17:32 29 September 2020
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    Neue Normalität in der Corona-Pandemie: Lockerungen weltweit (102)
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    Wie abgesprochen: „Der Spiegel“ und „Die Zeit“ widmen in dieser Woche dem Thema „Maskenpflicht“ ihre Titelgeschichten. Die seit Monaten andauernde Debatte, derer man längst überdrüssig ist, spiegelt nicht nur die Pandemie-Müdigkeit der Gesellschaft wider, sondern auch ein grundsätzliches moralisches Problem – den Mangel an Solidarität.

    Als die Pandemie ausbrach, schlug gleich auch die Stunde der Gutmenschen. Was für eine hervorragende Gelegenheit für die Menschheit, entschlossen und solidarisch gegen den gemeinsamen Feind anzukämpfen, frohlockten die Apologeten der besseren Welt. Von wegen.

    Ziemlich die erste Handlung der Menschen – und der Regierungen weltweit auch - war jedoch: alles absperren. Sich abschotten. Möglichst viel daheim horten. Niemandem etwas hergeben.

    Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich dabei gar nicht bemüht, einen Gutmenschen zu spielen: Rigoros wies er Mitte März die Italiener ab, als diese Deutschland um Schutzmasken und sonstige Schutzkleidung gebeten haben.  Die Deutschen hätten selbst nicht genug davon, hieß es. Überlegungen wie etwa europäische Solidarität und „gemeinsame Werte“ waren damit gleich quasi wie weg.

    Kehrtwenden und Pflichten

    Das waren allerdings noch Zeiten, als die Nützlichkeit der Schutzmaske selbst von der Weltgesundheitsorganisation WHO und dem Robert-Koch-Institut (RKI) angezweifelt wurde, weil es angeblich „keine hinreichende Evidenz“ dafür gab, dass der Mund-Nasen-Schutz das Risiko einer Ansteckung verringere. Mittlerweile liegen zahlreiche „Evidenzen“ auch dafür, dass Jens Spahn und sein Ministerium mit dem Import der Schutzkleidung trotz zahlreicher Warnungen von Fachleuten viel zu lange gezögert hatten. Erbarmungslos zieht „Der Spiegel“ den Minister und die Lächerlichkeit seines damaligen Auftretens durch den Kakao:

    „Spahns Zögern ist das eine, das andere sind die widersprüchlichen Signale, die er und der Rest der Regierung in Sachen Masken sendeten. So lange nicht genügend Masken vorrätig waren, bestritten die Regierung und die von ihr herangezogenen Experten deren Nutzen. Als die Versorgungslage entspannter war, folgte die Kehrtwende. Die Maske wurde zur Pflicht in der Öffentlichkeit.“

    Die Schlüsselwörter sind hier „die Kehrtwende“ und „die Pflicht“. Die staatlich verordnete Pflicht, gebunden an mancherorts durchaus spürbare Geldstrafen, war immerhin – neben anderen Pandemie-Beschlüssen - ein spürbarer Einschnitt in die Bürgerrechte, wie dies jedenfalls die Corona-Skeptiker von Anfang an betonten. Und die schroffe Kehrtwende zeugte zugleich von der wackeligen theoretischen Grundlage dieser Beschlüsse.

    Studien gegen Studien – Was hilft gegen Corona?

    In der Zwischenzeit haben die Verfechter der Maskenpflicht von der Regierungsseite zahlreiche wissenschaftliche Belege für die Effektivität des Maskentragens vorgelegt. Aber auch die Maskengegner verweisen auf Expertenstudien, in denen die Wirksamkeit von Mund- und Nasenschutz angezweifelt bzw. zumindest relativiert wird. Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell etwa hält eine Maskenpflicht für nicht nötig, soweit der erforderliche Abstand gehalten wird.

    Selbst der hart gesottene Maskenpflicht-Verfechter Karl Lauterbach, Medizinexperte in der SPD-Bundestagsfraktion, räumte kürzlich ein, dass bei weitem nicht alle Masken wirklich zuverlässig effektiv seien und dass zum Beispiel die einfachen Alltagsmasken kaum vor Virus-Aerosolen schützen würden.

    Übrigens: In der jüngsten „Zeit“-Ausgabe werden die sogenannten Verschwörungstheoretiker in Schutz genommen, die als solche abgestempelt werden, weil sie hinter der, wie sie meinen, staatlich geschürten Corona-Panik (finanz-)politische Interessen gewisser einflussreicher Drahtzieher sehen. In der Wochenzeitung heißt es:

    „Sie alle in einen Topf mit tatsächlichen Verschwörungstheoretikern zu werfen verrät eher den Wunsch, Kritiker der staatlichen Maßnahmen zu diskreditieren. Man könnte darin sogar seinerseits eine Verschwörungstheorie zweiter Ordnung sehen: eine Verschwörungstheorie, die von Verschwörungstheoretikern handelt, die sich zu dem Zweck verabredet haben, das staatliche Gesundheitsregime zu untergraben.“

    Der Schulbeginn in einzelnen Bundesländern spornte die Diskussion weiter an. Ist die Maskenpflicht an den Schulen, insbesondere während des Unterrichts, überhaupt zumutbar – oder ist dies schon eine Art „staatlicher Kindesmissbrauch“? Allein schon die Tatsache, dass in verschiedenen Bundesländern diesbezüglich unterschiedliche Regeln gelten, lässt stark annehmen: Die Wissenschaft weiß noch viel zu wenig über die Wirksamkeit der Schutzmasken und verwendet die deutschen Schülerinnen und Schüler quasi als Versuchskaninchen.

