16:07 29 September 2020
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    War es der nächste Bundeskanzler, der am Mittwochabend im Ersten mit Sandra Maischberger gesprochen hat? „Das kann ich mir nicht vorstellen“, würden wohl die meisten Zuschauer nach der Sendung sagen. Ein „Wumms!“-Erlebnis war es an dem Abend jedenfalls kaum.

    Der frisch gebackene Kanzlerkandidat Olaf Scholz war bestimmt der Stargast des TV-Talks, dem Interview mit ihm widmete die Redaktion ein Drittel der gesamten Sendezeit. Die meisten der potentiellen bzw. eventuellen anderen Kandidaten (Laschet, Merz, Söder) hatten sich bei Maischberger und anderen Talkshows bereits mehrmals interviewen lassen, insofern bekam die potentielle Wählerschaft eine willkommene Vergleichs-Möglichkeit.

    Warum hat die SPD ausgerechnet diesen Mann zu ihrem Kanzlerkandidaten nominiert? Erstens: Bei der Partei scheint es langsam ein Muss zu sein: Als Kandidat darf nur jemand nominiert werden, der einen Sch-Laut im Namen hat: Schmidt – Scharping – Schröder – Steinbrück– Schulz – Scholz.  Zweitens (jetzt mal im Ernst): Olaf Scholz ist – eben dank Corona und Medien – momentan der mit Abstand populärste Politiker bundesweit. Und drittens dürfte die Partei der vor kurzem von Markus Söder formulierten Maxime folgen: „Nur wer die Krise schafft, darf auch Kanzler werden.“  Sicherlich hat der bayerische Ministerpräsident sich selbst gemeint (wobei die jüngste Panne mit den Corona-Tests einen dicken Fleck auf Söders bisher nahezu weiße Corona-Weste gesetzt hat), aber auch Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz dürfte mit seiner „Wumms“- und „Bazooka“-Rhetorik den Titel des Corona-Krisenbezwingers für sich beanspruchen können.

    „So viele Wörter…“

    Was beim „Maischberger“-Interview ein weiteres Mal auffiel: Olaf Scholz hatte bei seinem Anwaltsstudium bestimmt sehr gut aufgepasst – wo denn sonst erlernt man diese Kunst der Rede-Äquilibristik: Eloquent zu sein, viele Wörter im Blitz-Tempo auszusprechen und dabei so wenig wirklich Informatives zustande zu bringen und unangenehmen Fragen auszuweichen. Selbst der sonst so versierten Moderatorin Maischberger rutschte es beim Interview mit dem SPD-Politiker heraus: „So viele Wörter…“, als Scholz ihren sorgfältig vorbereiteten Fangfragen immer wieder geschickt auswich.

    Besonders hartnäckig – drei oder vier Mal – stieß Maischberger nach, als sie vom Vizekanzler hören wollte, wie er eigentlich zu einer eventuellen Koalition mit der Linkspartei stehe. Scholz‘ Antworten darauf: „Wer regieren will, muss regierungsfähig sein“, „Ich glaube, da gibt es noch viele Fragen“ oder auch: „Da wird es sicherlich viel zu diskutieren geben.“

    Der Grund für Maischbergers Hartnäckigkeit bestand zweifellos darin, dass die SPD-Vorsitzende Saskia Esken erst vor wenigen Tagen, ebenfalls im Ersten, ein Bündnis mit der Linkspartei als „möglich und denkbar“ bewertet hatte. Allerdings war es dieselbe, für ihre zuweilen extravaganten Äußerungen bekannte Dame Esken, die erst im November gemeinsam mit Norbert Walter-Borjans, dem anderen SPD-Vorsitzenden, erklärt hatte, Scholz wäre kein „standhafter Sozialdemokrat“, ihm sei das Kanzleramt nicht zuzutrauen.

    Wenn aber Olaf Scholz wirklich Bundeskanzler werden will, während seine Partei momentan höchstens 15 Prozent der Wählerschaft hinter sich hat, muss er Koalitionsvarianten überlegen, soweit der linke SPD-Flügel die Partei nicht mehr als Junior-Partner in der Großen Koalition sehen will. Eine Koalition mit den Grünen? So manche namhaften Grünen-Politiker, etwa Jürgen Trittin, betrachten diese Variante jedenfalls nicht als ein Tabu: Mit dem Abtreten von Angela Merkel sei „das Abo der Union aufs Kanzleramt beendet“. Die Linke stehe laut ihrer Parteichefin Katja Kipping einer Koalition mit der SPD offen. Ein Olaf Scholz als Kanzler wäre kein Hindernis dabei: „Der SPD-Kanzlerkandidat muss mir nicht gefallen“, meinte Kipping.

    In der „Tabu“-Ecke: Die Linke – oder doch die AfD?

    Bleibt die Frage, warum ausgerechnet eine Regierungsoption mit der Linkspartei momentan für so viel Aufregung gesorgt hat. Mittlerweile regiert die Linke in mehreren Bundesländern mit und dürfte insofern längst als „salonfähig“ gelten.  Schließlich ist nicht von der längst verteufelten AfD die Rede.

    Was sich Esken, Walter-Borjans, aber auch der Jusos-Chef Kevin Kühnert u. a. von ihrer Partei und Scholz als Kanzlerkandidat im Vorfeld der Bundestagswahlen wünschen, wäre ein deutlicher Linksruck des gesamten Systems. Ist aber infolge der Corona-Krise, die noch gar nicht zu Ende ist und deren Folgen noch gar nicht abzusehen sind, eher ein Rechtsruck denkbar?

    Der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl, ein weiterer Gast bei „Maischberger. Die Woche“, war am Mittwochabend der Einzige, der die Abkürzung „AfD“ über die Lippen gebracht hat. Er sieht nämlich keinen wirklichen „Wumms“ in der Wirtschaft. Eine echte „Wumms“-Hilfe komme bei mittelständischen und Kleinunternehmen nicht an, behauptete er.

    „In einigen Monaten werden wir eine Pleitewelle erleben, die alles wegspült. Und dann weiß ich nicht, wer dann nächstes Jahr die Chance hat, die Wahlen zu gewinnen. Es kann in eine völlig andere Richtung gehen, an die heute niemand glaubt (…). Wenn wir die Wirtschaft nicht in den Griff bekommen, dann werden wir vielleicht eine Auferstehung der AfD sehen.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Coronavirus, AfD, ARD, Jürgen Trittin, Katja Kipping, Linkspartei, Gerhard Schröder, SPD, Maischberger, Armin Laschet, Friedrich Merz, Markus Söder, Olaf Scholz