18:40 23 November 2020
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    Ein deutsch-sowjetisches Militärabkommen aus dem Jahr 1939 beweist angeblich das Bündnis zwischen dem faschistischen Deutschland und der kommunistischen Sowjetunion. Doch was ist dran an dieser Legende, die neuerdings wieder aufgewärmt wird? Ein Blick auf die Fakten und Dokumente hilft auch hier weiter.

    2019 wurde zum 80. Jahrestag des sogenannten Hitler-Stalin-Paktes von Vertretern dieser Legende ein neuer Versuch unternommen, der Sowjetunion ein Bündnis mit den deutschen Faschisten anzudichten. Die bisher verbreitete Behauptung, wonach jenes Bündnis schon mit dem Abschluss des Nichtangriffsvertrages und seines Geheimen Zusatzprotokolls seit dem 23. August 1939 bestanden hätte, ließ sich offenbar nicht mehr halten: Beide Absprachen beinhalten keine gemeinsamen Aktionen gegen Polen – und schon keine militärischen.

    Dieser Zustand sollte nun beseitigt werden und so wurde als vermeintlich neueste wissenschaftliche Erkenntnis ein angebliches deutsch-sowjetisches „Militärabkommen“ vom 20. September 1939 präsentiert. Das habe angeblich „erste bündnispolitischen Maßnahmen“ eingeleitet. 

    Abwartende sowjetische Führung

    Am 20. September 1939 hatte es tatsächlich eine deutsch-sowjetische Abmachung zwischen Militärs gegeben, allerdings kein Militärabkommen – ein Begriff, dem man alles Mögliche zuzuordnen glaubte. Wie kam es dazu und was beinhaltete die Abmachung?

    Moskau wartete nach dem 1. September und dem Einmarsch der faschistischen deutschen Wehrmacht über zwei Wochen mit seinem Eingreifen, weil es mit einer den Polen im Mai 1939 versprochenen westlichen Großoffensive rechnete.

    Wäre diese erfolgt, hätte sich das Kräfteverhältnis grundlegend geändert. Polen hätte den Vormarsch der Deutschen abbremsen und möglicherweise einen Waffenstillstand erstreiten können. Die Sowjetunion hätte nun zugunsten Polens und des Westens eingreifen oder auf ihr Eingreifen verzichten können, denn Jossif Stalin wollte in diesem Fall „keinen neuen Krieg beginnen.“

    Nun kamen die Dinge aber anders: Keine westliche Offensive, wovon Moskau um den 13. September erfahren hatte. Die Deutsche drangen schneller als angenommen vor und konnten die polnischen Hauptkräfte zerschlagen. Polens Staats- und Militärführung war auf der Flucht nach Rumänien. Da Moskau mit Berlin schon Absprachen wegen der Einflusssphären besaß, hätte es theoretisch nicht eingreifen brauchen und nach der Eroberung Polens jene vereinbarten Gebiete einfordern können.

    Gefährliche Entwicklung

    Doch das ist eine naive Vorstellung: Den Bolschewisten die Hälfte Polens zu „schenken“, wäre im faschistischen Deutschland politisch nicht vermittelbar gewesen. Die Annahme jenes „Geschenkes“ durch die Sowjetunion hätte Moskau nicht nur völlig diskreditiert, sondern für jedermann zum deutschen Bündnispartner oder gar Vasallen werden lassen.

    Das schied also aus, die Sowjetunion musste mit der Roten Armee nun selbst einmarschieren. Zudem wies die inzwischen eingetretene Entwicklung in gefährliche Richtungen: Am 12. September brach in der Westukraine ein von Nationalisten angezettelter antipolnischer Aufstand aus. Der wurde von den Deutschen und von ihnen mitgebrachten ukrainischen Freiwilligen-Einheiten unterstützt und beschleunigte ihren Vormarsch zusätzlich. Es bestand die Gefahr, dass die mit den Deutschen im Bunde stehenden ukrainischen Nationalisten einen eigenen faschistischen Staat ausrufen würden, wie sie das zwei Jahre später nach dem Überfall auf die Sowjetunion taten.

    Angesichts dessen, dass die deutschen Faschisten bereits früher permanent Verträge gebrochen hatten, wäre ein Abgehen von den August-Absprachen durchaus denkbar gewesen. Zudem glaubte Moskau, dass die Deutschen die eroberten Gebiete nicht kampflos abtreten würden. Ein sowjetisches Eingreifen hätte den Krieg auslösen können, auf den die Westmächte seit Jahren so hofften und den die Sowjetunion durch den jüngsten Vertrag mit Hitlerdeutschland abwenden wollte.

    Beiderseitige Zurückhaltung

    Die faschistische deutsche Führung hingegen wollte aber ebenfalls jegliche Konflikte vermeiden, da der Krieg gegen die Sowjetunion noch nicht auf der Tagesordnung stand und noch nicht ausreichend vorbereitet war. Zudem hätte sich bei einer deutsch-sowjetischen bewaffneten Konfrontation das faktisch passive Verhalten der Westmächte in unabsehbare Richtung verändern könne. Darauf war Berlin ebenfalls noch nicht vorbereitet. Die Faschisten wären auf den Stand vor dem 23. August und sogar unter ungünstigeren Bedingungen zurückgeworfen worden.

    Das wollte die deutsche Führung verhindern. Da es kein Bündnis, militärische Bündnisverträge oder andere Absprachen gab, musste eine kurzzeitige Regelung her. Die allerdings konnte, egal was verabredet werden sollte, keinen militärischen Bündnisvertrag ersetzen.

