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    DDR 1990 – Erste freie Wahl zur Volkskammer und mit Eiltempo zur deutschen Einheit (26)
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    Am 13. August 1961 hatte die DDR ihre Grenze zur Bundesrepublik und zu Westberlin geschlossen – auf sowjetischen Befehl. Die daraufhin gebaute „Mauer“ bestand mehr als 28 Jahre, bevor sie am 9. November 1989 für immer und alle geöffnet sowie in der Folge wieder abgebaut wurde. Sie hat – wie alles im Leben – mindestens zwei Seiten gehabt.

    „Nichts, was auf der Welt sich findet, ist so schlecht, dass die Welt nicht einen besonderen Nutzen daraus ziehe...", schrieb einst William Shakespeare. Eine Mauer wie die vom Schlage der Berliner war nie etwas Anderes als monströs. Eine solche Anlage wirkt von keiner Seite schön, sei sie bemalt oder nicht. Zwang und Bedrohung werden nicht auf Dauer eine positive Grundstimmung erzeugen.

    Vielleicht aber ist es möglich, sich am Jahrestag ihrer Errichtung dennoch unaufgeregt der Frage zuwenden, ob nicht das eine oder andere gute Haar an diesem übel beleumdeten Bauwerk gelassen werden kann. Wenn von positiven Wirkungen der Mauer zu sprechen ist, dann natürlich im Wissen, dass die Architekten der Mauer die fast alle nicht im Sinn hatten, weil sie dies oft genug gar nicht im Sinn haben konnten. Im gesellschaftlichen Leben ist es wie im privaten: Man kann Pläne schmieden und Dinge zielbewusst einleiten – was dann aber wirklich am Ende herauskommt, steht fast immer auf einem anderen Blatt. Wie Bertolt Brecht von den zwei Plänen dichtete: „Gehn tun sie beide nicht ...“

    Der Mauerbau entschärfte eine gefährliche Lage im Zentrum Europas. Auf Kosten der Ostdeutschen. Was 1961 eine weitere Destabilisierung der DDR mit 600.000 sowjetischen Soldaten im Land hätte bedeuten können, musste zum Glück niemand erfahren. Der Preis für diese „Stabilität“ war der Mauerbau – und er war hoch, sicher. Was aber immer Schreckliches dabei oder danach geschah, es hielt sich in doppeltem Sinne in Grenzen.

    Bestandsgarantie für Westberlin

    Die Mauer – auch das zählt zu ihren positiven Auswirkungen – war eine Bestandsgarantie für Westberlin. Das versteht heute nur noch, wer sich die damalige Angst vergegenwärtigt, die Russen würden einfach mal über die Straße des 17. Juni oder die Heerstraße einmarschieren und die US-Amerikaner nicht so blöd sein, für die paar Westberliner „Krauts“ den Dritten Weltkrieg zu riskieren.

    Mit der Mauer war diese Befürchtung gegenstandslos, denn niemand wird eine Stadt, die er erobern will, zuvor noch mit einer Mauer umgeben. Westberlin war danach sicher, konnte mit
    seinem Sender Freies Berlin (SFB) im Fernsehen weiter via Wetterbericht dem Revanchismus Zucker geben und Deutschland in den Grenzen von 1937 servieren. Jahrzehntelang jeden Abend. Da ergibt sich beiläufig die Frage, wann dieser Sender bzw. sein Nachfolger Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) dafür endlich einmal um
    Entschuldigung bittet.

    Die DDR-Bürger waren die Leidtragenden des Mauerbaus, denn in erster Linie richtete sich diese Absperrung gegen sie. Weniger gegen die Westdeutschen (die ja nach ein paar Stockungen weiter hin- und herfahren konnten). Es wäre mithin viel von Ex-DDR-Bürgern verlangt, positive Gefühle gegenüber der Mauer zu hegen. Und doch bestand punktuell Grund dazu und keineswegs unter allen Gesichtspunkten waren die Ostdeutschen Leidtragende.

    Sperrgürtel gegen Katastrophen

    Ein schillerndes Beispiel: Die Contergan-Katastrophe in der Bundesrepublik. Die bewachte Grenze verhinderte, dass sie auch die DDR infizieren konnte. Ihr Zentraler Gutachterausschuss für den Arzneimittelverkehr hatte das entsprechende Präparat abgelehnt. In der Bundesrepublik kamen Tausende verkrüppelte Kinder zur Welt, in der DDR nicht.

