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    Nach einem Plagiatsskandal, der ihn Amt und Karriere kostete, hat Ex-Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg einen neuen Anlauf für einen Doktortitel mit Erfolg absolviert. Er ist promovierter Philosoph einer britischen Universität. Seine Fangemeinde jubelt und hofft auf seine Rückkehr in die Politik. Andere sind weniger erfreut.

    Den Startschuss gab die „Bild-Zeitung“ noch versteckt, als sie am 12. August hinter ihrer Bezahlschranke titelte: „Guttenberg legt neue Doktorarbeit vor“. Das Springerblatt bot für diesen eher kurzen Artikel dennoch zwei Redakteure auf, die sogar den Doktorvater zu Wort kommen ließen. 468 Seiten weist die „Thesis for the degree of Doctor of Philosophy“ aus, die im November 2018 an der Southhampton Business School der Universität von Southhampton von einem gewissen Karl Buhl-Freiherr v.u.z. Guttenberg eingereicht wurde und deren „final version: July 2019“ bei Redaktionsschluss dieses Artikels immer noch im Internet frei zugänglich war. 

    Den Namenszusatz Buhl führen die von und zu Guttenbergs, seit einer kleinen Adoptionsrochade. Der Uropa des neugekürten Doktors der Philosophie, Enoch, adoptierte 1921 den Mitbegründer der Deutschen Vaterlandspartei, Franz Eberhard Buhl, weil dieser, ohne Kinder und sonstige Erben, sicherstellen wollte, dass sein Freund Enoch „sicher und der Tradition gemäß fortleben würde“, wie Enochs Witwe Elisabeth überlieferte. Enoch und sein Erstgeborener, Philipp Franz, zugleich Patensohn von Franz Buhl, starben allerdings beide im Zweiten Weltkrieg. Um das Testament ihres Mannes zu erfüllen, adoptierte Buhls Witwe nun ihrerseits den zweitgeborenen Sohn von Enoch von und zu Guttenberg, Karl Theodor, den späteren Parlamentarischen Staatssekretär im Bundeskanzleramt, mit Parteibuch der CSU und Großvater des nunmehrigen promovierten Philosophen gleichen Vornamens, allerdings mit Bindestrich.

    “Agenten, Rechnungen und Korrespondenten im Wandel der Zeitalter: Eine analytische Neubetrachtung von Art, Umfang und Bedeutung des Korrespondenzbankgeschäfts und seine Anwendung in historischer Präzedenz und ausgewählten Fallstudien” lautet das Thema jener Arbeit, die ihm nun einen Doktortitel einbrachte, den er hoffentlich behalten darf.

    Viele hoffen auf ein politisches Comeback von zu Guttenberg

    Die nach wie vor eingeschworene Fangemeinde von Karl-Theodor zu Guttenberg, in und außerhalb von CDU und CSU, wittert bereits wieder Morgenluft. Im Internet wird leidenschaftlich darüber debattiert, ob bzw. dass zu Guttenberg wieder das Bundesverteidigungsministerium leiten sollte. Wenigstens das. Denn eigentlich ist der Guttenberg-Fanclub davon überzeugt, dass die Unionsparteien sozusagen eine Frischzellentherapie erhalten würden, schwänge Karl-Theodor zu Guttenberg das Zepter. Kanzler der Bundesrepublik Deutschland würde er ohnehin sozusagen durch Akklamation werden. Die Messiasqualitäten von „KT“, wie er auch liebevoll abgekürzt wird, scheinen in der Überzeugung weiter Teile seiner Anhängerschaft sozusagen zu seinem Genpool zu gehören.

    Doch ganz so einfach dürfte die Seligsprechung von Karl-Theodor zu Guttenberg und sein Triumphzug durchs Brandenburger Tor in Richtung Kanzleramt auf den Schultern glückselig strahlender Bundesbürger nicht vonstattengehen.

    Markus Söder wird nicht erfreut sein über etwaige Ambitionen von zu Guttenberg

    Erstens. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat sich zwar bis heute noch nicht wirklich belastbar zu einer Kanzlerkandidatur geäußert, aber er scheint dem Kanzleramt in Berlin deutlich näher zu sein, als jeder CSU-Anwärter vor ihm. Sehr zu seinem Ärger hat er gerade mit einem gewaltigen und peinlichen Knick in seiner Beliebtheitsskala zu kämpfen, weil ihn simple Schlamperei in seiner Landesregierung auf einmal dastehen lässt wie einen Sprücheklopfer, was dem ehrgeizigen Söder gewaltig gegen den Strich geht, da er das breite Grinsen der Kanzlerin in seinem Nacken spürt. Weshalb der protestantische Franke Söder sich wohl wenig wahrscheinlich und zu allem Überfluss auch noch durch einen Spross eines alten fränkischen, katholischen Adelsgeschlechtes in die Suppe spucken lassen wird. 

