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    „Der Pakt – Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz“ heißt das neueste Buch der Historikerin Claudia Weber. Die Monographie, 2019 erschienen im Verlag C.H.Beck, gilt in den meisten Medien als der Weisheit letzter Schluss zum sogenannten Hitler-Stalin-Pakt. Deshalb erscheint es notwendig, einen kritischen Blick darauf zu werfen.

    Zur Person der Autorin: Die in der DDR aufgewachsene und heute 50-jährige Historikerin absolvierte ein Lehrerstudium, studierte anschließend Südslawistik sowie Politik- und Osteuropawissenschaft, einschließlich eines Studienaufenthaltes in den USA für zwei Jahre. Sie spezialisierte sich auf die Erinnerungskultur Bulgariens, worüber sie promovierte. Nach 16 langen Jahren Ausbildung war sie elf Jahre an verschiedenen historischen und soziologischen Instituten als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig, teilweise mit Lehrauftrag.

    2014 wurde sie zur Professorin für Zeitgeschichte an der Europa-Universität „Viadrina“ in Frankfurt (Oder) berufen, ohne die dafür übliche Qualifikation durch eine Habilitation. Auch mit ihren Publikationen sieht es dürftig aus: 19 in 22 Jahren. Viel zu wenig. Zum Vergleich: Der Autor hatte in fünf Jahren an der DDR-Akademie der Wissenschaften 28 Publikationen verschiedenster Art veröffentlicht.

    Außer ihrer Dissertation „Auf der Suche nach der Nation. Erinnerungskultur in Bulgarien 1878-1944“ hat sie allein mit dem neuen Buch nur zwei Monographien zuwege gebracht. Mit einem Buch über die Vorgänge in Katyń 1940 hat sie das Thema publizistisch für die Deutschen „aufgearbeitet“. Dadurch fand sie Einlass in Kreise, die eine gewerbsmäßige Abrechnung mit Sozialismus, Sowjetunion und DDR betreiben. Hier ist Weber besonders rührig und hat auch etwas anzubieten: Ihre einzige Stärke besteht in der Präsentation. Flüssig, mit angenehmer Stimme und interessanter Mimik kann sie scheinbar die kompliziertesten historischen Zusammenhänge plaudernd mit einem Charme erklären, vom dem sogar kritische Zuhörer nicht unberührt bleiben.

    Schwere Enttäuschung

    Wer diesem rhetorischen Zauber nicht erlegen ist, wird bemerken, dass die Historikerin sich in erheblichen logischen Widersprüchen verfangen kann. In einem Interview mit dem Sender Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) am 28. August 2019 erkannte sie die sowjetischen Friedensbemühungen 1939 als politische Priorität an und bestätigte die westliche Ablehnung eines Bündnisse mit der UdSSR. Damit legitimiert sie politisch und moralisch den gleichzeitig von ihr verteufelten sogenannten Hitler-Stalin-Pakt.

    So, wie sie spricht, schreibt sie auch, was in der Wissenschaft nicht geht. Wer also angesichts dieses brisanten Themas eine fachlich fundierte, sachliche, mit Fakten gesicherte, handwerklich saubere, von einem nüchternen Blick geleitete und in der Wertung ausgewogene Darstellung erhoffte, wird von Webers Buch schwer enttäuscht sein.

    Die Historikerin beklagt die Zurückhaltung renommierter Wissenschaftler hinsichtlich ihres Buches. Die Antwort liegt auf der Hand: Nicht nur ihr ungerechtfertigter, geradezu arroganter Anspruch, mit ihrem Werk einen qualitativen Durchbruch gegenüber gestandenen Kollegen vollzogen zu haben, sondern vor allem ihre dilettantische Arbeit ohne erkennbaren wissenschaftlichen Wert lässt diejenigen, die ihr politisch nahestehen, aus Solidarität lieber schweigen.

    Deutliche Kritik

    Einem war es dann doch zu viel: Der Historiker Jost Dülffer von der Universität Köln war schockiert und beklagte die wissenschaftliche Qualität. In einem Beitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ stellte er fest, Webers Buch biete zumeist seit Jahrzehnten längst Bekanntes. Doch dieses wie auch entscheidende Quelleneditionen scheine sie nicht zu kennen, für eine Wissenschaftlerin sei das nicht seriös. Methodisch bewege sich die Professorin dabei noch nicht einmal auf Erstsemester-Niveau.

    Dass sie extensiv aus geschönten Memoiren zitiert, ist in quellenkritischer Hinsicht völlig inakzeptabel. Quellenkritik scheine Weber überhaupt unbekannt zu sein, so der Kölner Historiker. Letztlich sei das Buch eine „Darstellung, die sich methodisch höchst fragwürdiger Vorgehensweisen bedient und einen weit überzogenen innovativen Anspruch erhebt. Das ist dann doch insgesamt enttäuschend.“

    Soweit, so schlecht, doch das ist noch nicht alles: Da sie wie fast alle anderen rechten Historiker die Existenz des deutschen Faschismus leugnet, ihn dafür als „Nationalsozialismus“ bezeichnet, setzt sie diese von den Nazis betriebene Manipulation ungewollt fort. Zudem assoziiert diese Bezeichnung eine Gleichsetzung mit dem Sozialismus (Kommunismus), eine ideologische Nähe und somit auch eine Bündnismöglichkeit.

    Erschreckende Unkenntnis

    Dennoch gelingt es der Historikerin nicht, über die Arbeit ihrer Vorgänger hinaus wissenschaftliche Belege für ein deutsch-sowjetisches Bündnis herbeizubringen, obwohl sie allein darauf fokussiert ist. Damit erfüllt sie auch den als Buchuntertitel selbst gewählten Anspruch nicht. Deshalb versucht sie es mit Eloquenz und Oberflächlichkeit. Auffällig ist die enorme emotionale Überfrachtung, die ihren aggressiven suggestiven Stil begleitet und ihr Werk eher als politisch-moralische Zweckpropaganda klassifiziert.

