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    Der Warschauer Aufstand im Sommer 1944 hatte keinen Erfolg. Die Rote Armee hat die polnische Hauptstadt erst im Januar 1945 befreit. Bis heute wird ihr vorgeworfen, die Aufständischen damals nicht unterstützt zu haben, weil es vor allem bürgerliche Kräfte waren. Doch auch in diesem Fall werden Fakten weggelassen oder ignoriert.

    Am 1. August 1944 erhob sich die polnische Armia Krajowa (AK – deutsch: „Heimatarmee") im „Warschauer Aufstand“ gegen die faschistische deutsche Besatzungsmacht. Nach 63 Tagen Kämpfe bis zum 2. Oktober hatten die Deutschen den Aufstand blutig niedergeschlagen und Warschau in Schutt und Asche gelegt. Seitdem lautet einer der antisowjetischen Standardvorwürfe, die Rote Armee sei den Aufständischen nicht zu Hilfe geeilt, obwohl sie kurz vor der polnischen Hauptstadt stand.

    Seit Jahren hatte sich die größte polnische Widerstandsbewegung, die bürgerliche „Heimatarmee“ (AK), auf die Befreiung Polens vorbereitet und auf diesen Moment alle Untergrundaktivitäten konzentriert. Bis dahin mussten AK-Mitglieder „Gewehr bei Fuß“ stehen und bewaffnete Auseinandersetzungen mit den deutschen Okkupanten vermeiden. Für den Augenblick der Befreiung war die Aktion „Burza“ (Sturm) vorgesehen. Danach sollten zwischen dem deutschen Rückzug und dem Einmarsch der Roten Armee AK-Einheiten aus dem Untergrund hervortreten, die Macht übernehmen und sich den sowjetischen Truppen als Hausherrn präsentieren.

    Diese passive und mehr politische als militärische Konzeption brachte den Sowjetsoldaten an der Front keinerlei Entlastung, schuf aber zusätzliche und überflüssige Konflikte. Da die „Burza“-Operation auch Gebiete betraf, die nach 1939 sowjetisch geworden waren, sah Moskau zu recht hier mehr Probleme als Lösungen. Seit April 1943 gab es zwischen der polnischen Exilregierung in London und der UdSSR keine offiziellen Beziehungen mehr. Sie waren von Moskau aus gutem Grund aufgekündigt worden.

    Gescheiterte Absprachen

    Als die sowjetischen Truppen polnische Gebiete betraten, gab es für sie dort keinen regierungsoffiziellen Partner, der ihnen den Rücken freihielt und Leistungen erbrachte, die für den weiteren Vormarsch unabdingbar waren. Eine solche Institution musste schnellstens her, denn Polen war kein Feindesland. Alle Versuche, mit den „Londonern“ über inoffizielle Kanäle zu einer Absprache zu gelangen, verliefen wegen deren unrealistischer Haltung ergebnislos.

    Als die Rote Armee im Januar 1944 die faschistische deutsche Wehrmacht über die polnische Vorkriegsgrenze getrieben hatte, stellte die polnische Exilregierung geradezu unverschämte Forderungen. Somit kam sie als Ansprechpartner nicht mehr in Frage. So bot sich einzig die Vertretung der polnischen Linken an, die seit Jahren die mit den „Londonern“ Unzufriedenen unter Führung der wiedergegründeten kommunistischen Arbeiterpartei (PPR) sammelte. Sie hatten nach fruchtlosen Versuchen einer Einigung mit der AK Ende 1943 offiziell ihren nationalen Führungsanspruch angemeldet.

    Im Juli 1944 wurde daher im befreiten Ostpolen die erste polnische lonksorientierte Regierung (PKWN) gebildet. Für Moskau war sie ein Provisorium, das allerdings in einer späteren Einheitsregierung ihr Gewicht einbringen sollte. Auf eine sozialistische Entwicklung Polens orientierte Stalin zu jener Zeit nicht. Angesichts der Stärke der bürgerlichen Kräfte erschien das auch illusorisch.

    Antikommunistische Verblendung

    Das befreite Polen sollte der UdSSR gegenüber freundschaftlich eingestellt, aber nicht unbedingt sozialistisch sein. Dafür hätten die Westmächte, auf deren materielle Hilfe Moskau zählte, keinerlei Verständnis gehabt. Diese waren selbst auch mit den „Londonern“ unzufrieden und unterstützen die UdSSR bei der Schaffung einer Regierung der Nationalen Einheit, die ein Jahr später tatsächlich zustande kam.

    Die Exilregierung in London und die AK-Führung in Polen sahen das freilich anders. In ihrer antikommunistischen Verblendung erblickten sie im PKWN den Beginn einer Sowjetisierung Polens, der sie sich um jeden Preis entgegen stellen wollten. Was an „Burza“-Aktionen in Ostpolen, wo es begrenzte und erfolglose Gefechte gegeben hatte, gescheitert war, sollte nun im großen Stil in Warschau wiederholt werden.

    Politisch war dieses Vorhaben von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn selbst im Falle eines günstigen Ausgangs hätten die sowjetischen Vertreter die Warschauer Zweigstelle der Exilregierung in London nicht anerkannt. Sie hätten sie lediglich zu Verhandlungen an den PKWN verwiesen, wie es anderenorts später geschehen sollte.

    Militärisch war die Durchführung des Aufstandes hochriskant. Infolge der letzten sowjetischen Offensive war im östlichen Vorfeld von Warschau eine gewaltige deutsche Truppenkonzentration erfolgt, die sich ständig veränderte und dadurch eine Aufklärung durch die AK zunichte machte. Dadurch war es unmöglich, den richtigen Zeitpunkt für den Aufstandsbeginn auszumachen. Zudem waren in Warschau genügend deutsche Einheiten vorhanden, um eine Erhebung unter Kontrolle zu bringen. Die Verbände von Wehrmacht und SS waren nicht nur bestens ausgerüstet, ausgebildet und versorgt. Sie verfügten auch über jahrelange Kriegserfahrung.