    Bußgelder und Solidaritätsverweigerung

    An Absurdität grenzt die Unterschiedlichkeit der Maskenpflicht-Vorschriften und der entsprechenden Bußgeld-Beträgen im Zug. „Der Spiegel“ scherzt darüber:

    „Wer sich gegen das Tragen einer Maske sperrt, kann auf einer ICE-Fahrt von München nach Berlin Glück haben, wenn er in Sachsen auffällt, wo er keine Strafe zahlen müsste. In Thüringen wären es 50 Euro, in Bayern 150 Euro, und in Berlin könnten bis zu 500 Euro kassiert werden – aber nur im unwahrscheinlichen Fall, dass Polizisten im Zug kontrollierten.“

    Bleibt die Frage: Zeugt dieser Flickenteppich von einem gut ausgeprägten Föderalismus in Deutschland – oder kann man hier von einer Solidaritätsverweigerung sprechen? Denn es kann doch nicht sein, dass das Virus etwa in Berlin derart schlimmer grassiert als in Sachsen, oder?

    Apropos Solidarität: Der politische und öffentliche Aufruf zum Maskentragen hätte die gesellschaftliche Solidarität verstärken sollen. Top-Politiker, Pop-Stars und Wirtschaftsmoguls haben sich zu diesem Zweck in Masken ablichten lassen – der kleine Mensch sollte zum Mitmachen animiert werden. Das Problem dabei: Die Reichen sind in der Pandemie-Zeit paradoxerweise noch reicher geworden, während die meisten kleinen und sehr viele mittelständische Unternehmen kurz vor Insolvenz stehen oder bereits pleite sind. Etwa in den Bereichen Gastronomie und Handel hat die Maskenpflicht den wirtschaftlichen Untergang sogar einigermaßen mitverschuldet. Die assoziative Kette „Maskenpflicht – Verarmung“ sitzt mittlerweile fest in sehr vielen Köpfen.

    „Der Reizstoff“ – so betitelte die Wochenzeitung „Die Zeit“ ihre Artikelreihe zum Thema „Maske“. Da erklärt etwa ein Psychologie-Professor, warum „ausgerechnet ein so kleines Stück Stoff zu einem Symbol der Opposition gegen die Corona-Politik geworden“ ist, wie folgt:

    „Das Nichttragen zeigt: Ich akzeptiere die Anti-Corona-Maßnahmen nicht, ich bin im Widerstand. Dadurch kommt es zu einer ideologischen Aufladung der Maske. Vor allem wenn es heißt, sie sei ein Maulkorb.“ 

    Gerade diesen Begriff gebraucht die Berliner AfD-Abgeordnete Jeannette Auricht in ihrem „Zeit“-Interview:

    „Ich empfinde die Maske als eine Art Maulkorb. Ich werde dazu gezwungen, etwas zu tun, was ich nicht sinnvoll finde… Man sollte die Maskenpflicht abschaffen.“

    100 Jahre alte Widersprüche

    Dass die Maske „vor allem das Gegenüber schützt“, betont der „Zeit“-Wissenschaftsredakteur Andreas Sentker in seinem Beitrag zu dem Thema. Insofern gehe es sehr wohl um Solidarität: „Es bleibt ein unausgesprochener Vertrag: Schützt du mich, schütz ich dich.“ Auch „Der Spiegel“ haut in die gleiche Kerbe: „Die Maske ist ein Zeichen der Solidarität, ihr Verzicht der Ausdruck individueller Freiheit oder anders: Egoismus.“

    In dieser Hinsicht hat sich die Menschheit in den zurückliegenden 100 Jahren trotz des ganzen technologischen und sozialen Fortschritts nicht viel verändert: Auch zu Zeiten der Spanischen Grippe gab es heftige Proteste gegen die Versuche einiger Länder, Maskenpflicht einzuführen. Was die beiden Epochen und Epidemien ebenfalls vereint: Sowohl damals, als auch heute verfügt die Medizin nicht über die notwendigen Kenntnisse und Mittel, um dagegen anzukämpfen. Deshalb bleibt die Maskenpflicht das Allererste, wonach die Entscheidungsträger in ihrer Rat- und Machtlosigkeit greifen.

    „Sie ist nervig, verhasst und trotzdem unsere einzige Hoffnung“ – heißt es auf der Titelseite vom jüngsten „Spiegel“-Heft. Nun ja: Wenn dies wirklich der Fall sein sollte, ist es nicht allzu gut um „uns“ bestellt.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Verschwörungstheorie, Die Zeit, Der Spiegel, Maskenpflicht, Coronavirus