17:01 18 September 2020
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    Handelshäfen werden zu U-Boot-Stützpunkten umgebaut, Flugplätze werden erweitert, Großmanöver werden abgehalten und Aufklärungsflüge hören nicht auf: Die Nordatlantikallianz ist im Norden Europas aktiver denn je. Norwegen dient dabei als Brückenkopf. Die Bevölkerung des Landes wird durch vorgebliche „Bedrohung aus Russland“ bei der Stange gehalten.

    Die Nato lässt Worten über die angebliche Notwendigkeit, Norwegen militärisch zu verstärken, Taten folgen. Kampfschiffe der Allianz üben deutlich häufiger zusammen mit der norwegischen Marine in der Barentssee und im Nordmeer; Aufklärungsmissionen nehmen in Ausmaß und Häufigkeit zu: Norwegische Spionageschiffe sind in der Nähe russischer Grenzen aktiv, während amerikanische Seefernaufklärer von norwegischen Flugplätzen zu Einsätzen in der Arktisregion starten; die Regierung in Oslo hat das Abkommen mit Washington über die Stationierung amerikanischer Marineinfanteristen auf norwegischem Boden verlängert und die Stärke des US-Kontingents gleich verdoppelt.

    Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Nato ein Großmanöver in Norwegen veranstaltete. Rund 50.000 Soldaten aus mehreren Nationen trainierten bei der Großübung „Trident Juncture“ 2018 die kollektive Abwehr eines starken Gegners. 65 Kampfschiffe entsandte die Allianz damals zum Manöver, sogar ein Flugzeugträger der US Navy lief das erste Mal seit dem Kalten Krieg ins Europäische Nordmeer ein.

    Währenddessen errichtet die Allianz im Norden Norwegens ein als „Globus-3“ bezeichnetes Radar. In Vardö, der östlichsten Gemeinde des Landes, nur wenige Kilometer von Russland entfernt, läuft die Arbeit auf Hochtouren. Die neue Radarstellung – als Frühwarnanlage für die Raketenabwehr ausgewiesen – wird den „möglichen Gegner“ bis ins tiefe Kernland hinein überwachen und Informationen über Raketentests sowie Schiffsbewegungen der Nordmeerflotte für die Nato-Führung beschaffen können. Nebenher werden mehrere Flugplätze an der norwegischen Nordküste modernisiert und der Hafen Grotsund unweit der norwegischen Hauptstadt wird für die Aufnahme amerikanischer Atom-U-Boote umgebaut.

    Das russische Außenministerium sieht in dem Treiben der Nato eine Militarisierung der Arktis. Vor allem die Aufklärungsflüge der Allianz beunruhigen Moskau. Meldungen des russischen Verteidigungsministeriums über Aufklärungsflugzeuge der Nato in direkter Nähe zu russischen Grenzen erfolgen zumindest wöchentlich, wenn nicht täglich. Abermals und abermals muss die russische Luftwaffe Abfangjäger alarmieren, um die Aufklärer von einem möglichen Eindringen in den russischen Luftraum abzuhalten.

    Letzte Woche erst musste eine MiG-31 eine Boeing P-8 von der russischen Grenze fernhalten. Wenige Tage davor hatte die russische Luftwaffe Abfangjäger entsenden müssen, um einen norwegischen Signalaufklärer in bedrohlicher Nähe zum russischen Luftraum zu verwarnen und zur Umkehr zu bewegen.

    Brückenkopf der Nato

    Wenn die Nato ihre Aktivitäten in Norwegen mit dieser Intensität weiter verstärkt, dauert es nicht lange und es entstehen dort amerikanische Stützpunkte, warnt Militärexperte Konstantin Siwkow. „Bei einem Machtwechsel in Oslo ist alles Mögliche denkbar“, argumentiert er. „Ein US-Kontingent hat Norwegen zu Übungszwecken schon aufgenommen, amerikanische U-Boote laufen norwegische Häfen an. Es findet eine Ausrichtung auf verstärkte Militarisierung statt. Dass es besser werden könnte, ist zu bezweifeln. Im Gegenteil, mit zunehmenden Spannungen wird Oslo dem Druck aus Washington weiter nachgeben.“

