächtigste Investmentbank der Welt ist ein Vampir-Krake, der sich um die Menschheit windet und seinen blutrünstigen Sauger in alles hineinsticht, was nach Geld riecht.“

    Seitdem haftet diese Bezeichnung unauslöschlich an der amerikanischen Großbank. Goldman Sachs ist das Aushängeschild der New Yorker Finanzwelt, sie verwaltet ein Vermögen von einer Billion Dollar, ist eine feste Größe an der Wall Street und befördert unentwegt hochdotierte Profis in die Chefetagen der Finanzbehörden in aller Welt einschließlich des Finanzministeriums der USA.

    Die Goldman Sachs ist nicht nur das Sinnbild für Amerika – es ist das Amerika an sich: das Amerika der Gegenwart, das sich längst von der Werkbank verabschiedet und in Finanzmanipulationen verstrickt hat. Einst war keine Bank das Symbol der Vereinigten Staaten, sondern der Industriekonzern General Motors, von dem Verteidigungsminister Wilson sagte: „Was gut ist für General Motors, ist gut für die USA.“
    Längst vorbei, diese Zeiten. Die USA stehen heute nicht für Industriearbeiter, sondern für Investmentbanker. Und jene von Goldman Sachs sind sehr besorgt um die Zukunft der amerikanischen Währung: „Die Goldman Sachs Group weist auf die überraschend angestiegene Beunruhigung mit Blick auf die Inflation in den USA hin. In einer Mitteilung vom Dienstag warnt sie eindringlich davor, dass der Dollar Gefahr läuft, seinen Status als Weltleitwährung zu verlieren“, berichtet „Bloomberg“. Der US-Kongress gehe einer weiteren fiskalpolitischen Förderrunde für die von der Pandemie gebeutelte Wirtschaft entgegen; die Federal Reserve habe ihre Bilanzen in diesem Jahr bereits auf 2,8 Billionen Dollar vergrößert. Deshalb warne die Goldman Sachs vor der „Gefahr einer Währungsentwertung“, die der „Vormacht des Dollars als dominierende Kraft auf den Weltfinanzmärkten“ ein Ende setzen könnte, so die Agentur.

    Man muss es der Goldman Sachs lassen: Noch im Frühjahr – als die Dollarpresse der Federal Reserve zur Unterstützung der Finanzmärkte und des US-Haushalts erst anlief und Kongress wie Senat über das Ausmaß staatlicher Hilfen für die Wirtschaft und den Umfang der damit einhergehenden Staatsverschuldung nachdachten – lud die Großbank ihre Kunden zu Sonderberatungen ein, um sie davon zu überzeugen, ihre amerikanischen Dollar wegen möglichem Inflationsrisiko gegen Gold oder sogar Bitcoins einzutauschen. Jetzt hat die Bank offenbar beschlossen, die größtmögliche Öffentlichkeit von diesem Problem zu unterrichten.

    Natürlich ist hierbei zu berücksichtigen, dass diese Ansicht in den Finanzkreisen nur von einer Minderheit vertreten wird. Die typische Position der Finanzwelt zur Zukunft des Dollars findet ihren Ausdruck in Aussagen wie der von Michael Krupkin, Direktor Währungshandel bei der britischen Barclays:

    „Der US-Dollar kommt nicht mal ansatzweise dahin, seinen Status als Reservewährung zu verlieren, wenn man die Tiefe der Kapitalmärkte und den alles überragenden Umfang weltweiter Transaktionen bedenkt, die in Dollar abgewickelt werden.“

    Das Problem ist nur: Wenn eine Mehrheit der Finanzanalysten ihre Einschätzung zur Zukunft des Dollars ändert, könnte es für Veränderungen einfach zu spät sein. Dann könnte es sein, dass die Erosion eines auf der Dollar-Dominanz basierenden Weltfinanzsystems entweder bereits abgeschlossen ist oder einen irreversiblen Schwellenwert überschritten hat.

    Als weiteren Beleg dafür, dass das Dollar-System alle seine Kritiker überleben werde, führen manche Experten häufig die Tatsache an, dass dieses System die unaufhaltsame Dollarflut der Federal Reserve in den Jahren 2008-2009 überstanden habe. Diese Betrachtungsweise lässt allerdings außer Acht, dass die Intensität, mit der die Dollarpresse heute läuft, alles in der vergangenen Weltfinanzkrise Dagewesene übertrifft. Auch wird hierbei übersehen, dass die USA in den Jahren 2008-2009 unangefochten an der Spitze einer monopolaren Welt standen.

    Die heutige Situation ist eine völlig andere. Amerikanische Städte versinken in Mordbrennereien; die beiden amerikanischen Volksparteien spekulieren über die Möglichkeit eines Bürgerkrieges, weil man die Ergebnisse der kommenden Präsidentschaftswahl möglicherweise nicht anerkennen werde. Die monopolare Welt ist Geschichte und die zentrale Frage ist, welche Form der kalte Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und China annehmen wird, der längst begonnen hat.

    Der Riesenkrake Goldman Sachs ist offensichtlich gut beraten und weise genug, in dieser Situation Alarm zu schlagen, um an die Haushaltsdisziplin zu appellieren und zur Rettung jenes Systems aufzurufen, mit dem die USA sich über die zurückliegenden 50 Jahre unfassbare Privilegien zusicherten.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Finanzblase, USA, Goldman Sachs, US-Dollar