    Hier reagierten Berlin schnell und schlug Moskau schon vor dem sowjetischen Einmarsch gemeinsame Unterredungen darüber vor. Zugleich versicherte es, dass sich die Wehrmacht-Kommandeure strikt an die Weisungen Adolf Hitlers halten würden, und versuchte so Stalins Zweifel auszuräumen.

    Obwohl die Verhandlungspartner schnell zu Stuhle kamen, bestätigten sich Stalins Zweifel. Die Wehrmacht war inzwischen bis auf 200 km in rein westukrainisches Gebiet vorgedrungen und hatte die größten und ergiebigsten polnischen Erdölfelder von Borysław besetzt. Die wollten sie nicht der sowjetischen Seite übergeben. Hierzu musste also eine Lösung her.

    Erste Auseinandersetzungen

    Dramatischer hingegen gestaltete sich die Lage um Lwow, dessen polnische Garnison sich seit Tagen erfolgreich gegen die Deutschen zur Wehr setzte. Der Besitz dieser Stadt hatte zudem noch eine enorme politische Bedeutung: Wer sie besetzte, konnte bei den Ukrainern erheblich Punkte sammeln.

    Die Verbände der Roten Armee kamen nach dem 17. September hier unter anderem deshalb schnell voran, weil der Aufstand der Westukrainer an Fahrt aufgenommen hatte. Inzwischen nahmen daran linke Kräfte teil und der Aufstand unterstütze der sowjetischen Vormarsch. Nach drei Tagen, am 19.September stand die Rote Armee vor Lwow, begann Übergabeverhandlungen mit den Polen und forderte die Deutschen zum Rückzug auf.

    Doch die weigerten sich: Deutsche Soldaten des 137. Regiments der 2. Gebirgsjäger-Division griffen sogar sowjetische Positionen an. Es kam zu ersten deutsch-sowjetischen Kämpfen im Zweiten Weltkrieg. Die Deutschen verloren dabei drei Panzerabwehrgeschütze, fünf Soldaten fielen, neun wurden verwundet. Der sowjetische Verband verlor einen Panzer und zwei Panzerfahrzeuge und verzeichnete sechs Tote und vier Verwundete. Die Einheiten der Roten Armee drangen weiter vor, vertrieben die Deutschen und erzwangen von den Polen schließlich die Übergabe.

    Wichtiger Grundsatz

    Dieses Vorkommnis beschleunigte die Verhandlungen, bei der die deutsche Seite versuchte, ihre gegenwärtige Eroberungslinie zu rechtfertigen. Das geschah, obwohl die vorab vereinbarte Linie seit einem Monat aktenkundig festgelegt worden war. Hier setzte sich die sowjetische Seite durch.

    So konnte in Moskau ein „Geheimes Protokoll zwischen dem Volkskommissar für Verteidigung der UdSSR und den Vertretern des deutschen Oberkommando des Heeres vom 20. September 1939“ abgeschlossen werden. Es wurde am 21. September 1939, 4 Uhr morgens, unterzeichnet. Das war kein Bündnisabkommen, das prinzipiell für einen längeren Zeitraum mit Folgeregelungen konzipiert wird. Es war eine protokollarische Regelung für einen kurzen und begrenzten Zeitraum, bis zum 5. Oktober des Jahres.

    Ausschlaggebend für die Interpretation war der Charakter dieser Absprache: Es war ein Truppenentflechtungsabkommen ohne vorgesehene gemeinsame Kampfhandlungen. Trennung und nicht Gemeinsamkeit war der Grundsatz.

    Die Deutschen sollten sich bis zur nun erstmals bezeichneten Demarkationslinie zurückziehen, die im Geheimprotokoll vom 23. August 1939 als Begrenzung festgelegt worden war, in Abstand von bis zu 25 Kilometer zu den sowjetischen Einheiten. Diese Linie wurde in fast keinem Fall erreicht und deshalb erneuter Verhandlungsgegenstand am 28. September 1939.

    Widerlegte Legenden

    Ungeachtet dessen versuchen die neuesten Legenden-Schreiber wie die Historikerin Claudia Weber aus dem Protokoll zumindest Elemente eines „Militärabkommens“ abzuleiten und es insgesamt als solches zu deklarieren. Im Originaltext, der weder korrekt angemerkt noch insgesamt zitiert worden war, heißt es unter § 5:

    „Falls deutsche Vertreter beim Kommando der Roten Armee Hilfeleistungen anfordern zwecks Vernichtung polnischer Truppenteile oder Banden, die sich auf dem Marschwege kleiner deutscher Truppenteile befinden, wird das Kommando der Roten Armee (die Führer der Kolonnen) erforderlichenfalls die zur Vernichtung der auf dem Marschwege befindlichen Widerstände nötigen Kräfte zur Verfügung stellen.“

    Das ist aber keine geplante gemeinsame Militäroperation, wie es Bündnisverträge vorsehen. Zudem kam es nie zu einer derartigen Situation. Am 6. Oktober 1939 verlor das Protokoll seine vertragliche Gültigkeit, faktisch aber schon am 28. September des Jahres. Das alles beweist zusätzlich, dass es kein deutsch-sowjetisches Bündnis gegeben hat. Da haben sich die Legenden-Schreiber umsonst bemüht.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Josef Stalin, Adolf Hitler, Zweiter Weltkrieg, Polen, Wehrmacht, Deutschland, Rote Armee, Sowjetunion