    Dass Bedrohungsgefühle in der norwegischen Gesellschaft künstlich erzeugt werden sollen, erkennt man an Aussagen des Chefs des norwegischen Geheimdienstes Morten Haga Lunde. Der Offizier benennt zwei Bedrohungen als die größten für das Königreich: Russland und China. Den norwegischen Geheimdienstler beunruhigen die Stützpunkte in Russlands Norden, die Übungen der russischen Nordmeerflotte und vor allem die neuen russischen Raketen: die „Sarmat“, die „Awangard“, die „Kinschal“.

    „Die Menschen in Norwegen werden auch mithilfe des Fernsehens eingeschüchtert“, weiß Militärexperte Artjom Kurejew vom Waldai-Klub. „Bezeichnend ist in dieser Hinsicht die ‚Okkupation‘: eine Serie, die den TV-Zuschauern in Norwegen in zwei Staffeln zeigte, wie Russland mit stiller Zustimmung der EU das Land überfalle. Russland als Bedrohung, geradezu als Feind anzusehen, ist inzwischen leider typisch geworden für die Regierung in Oslo.“

    Zu bedenken ist aber auch, dass Norwegen sich geopolitisch in einer komplizierten Lage befindet. Das Land ist seit 1949 Nato-Mitglied, versuchte sich aber immer schon umsichtig zu verhalten, um die Beziehungen zur Sowjetunion nicht unnötig zu belasten. Beispielsweise hatte Oslo sich geweigert, ausländische Armeestützpunkte in Friedenszeiten auf eigenem Territorium bauen zu lassen. Auch die Stationierung atomarer Sprengköpfe und Mittelstreckenwaffen hatte die Regierung abgelehnt. Lediglich mehrere hundert amerikanische Marineinfanteristen wurden gemäß einem Sonderabkommen nach Norwegen verlegt.

    Gleichwohl bleibt Norwegen für die Nato aufgrund seiner Lage ein strategischer Brückenkopf. Denn fast vor der norwegischen Küste verläuft der einzige Weg in den Atlantik, den die strategischen U-Boote der russischen Nordmeerflotte nehmen können. Zudem ist Norwegen als Grundelement in die Nato-Luftverteidigung eingebunden: Dort, hoch im Norden beginnt die Kette von Radarstationen, die durch ganz Europa bis in die Türkei verläuft.

    „Kontrolle über Norwegen hieß für die Nato immer schon Kontrolle über die Durchfahrt russischer Atom-U-Boote in den Atlantik“, erklärt der Analyst Artjom Kurejew. „Zugleich versuchte Oslo immer, Moskau von friedlichen Absichten und von einer Verteidigungsausrichtung der Nato zu überzeugen. Deshalb wurden amerikanische Stützpunkte in Norwegen bisher nicht zugelassen, was die Norweger jedoch nicht daran hindert, Großmanöver der Allianz auf eigenem Gebiet abzuhalten und Radarstationen in eigenen Gemeinden aufzustellen.“

    Mehr noch: Das Land dient seit Langem als Schutzort für die atomaren U-Boote der USA, die im Nordatlantik patrouillieren. Auf norwegischen Stützpunkten sind AWACS- und Aufklärungsflugzeuge der Nato beheimatet. Weitere Flugplätze in Norwegen stehen der Nato als Logistikknoten zur Verfügung. Landesweit stehen Lager für das schwere Material und Kasernen für das Personal der Verbündeten bereit.

    „Trotzdem folgt Oslo eher einer Verteidigungsdoktrin“, betont der Experte. „Dass eine Verlegung von US-Soldaten nach Norwegen bei den Menschen dort gut ankommt, ist noch lange nicht sicher. Norwegische Wähler könnten eine Stationierung amerikanischer Truppen als eigene Verteidigungsschwäche auffassen und der Regierung in Oslo vorwerfen. Da würde nicht einmal Kriegs-TV helfen.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Manöver Trident Juncture, Barentssee, Norwegen, NATO