04:47 28 Oktober 2020
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    Fall Nawalny: Streit um Vergiftung des Kreml-Kritikers (124)
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    Ein russischer General sagte einst: „Es spielt keine Rolle, welche Farbe unsere Haut hat und wie unsere Augen geformt sind. Für die Gegner sind wir alle einfach nur Russen.“ Wie zutreffend diese Bemerkung ist, zeigt gerade der jetzige Trubel um den Aktivisten Nawalny.

    Die Behauptung, der Kreml habe etwas mit der Vergiftung von Alexej Nawalny zu tun, ist laut dem Sprecher des russischen Präsidenten derart inhaltlos, dass man sie nicht ernst nehmen kann. Eine Erklärung, wie man sie von Dmitri Peskow sicherlich nicht anders erwartet hatte. Doch dieser Fall hebt sich von den ähnlich gestrickten Skandalen der jüngsten Vergangenheit ab.

    Das Ärzteteam der Berliner Charité sieht die Ursache für den gesundheitlichen Zustand von Alexej Nawalny bekanntlich in einer „Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer“. Darauf würden die klinischen Befunde hinweisen, heißt es in der offiziellen Erklärung der Ärzte. Welche Substanz es genau war, die den russischen Aktivisten vergiftet haben soll, wissen die deutschen Mediziner noch nicht: Die Untersuchung läuft.

    Die Erklärung des Ärzteteams hat bisher vor allem zwei Folgen. Die eine ist eine Flut wilder Spekulationen in den Medien und sozialen Netzwerken, was daran liegt, dass die „Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer“ eine sehr weitgefasste Gruppe ist.

    Dazu zählen Medikamente gegen eine Fülle von Erkrankungen und Beschwerden wie Alzheimer, postoperative Darmparese oder Überdosis Kokain. Auch Phosphordünger, Haushaltschemie und Insektizide gehören zu der Gruppe – sowie das Nervengift „Nowitschok“: derselbe Giftstoff, mit dem laut britischen Geheimdiensten 2018 angeblich die Skripals vergiftet wurden. Wen soll es also wundern, dass Politiker, Blogger und wütige Bürger bei diesem Sachverhalt über Nacht zu Spezialisten für Biochemie, Medizin und Kriminalistik geworden sind?

    Die zweite – und ebenfalls nicht unerwartete – Folge des Charité-Befunds ist die fordernde Haltung, die manche europäische Politiker gegenüber Russland eingenommen haben. Allerdings sind die verlautbarten Vorwürfe dieses Mal in der Auslegung dehnbarer als bisher üblich: Das abgedroschene „höchstwahrscheinlich“ in den Schuldbegründungen ist durch findigere Gedankengebilde ersetzt worden.

    So ließ die Führung der EU durch ihren Hohen Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell verlauten, man verurteile „das, was aussieht wie ein Anschlag auf Herrn Nawalny“ und fordere die „Schuldigen“ zur Rechenschaft. Die Erklärung ist eine Glanzleistung der diplomatischen Gewieftheit, schließlich muss „das, was aussieht wie ein Anschlag“ noch lange kein Anschlag sein, trotzdem ist Moskau irgendwie in der Position, den angeblichen Mordversuch an einem Oppositionellen erklären zu müssen.

    Ähnlich hat sich Deutschland verhalten: Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Maas haben die Regierungsbehörden in Moskau aufgefordert, die Tat „bis ins Letzte“ aufzuklären, die Verantwortlichen zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen. Nicht untergehen soll dabei jedoch die Äußerung des Regierungssprechers Steffen Seibert, wonach nur eine „gewisse Wahrscheinlichkeit“ bestehe, dass der Gesundheitszustand Herrn Nawalnys auf einen Anschlag zurückzuführen sei. Immerhin: Es ist kein höchst-, sondern ein irgendwie wahrscheinlich.

    Man könnte den ganzen Vorgang gelassen nehmen: Die im Westen geführte Liste „russischer Verbrechen“ ist um eine Untat erweitert worden. Na und? Geschieht nicht zum ersten und ganz bestimmt nicht zum letzten Mal. Der russische Staat, die Sicherheitsbehörden, der Kreml müssten doch eigentlich schon immun sein gegen leere Anschuldigungen.

    Doch das Schlimme liegt woanders. Unter Beschuss gerät diesmal nämlich nicht die russische Führung, sondern das russische Medizinpersonal: die Ärzte, die Alexej Nawalny ins Leben zurückgeholt und seinen Zustand soweit stabilisiert haben, dass er nach Deutschland ausgeflogen werden konnte.

    Seit fast einer Woche zieht man diese Menschen durch den tiefsten Dreck. Erst dafür, dass sie ihre Arbeit erledigten und dabei die ärztliche Schweigepflicht wahrten, indem sie die Öffentlichkeit nicht allstündlich über den Zustand des Aktivisten informierten. Dann für alles Mögliche.

    Gleichwohl zeigen die Aufgebrachten volles Verständnis dafür, dass die Ärzte in der deutschen Charité ihre Schweigepflicht genauso ernstnehmen wie die russischen Kollegen. Verständnis haben die Kritiker auch für die Verzögerung beim Lufttransport Nawalnys nach Berlin aufgrund einer Erholungspause der Piloten. Auch das Ausbleiben von Informationen über den Zustand des russischen Aktivisten am Wochenende nahmen die Aufgebrachten verständnisvoll hin.

    Endgültig als Bestien stehen die russischen Ärzte jetzt, nach dem Charité-Befund da: Entweder seien sie berufsunfähig, weil sie eine Vergiftung mit einem Cholinesterase-Hemmer nicht erkannt hätten – oder sie seien Verbrecher, weil sie versucht hätten, einen Mordanschlag zu verheimlichen.

    Die Stimme der Ratio zählt dabei nicht:

    -  dass eine Vergiftung dieser Art zu starke Anzeichen habe, als dass ein Toxikologe sie übersehen könne;

    - dass die russischen Ärzte die niedrigen Cholinesterase-Werte bei Nawalny schon in den ersten Stunden diagnostiziert hätten;

    - dass sie diese Möglichkeit geprüft und verworfen hätten;

    - dass mit der Rettung Nawalnys sowohl Ärzte aus Omsk als auch renommierte und integre, aus der russischen Hauptstadt herbeigeeilte Spezialisten beschäftigt gewesen seien.

    Noch weniger zählt in dem lauten Stimmengewirr das Ergebnis der ärztlichen Anstrengungen: nämlich, dass Nawalny lebt.

    Man kann davon ausgehen, dass die russischen Mediziner, die Nawalny gerettet haben, die unterschiedlichsten politischen Positionen vertreten. Nicht ausgeschlossen ist, dass Nawalny-Anhänger unter ihnen sind. Dennoch geraten sie alle unter die großen Räder westlicher Kritik, entweder als Mittäter oder als mundtote Handlanger des Kremls. Für die Menschen in Russland ist dies eine schmerzliche Lektion. Was auch immer sie tun, welche Überzeugungen auch immer sie teilen: Für die Gegner im Westen bleiben sie „einfach nur die Russen“, die man ohne Weiteres opfern kann – politisch, beruflich, substanziell.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Josep Borrell, Heiko Maas, Angela Merkel, Nervengift Nowitschok, Ärzte, Berliner Charité, Alexej Nawalny, Deutschland, Russland