15:37 19 September 2020
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    Wäre Russlands Beistand nicht gewesen, hätte die syrische Regierung den Krieg gegen bewaffnete Guerillas in Syrien längst verloren. Zu dieser Erkenntnis kommt der Wissenschaftliche Dienst des US-Senats in seiner 49-seitigen Übersicht zum „Waffenkonflikt in Syrien und der Reaktion der USA“.

    Die Übersicht ist mit einer Karte Syriens versehen. Das Zentralgebiet, der West- und der Südteil des Landes werden von Damaskus kontrolliert – mit Ausnahme einer kleinen Enklave an der Grenze zu Jordanien: dort haben die Amerikaner ihren Stützpunkt At-Tanf aufgebaut. Die Provinz Idlib im Nordwesten ist in der Hand der radikalen Islamisten und der Türkei. In den Gebieten nördlich und östlich des Euphrats (circa ein Drittel des syrischen Staatsgebiets) walten die Kurden.

    Die Darstellung ist verzerrend, denn gerade die Gebiete im Norden und Osten des Landes werden de facto von Washington geführt. Es sind nur wenige Amerikaner dort im Einsatz: laut der Senatsübersicht annähernd 600 Mann. Aber sie halten Stellungen in den wichtigsten Ölfördergebieten dieser ölreichen Region. Zudem werden im Osten Syriens mehrere hundert Söldner von Sicherheitsfirmen eingesetzt. Das Senatspapier erwähnt immerhin, dass die syrische Regierung die Militärpräsenz der Vereinigten Staaten in dieser Region als illegal einstuft. Aber die dortigen Ölfelder müssten vor Terroristen geschützt werden, so die Erklärung Washingtons.

    Die Verfasser der Übersicht verweisen offen darauf, dass es hin und wieder zu Zusammenstößen komme zwischen den US-Kräften und den syrischen Regierungstruppen. Demnach sollen syrische Soldaten im Februar dieses Jahres an einem Kontrollposten in der Stadt Kamischli eine amerikanische Patrouille beschossen haben. Verletzt wurde niemand. Im Nordosten des Landes komme es vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen amerikanischen und russischen Streitkräften, schreiben die Berichtsautoren. Mehrere Internetvideos zeigen in der Tat, wie US-Einheiten versuchen, den russischen Feldjägern mit Kampffahrzeugen den Weg bei Patrouillen zu versperren. Man kann nur von Glück reden, dass dabei bislang nicht geschossen wurde.

    Russland hält sich und bleibt

    Es ist geradezu ein Eingeständnis des Scheiterns, wenn die Senatsbediensteten schreiben, dass weder die israelischen Luftschläge gegen iranische Einrichtungen in Syrien noch die Anti-Russland-Sanktionen es vermocht hätten, die Regierungen in Moskau und Teheran dazu zu bringen, die Hilfe und den Beistand für die syrische Führung aufzugeben oder auch nur einzuschränken.

    „Die USA haben die Fähigkeiten und die Entschlossenheit Moskaus unterschätzt, Syrien als Außenposten für die Ausweitung von eigenem Einfluss im Nahen Osten zu nutzen“, schreiben die Verfasser des Senatsberichts. Ein „direkter bewaffneter Konflikt“ mit Russland, dem Iran und deren Stellvertretern sei für die US-Truppen nicht auszuschließen. „Außerdem ist es dringend nötig zu verstehen, wie weit Moskau in der Unterstützung seines syrischen Verbündeten gehen kann.“

    Mit Bedauern stellen die US-Analysten fest: Auf Damaskus Druck auszuüben, werde zusehends schwieriger. Durch den Einsatz der russischen Luftwaffe und Spezialkräfte sei die Front von der syrischen Hauptstadt weit weggeschoben worden – der Großteil Syriens werde von der syrischen Regierung kontrolliert. Die politischen Gegner Baschar Assads hätten nahezu nichts mehr in der Hand, womit sie noch pokern könnten. Währenddessen finde eine Annäherung zwischen Damaskus und den Kurden statt: Die syrische Zentralregierung könne ihren Einfluss also auch auf den Norden und Osten des Landes ausweiten.