    Noch eindrucksvoller bewährte sich die Mauer als Sperrgürtel, als „cordon sanitaire“ im Fall der Immunschwächekrankheit Aids. Die ostdeutschen Bundesländer stehen in der (seit 1983 geführten) Todesstatistik deswegen so weit hinten, weil die DDR ihre Bürger erfolgreich schützen konnte. In der Bundesrepublik gab es knapp 15.000 Aids-Tote, in der DDR ein paar Dutzend.

    Das lag nicht allein an der Mauer, sondern auch am zentralistisch organisierten DDR-Gesundheitswesen, das auf Aids viel effektiver reagieren konnte als das bundesdeutsche. Legt man die Werte der westdeutschen Flächenländer zugrunde, dann hätte Ostdeutschland ohne Mauer und DDR 3000 bis 4000 Aids-Tote gehabt. Diese Menschen haben überlebt. Wenn das keine positive Wirkung war, was nennt man dann positive Wirkung?

    Die Mauer hat verhindert, dass die Zustände der Bundesrepublik sich in der DDR breitmachen konnten. Übrigens auch ihre Zustände auf dem Gebiet des Verbrechens. Die DDR wurde von der UNO zu den zehn Staaten mit der geringsten Kriminalitätsbelastung der Erde gezählt. Die Rate für Mord und Totschlag der Bundesrepublik lag mindestens um das Doppelte, eher aber um das Dreifache über den vergleichbaren DDR-Werten.

    Niemand kann diese Dinge sicher berechnen, aber es lässt sich mit Fug und Recht behaupten,
    dass mehrere Tausend Menschen zusätzlich ermordet worden wären, wenn die bundesdeutschen Verhältnisse schon 1961 auch auf das Gebiet Ostdeutschlands vorgedrungen wären. Dass dies eben nicht geschah, muss man wohl oder übel auch ein Resultat der Mauer nennen.

    Nutzen für beide Seiten

    Wenn von den Vorteilen der Mauer-Zeit die Rede sein soll, dann muss ebenso von den für diese geschichtliche Phase entscheidenden Dingen gesprochen werden.

    Erstens: Die Mauer war ein Symbol des innereuropäischen Friedens. Solange sie stand, hat der Krieg um Europa einen Bogen gemacht. An dieser Stelle ist Willy Brandt recht zu geben: „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.“

    Zweitens: Beiden deutschen Staaten gelang es im Schatten der Mauer, in ihren jeweiligen Bündnissystemen für die eigenen Bürger den höchsten Lebensstandard zu erklimmen. Mit Blick auf die Ereignisse vor 1945 muss man das wohl unverdient nennen.

    Und schließlich drittens: Während der Mauer-Jahre schafften es beide deutschen Staaten, das Bild vom schrecklichen Deutschen in den Hintergrund zu drängen und sich einen anerkannten und gleichberechtigten Platz auf der internationalen Bühne zu verdienen. Sowohl die BRD als auch die DDR taten dies, jeder auf seine Weise. Es hat in der deutschen Geschichte schrecklichere Zeiten gegeben als die der Mauer.

    Ziviles Denkmal

    Die Mauer hat etliche Quadratkilometer innerstädtisches Terrain gefressen, viel Land, das ohne sie vor 50 oder 60 Jahren einfach stadtpolitisch verbraucht worden wäre. Inzwischen ist Behutsamkeit Trumpf, angesichts einer Freifläche rollt nicht gleich der Betonmischer an. Die Mauer hat das grüne Band hinterlassen, das sich heute durch Berlin und um den Westteil der Stadt zieht.

    Dieses Band ist ihr eigenes ziviles Denkmal, eine Art Abschiedsgruß. Es könnte Anlass sein, zu einem versöhnlichen Ende zu finden. Denn bei allem Verwerflichen: Der Vorgang „Mauer“ ist doch im Großen und Ganzen friedlich abgelaufen. „Doch“, um es wieder mit Brecht zu sagen: „die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

    Matthias Krauß, geb. 1960 in Hennigsdorf, arbeitet seit 30 Jahren als freier Journalist in Potsdam und schreibt für diverse Blätter, Agenturen. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter „Der Wunderstaat – richtige Geschichten aus einem falschen Leben“, „Die Partei hatte manchmal Recht – ein Rückblick der ungewohnten Art“ und zuletzt „Die große Freiheit ist es nicht geworden – Was sich für die Ostdeutschen seit der Wende verschlechtert hat“.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Krieg, Frieden, Geschichte, Deutschland, BRD, DDR, Berliner Mauer, Mauer