    Die Verstrickung von zu Guttenberg in den Wirecard-Skandal könnte ihm schaden

    Zweitens. Vielleicht hat Karl-Theodor zu Guttenberg sich die Lancierung seines neuen Doktorstatus in der Öffentlichkeit etwas anders vorgestellt. Denn noch bevor sich die Republik fragen konnte, was die analytische Neubetrachtung von Art, Umfang und Bedeutung des Korrespondenzbankgeschäfts mit dem akademischen Grad eines Doktors der Philosophie zu tun hat, rückte der Name Guttenberg erneut mit einem Betrugsfall in den Blickpunkt der deutschen Öffentlichkeit. Die Amthor-Affäre und der Zusammenbruch des Wirecard-Konzerns spülten auch den Namen zu Guttenberg wieder an die Oberfläche, weil „KT“ den Möchtegern-Finanzriesen beraten und bei der Bundesregierung angepriesen hat, die sich daraufhin in Peking für Wirecard verwendete. Es dürfte für Karl-Theodor zu Guttenberg unangenehm werden, sich einen Platz in der deutschen Politiklandschaft zurückzuerobern und sich gleichzeitig gegen Vorwürfe der Beihilfe zum Bilanzbetrug in Milliardenhöhe zur Wehr zu setzen.

    Diesmal könnte zu Guttenberg nicht über Plagiate, sondern über seinen Doktorvater stolpern

    Drittens, aber nicht letztens. Diesmal rückt nicht die Quellenlage der Doktorarbeit in den Fokus, sondern der Doktorvater. Prof. Richard Werner, der an der Universität von Southhampton Karl-Theodor zu Guttenberg bei seiner Promotion betreut hat, wird jetzt unter anderem vorgeworfen, eine unscharfe Abgrenzung in den politischen rechten Bereich zu pflegen. Demnach sei er bei einer Veranstaltung von Befürwortern eines sogenannten Öxit, also eines Austritts Österreichs aus der Europäischen Union (EU) nicht nur gesichtet, sondern auch mit zweifelhaften Äußerungen gefilmt worden. Doch nicht nur der Videobeweis gegen Richard Werner, durch einen 2018 veröffentlichten Mitschnitt vor dem Plakat der Öxit-Initiative wird dem Wirtschaftswissenschaftler zum Vorwurf gemacht. 

    Bizarre Merkwürdigkeiten rund um Doktorvater Werner

    Werner hat zwischenzeitlich die Universität Southhampton verklagt, weil er dort nach eigenen Angaben als Deutscher und Christ gemobbt wurde, wie unter anderem die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ziemlich eingehend erläuterte. Deshalb habe Werner gar nicht mehr an der Uni gearbeitet, als „KT“ dort für seine Doktorarbeit forschte. Der prominente Doktorand soll derweil von einem anderen Professor betreut worden sein. Der Obmann der Linkspartei im Finanzausschuss des Bundestages, Fabio de Masi, hat ebenfalls ungewöhnlich ausführlich über den Doktorvater Karl-Theodor zu Guttenbergs auf seinem Twitterkonto geschrieben.

    Demnach habe er (de Masi) ihn (Werner) schon auf einer Konferenz im EU-Parlament kennengelernt und später festgestellt, dass Werner „etwas abgedreht“ zu sein schien. Angeblich oder tatsächlich habe sich Richard Werner auf vertrauliche Informationen japanischer Zentralbanker berufen. Dazu sollte man wissen, dass Richard Werner fließend Japanisch spricht und in Japan mit seinen Büchern einen gewissen Bekanntheitsgrad besitzt, der so weit reichte, dass er 2003 sogar ein Harry-Potter-Buch in der japanischen Bestseller-Liste von Platz 1 verdrängen konnte, wenn auch nur für sechs Wochen.

    De Masi wird jedenfalls vom „Tagesspiegel“ mit der Hypothese zitiert: „Es könnte daher sein, dass ein Hochstapler auf einen anderen Hochstapler reingefallen ist! Guttenberg ist aber auch ein Pechvogel!"

    Plagiatejäger haben schon längst auch Doktorarbeit Nummer 2 im Visier

    Ob dies zutrifft, werden wir vielleicht schon bald erfahren. Innerhalb weniger Tage wurde die zweite Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg mehrere tausend Mal heruntergeladen. Darunter befindet sich auch Martin Heidingsfelder, Gründer der zu einiger Berühmtheit gelangten Plattform „vroniplag.de“, die sich der Aufdeckung von Plagiaten verschrieben hat. Heidingsfelder kündigte gegenüber dem Portal „T-Online.de“ zwar an, auch die neue Doktorarbeit von zu Guttenberg durch seine Software prüfen zu lassen, aber er denke, dass er nichts finden werde. Unabhängig davon sagte Heidingsfelder dem Portal: "Ich finde es aber beschämend, dass sich ein Prof dazu hergibt, zu Guttenberg noch einen Titel umzuhängen. Der hat doch schon genug.“

    Fast könnte man als Beobachter eines russischen Mediums etwas beleidigt sein. Denn dass Richard Werner neben vielen anderen auch dem Fernsehsender RT Deutsch mehr oder weniger regelmäßig als Experte zur Verfügung stand, scheint derzeit in der multimedialen Debatte gar keine Rolle zu spielen. Dabei wäre das doch der ideale Hebel, um sowohl den Doktorvater von Karl-Theodor zu Guttenberg als auch den neu Promovierten schnell zu Fall zu bringen. Sollte die antirussische Propagandamaschine am Ende leichten Getriebeschaden haben?

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Plagiat, Doktorarbeit, CDU/CSU, CSU, Karl Theodor zu Guttenberg, USA, Deutschland