    Der IS* bleibt gefährlich

    Präsident Trump hatte den Islamischen Staat im Dezember 2018 für bezwungen erklärt, Analysten aber sehen die Terrormiliz längst nicht als zerschlagen an. Zwar wurden letzte IS-Lager von US-Verbündeten im März 2019 eingenommen, jedoch haben die Islamisten ihre Führungsstrukturen in Syrien erhalten können. Die Terrormiliz behält somit die Befehlsgewalt über die Aufständischen in Syrien und im Irak: Schwere Anschläge sind weiterhin möglich.

    Russische und türkische Militärs während der gemeinsamen Patrouille in der syrischen Provinz Idlib (Archivbild)
    © Sputnik / Verteidigungsministerium Russlands / Handout
    Im Senatsbericht heißt es dazu: „Das weitere Schicksal des IS in Syrien hängt langfristig von unserer Fähigkeit ab, Sicherheitsorgane zu schaffen, die das Erstarken der Terrorgruppe verhindern könnten. Doch die Bedrohung ‚Islamischer Staat‘ ist eine langfristige. Wir müssen auch künftig die Kurden unterstützen, damit sie gegen die Terroristen kämpfen.“

    Eine weitere Bedrohung geht von den Gefängnissen aus, in denen derzeit an die 10.000 IS-Kämpfer festgehalten werden. Die befinden sich größtenteils im Norden des Landes und werden von kurdischen Kräften bewacht. Hinzu kommen Lager für die Angehörigen der Islamisten. In Al-Hol, dem größten dieser Lager, sind circa 66.000 Frauen und Kinder von IS-Mitgliedern untergebracht.

    Beobachter sagen, Terroristen würden dort Propaganda betreiben, um den Kampfgeist der Mitglieder zu stärken. Der IS plane auch Überfälle, um Mitglieder und Angehörige freizukämpfen. Die kurdischen Mannschaften klagen regelmäßig, ihr Personal reiche nicht aus, um die Lager zu bewachen. Aber die Amerikaner lassen sich Zeit mit Verstärkung und fordern stattdessen, die Herkunftsländer der Terroristen sollen die Gefangenen aufnehmen und in der Heimat zu weiteren Strafen verurteilen. Die Herkunftsländer suchen allerdings unter allen denkbaren Vorwänden nach Wegen, die Rückkehrer nicht aufnehmen zu müssen.

    Die Problemregion Idlib

    Die Provinz Idlib ist der Brennpunkt in Syrien. Im Moment setzen sich dort Syrien, Russland, der Iran und die Türkei ein. US-Truppen sind zwar nicht präsent, haben jedoch mehrmals Einheiten angegriffen, die der Al-Qaida nahestehen. Neben parastaatlichen Verbänden wie Hisbollah kämpfen auch Terrorgruppen wie Haiat Tahrir asch-Scham in der Provinz. IS-Kämpfer sind dort ebenfalls weiterhin aktiv.

    „Die Nordgebiete von Idlib werden als einzige noch von oppositionellen Kräften kontrolliert“, erklären Analysten im Senatsbericht. „Diese Lokalgruppen sind die Überbleibsel derer, die 2011 Damaskus herausforderten. Seit 5. März herrscht eine Waffenruhe in Idlib, die der türkische und der russische Präsident vereinbart haben. Ihre Truppen patrouillieren gemeinsam die strategische Fernstraße M4.“

    Noch könne die Waffenruhe aufrechterhalten werden, trotz mehrfacher Übergriffe durch Terrorkämpfer. Die Türkei verlege jedoch weiterhin Truppen in die Region und habe sich kürzlich bereit erklärt, Kampfhandlungen bei Bedarf wiederaufzunehmen. Der Krieg in Syrien sei folglich noch lange nicht beendet, so die Analysten des US-Senats.

    *Terrororganisation, in Deutschland und Russland verboten. 

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Öl, Krieg, USA, Syrien, Russland