    Die massenhafte und grundlose Verwendung pejorativer Adjektive wie „mörderisch“, „berüchtigt“, „ungehobelt“ oder „erbarmungslos“ entzieht der Darstellung den letzten Hauch von Solidität. Für eine wissenschaftliche Arbeit ist das unzulässig. Die Terminologie erinnert trotz Beredsamkeit an den Kalten Krieg und dessen Sprache.

    Oft fehlt auch die für einen Historiker nötige Akribie; in Völkerrechtsbegriffen, der polnischen Geschichte der 30er Jahre, den spezifischen, ethnischen und politischen Verhältnissen in Ostpolen und in der sowjetischen Geschichte kennt sie sich nur wenig aus.

    Oft tritt eine erschreckende Unkenntnis bzw. ein Abgehen von fundamentalem Geschichtswissen zutage. Dadurch wird bilateralen Verträgen unberechtigt ein Bündnischarakter zugeordnet, wie zum Beispiel beim Rapallo-Vertrag von 1922. Ein diplomatisches Protokoll zwischen Berlin und Moskau vom September 1939 wird in ein Militärabkommen umgedeutet, noch dazu mit falschem Datum; die deutsch-polnische Deklaration über Gewaltverzicht von 1934 in einen Nichtangriffsvertrag. Rumänien, seit 1921 einziger polnischer militärischer Bündnispartner, wird als neutral bezeichnet – die Liste ließe sich fortsetzen.

    Deutliche Fehlurteile

    Die aus fehlender Kenntnis resultierende Überschätzung der Sowjetunion führte zu auch für Laien erkennbaren Fehlurteilen. So stimmt es nicht, dass die UdSSR Deutschland aus der Weltwirtschaftskrise heraushalf. Ebenso falsch ist Webers Behauptung, Moskau bzw. die sowjetische Führung unter Iossif Stalin habe „weltkriegsauslösend“ Adolf Hitler den Überfall auf Polen ermöglicht und ihm hierbei gar „den Vortritt gelassen“. Das gilt auch für die These, Moskau habe die Japaner „zu einer Expansion in den pazifischen Raum gezwungen“. Auch diese Reihe ließe sich weiter fortsetzen, leider.

    Von fehlender Fachkenntnis zeugen auch die Aussagen der Historikerin, die Sowjetunion sei erst mit dem Waffenstillstand mit den Japanern am 15. September 1939 in Europa militärisch handlungsfähig gewesen. Das gilt ebenso für ihre These, der sowjetische Einmarsch in Ostpolen habe keine soziale und nationale Befreiung für Ukrainer und Belorussen gebracht und sie sowie die Polen von der Macht zugunsten der Russen ausgeschlossen. Der Aufstand der Ostslawen im September ist der Professorin gänzlich unbekannt, auch dass in den neuen westbelorussischen Machtorganen 57 Prozent Polen, 25 Prozent Belorussen, 17 Prozent Juden und nur zwei Prozent Russen vertreten waren.

    Hierzu gesellen sich weitere unqualifizierte Aussagen: Die sowjetische Industrialisierung, eine hohe zivilisatorische Leistung und eine der entscheidenden Voraussetzungen für den sowjetischen Sieg, „stürzte die Sowjetunion in eine Katastrophe, von der sie sich jahrelang nicht erholte“, meint Weber. Oder: Ohne die militärische Unterstützung durch die Westmächte hätte die UdSSR den für sie existenziellen Kampf nicht gewinnen können.

    Unsolide Plauderei

    Wenn Fakten und Tatsachen nicht bekannt sind, können keine Zusammenhänge erschlossen und exakte Aussagen getroffen werden. Wenn die Fakten nicht stimmen, kann die Aussage nicht richtig sein. So auch hier: Natürlich wird die sogenannte deutsch-sowjetische Siegesparade im September 1939 in Brest-Litowsk als angeblicher Ausdruck einer Waffenbrüderschaft wieder ins Feld geführt, obwohl es beides nie gegeben hatte. Das Ereignis war selbst laut „Deutscher Wochenschau“ vom 27. September 1939 nur ein Truppenvorbeimarsch als feierliche Ablösung bei der Übergabe des Gebietes.

    Neu ist Webers Versuch, aus einem Protokoll zur Truppenentflechtung vom 20. September 1939 ein bündnispolitisches Militärabkommen zwischen Berlin und Moskau zu konstruieren und seine Gültigkeit auf zivile Bereiche zu erweitern. Beides ist falsch, wie auch das von ihr angegebene Datum 22. September 1939. Offenbar kennt die Historikerin den Vertragswortlaut nicht. Auch ihr Bemühen, eine gemeinsame deutsch-sowjetische Militäraktion anzuführen, scheiterte an der unsoliden, nicht verifizierten Quellenlage: Die angegebene Ortschaft gab es nicht.

    Insgesamt lässt sich dieses Buch ruhigen Gewissens als eine in verschiedene Richtungen anregende Plauderei einer russlandfeindlichen geschichtsinteressierten Dame betrachten, nicht aber als wissenschaftliches Werk.

    Claudia Weber: „Der Pakt –Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz“
    C.H.Beck Verlag München 2019. ISBN 978-3-406-73531-8. 276 Seiten; 26,95 Euro

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Krieg, Sowjetunion, Deutschland, Zweiter Weltkrieg, Josef Stalin, Adolf Hitler, Geschichte