    Hoffnungslose Unterlegenheit

    Dem hatte die „Heimatarmee“ im Grunde genommen nichts entgegenzusetzen. Sie verfügte über zu wenig Kämpfer, die zumeist militärisch unerfahren und sehr dürftig bewaffnet waren. Munition gab es nur für einige Tage. Auch die militärischen Qualitäten der AK-Kommandeure erwiesen sich als unzureichend. Es waren zumeist Vorkriegsoffiziere, die seit 1939 von der rasanten Entwicklung im Militärwesen abgeschnitten und somit kaum in der Lage waren, unter modernen Gefechtsbedingungen oder im Häuserkampf entsprechend zu führen.

    Zudem waren langanhaltende Kampfhandlungen weder vorgesehen noch einkalkuliert.Die AK-Führung zählte auf das Überraschungsmoment, die Ortskenntnis und den mobilisierenden Hass der Warschauer gegen die Faschisten. Auf Grund einer Fehleinschätzung der Lage brach der Aufstand schon am 1. August aus.

    Obwohl die Gestapo über Aufstandsvorbereitungen informiert war und die Mobilisierung der AK-Kämpfer nicht geheimgehalten werden konnte, kam die Erhebung für sie dennoch überraschend früh. Die Deutschen, die die Frontlage besser kannten, rechneten erst mit einem Aufstand, wenn die sowjetischen Truppen am Stadtrand oder an der Weichsel auftauchen sollten. Doch nach wenigen Stunden war der Überraschungseffekt verpufft und kaum ein taktisches Ziel erreicht. Überlegene faschistische Truppen grenzten die Aufstandsherde ein und begannen, diese zu liquidieren.

    Frühes Scheitern

    Bereits in der ersten Woche war der Aufstand faktisch gescheitert. Nun gingen die faschistischen deutschen Okkupanten daran, die Stadt systematisch zu zerstören, um den Aufständischen Unterschlupf, Deckung und Unterstützung durch die Warschauer zu entziehen. Damit verlor der Vorteil der Ortskenntnis seinen Wert. Einzig der Kampfeswille und das Heldentum der Warschauer, die von den politischen Ambitionen ihrer Führung nichts wussten, blieb ungebrochen und verdient uneingeschränkte Hochachtung.

    Die Rote Armee war bei Aufstandsbeginn etwa 200 Kilometer entfernt und nicht über dessen Ausbruch informiert, denn eine Verbindung zur polnischen „Heimatarmee“ gab es nicht. Erst nach Tagen war sich die sowjetische Aufklärung sicher, dass in Warschau zu den Waffen gegriffen worden war. Bis dahin hatte wurde das als Gerücht oder eine deutsche Provokation gesehen, um die nach gerade beendeter Offensive abgekämpften Sowjetsoldaten in eine Falle zu locken.

    Zudem war die Einnahme Warschaus zu diesem Zeitpunkt militärisch nicht geplant. Auf Befehl Stalins wurden erschöpfte und nicht aufgefüllte Divisionen der polnischen Hauptstadt zu Hilfe gesandt. Bei ihrem Vormarsch stießen sie auf eine starke deutsche Verteidigung, der ständig neue Kräfte und Mittel zugeführt wurden, so dass die sowjetischen Verluste außerordentlich hoch waren. Das wird heute verschwiegen.

    Unmögliches Vordringen

    Anderthalb Monate nach Aufstandsbeginn hatte die Rote Armee dennoch den östlichen Teil Warschaus befreit und stand an der Weichsel. Vor ihr lag eine brennende Stadt. Die AK-Kämpfer, auf einige isolierte Stellen zurückgedrängt, lieferten sich tapfer hinhaltende Scharmützel mit den Faschisten. Offensivhandlungen waren seit Wochen schon undenkbar. Sie konnten die starke deutsche Verteidigungslinie an der Weichsel weder ablenken noch angreifen, so dass ein massives Übersetzen sowjetischer Verbände nicht möglich war. Die Operation musste daher abgebrochen werden.

    Ein Truppenteil der in der Sowjetunion aufgestellten polnischen Verbände versuchte dennoch das Unmögliche. Er gelangte unter großen Verlusten auf das andere Ufer, verband sich mit einigen AK-Gruppen und leistete stundenlang Widerstand. Nachdem die meisten dieser Soldaten gefallen waren, zogen sich die Reste auf das östliche Weichsel-Ufer zurück.

    Inzwischen flogen sowjetische Flugzeuge Kampfeinsätze gegen deutsche Stellungen in der Stadt und warfen Waffen, Munition und Ausrüstung ab. Das wurde von den Aufständischen positiv aufgenommen. Auch deshalb kapitulierte die AK-Führung erst zwei Wochen später. Aber Warschau konnte nicht vor dem Januar 1945 befreit werden.

    Dieser Aufstand der „Heimatarmee“ war politisch gegen die Sowjetunion und die polnischen Linken, militärisch gegen die Faschisten gerichtet, stellte der Historiker Ryszard Nasarewicz fest. Er endete mit einer militärischen Niederlage, an der die Rote Armee keinen Anteil hatte. Die politische Niederlage hingegen wog so schwer, dass die polnische Rechte sie bis heute nicht verwinden kann – daher die anhaltenden und haltlosen Schuldzuweisungen an die Sowjetunion und die Rote Armee.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Warschauer Aufstand, Geschichte, Sowjetunion, Polen