07:48 05 Dezember 2020
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    Beim „Maischberger“-Talk am Mittwochabend im Ersten hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder nicht so überzeugend brilliert, wie er selbst wohl gerne hätte. Und der Virologe Hendrik Streeck hat einen zehnfachen Anstieg von Corona-Infektionen vorausgesagt – wovor man aber keine Angst haben sollte.

    Vor vier Jahren hatte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bei einem Fasching als König Ludwig II. verkleidet. „Was fasziniert Sie an dieser Figur?“ wollte Sandra Maischberger wissen. „Er war eine Art Popstar unter allen Königen“, lautete Söders Frage. „Sind Sie ein Popstar von Bayern?“ hakte die Moderatorin nach. „Nein“, erwiderte er.

    „Der mündige Bürger ist kein Gaul“

    Dem Söder-Interview war nämlich eine Diskussion unter den eingeladenen „Experten“ im Studio vorausgegangen, die Söder mitbekommen hatte und die den Vergleich mit dem „Märchenkönig“ durchaus rechtfertigte. Bekanntlich gilt Ludwig II. als eine schillernde historische Figur, deren politische und militärische Errungenschaften allerdings ziemlich bescheiden waren. So meinte auch der „Spiegel“-Autor Markus Feldenkirchen am Mittwoch im ARD-Studio, dass der jetzige phänomenale Popularitätsaufschwung des bayerischen Ministerpräsidenten hauptsächlich mit seinem Medien-Image und nicht unbedingt mit seinen (vermeintlichen?) Leistungen verbunden sei. Für viele Bürger sei sein Auftritt von Bedeutung und „nicht die faktische Bilanz“, wo doch die Corona-Infektionszahlen in Bayern heute wie auch früher schlimmer sind als etwa in NRW.

    Söder „mutiert jetzt vom Musterkrisenmanager zu Deutschlands Erziehungsbeauftragten“, meinte die „Welt“-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld, eine weitere „Expertin“ im Studio. Die Journalistin stört unter anderem seine Wortwahl – so sagte Söder kürzlich angesichts der wieder steigenden Infektionszahlen: „Wir müssen die Zügel anziehen.“  „Der mündige Bürger ist ja kein Gaul, den man aufzäumen kann“, empörte sich Rosenfeld.

    Skeptische, ja kritische Stimmen zu Söders heutigem Auftreten als Vorreiter der Infektionsbekämpfung kamen auch aus der Politik. So zitierte die Moderatorin den FDP-Vizechef Wolfgang Kubicki: „Andere Bundesländer brauchen keine Belehrungen, Söders Ruf nach einheitlichen Regelungen ist nur ein Versuch, von den miserablen Infektionszahlen in Bayern abzulenken.“ Dem bayerischen Regierungschef blieb da nichts Anderes übrig, als seine Maßnahmen und Initiativen in puncto Corona-Bekämpfung aufzuzählen und anzupreisen sowie zu betonen, dass der Freistaat bei einigen Anti-Corona-Maßnahmen als „Vorbild“ gelten könnte.

    Söder „eher bei Mundwerk als bei Handwerk“ befähigt

    So manche Äußerungen von Söder selbst bestätigten allerdings, zumindest indirekt, die Hypothese der „Experten“, der jetzige Hype um den bayerischen Top-Politiker seien ein Resultat seines Auftretens und seiner Eloquenz: Sein Vater, erzählte Söder am Mittwochabend bei Maischberger, meinte seinerzeit, Markus habe „zwei linke Hände, aber ein großes Mundwerk“ und könne deshalb nicht in die Fußstapfen des Vaters, eines Handwerksmeisters, treten, sondern eher „ein Politiker oder ein Pfarrer“ werden, weil die Fähigkeiten des Sohnes „eher bei Mundwerk als bei Handwerk“ liegen.

    Natürlich musste der CSU-Vorsitzende gefragt werden, ob er sich doch als Kanzlerkandidat anmelden würde. Söder erfand da nichts Neues und wiederholte seine übliche Formulierung: „Mein Platz ist in Bayern – und da bleibt er auch.“ Wie lange das „so bleibt“, sagte er allerdings nicht.

    „Corona-Infektionen werden um das Zehnfache steigen“

    Den anderen „Höhepunkt“ der Sendung bildete das Interview mit dem Bonner Virologen Hendrik Streeck. Zunächst schockierte er die Zuschauer mit der Prognose, gegen Herbst könnten die Neuinfektionen um das Zehnfache steigen. Eine „Apokalypse“ sei das aber nicht, weil momentan viele Erkrankungen mit leichten oder gar keinen Symptomen verlaufen.

    „Die Infektionszahlen an sich sind nicht aussagekräftig“, betonte er. „Infektionen, die keine Symptome haben, muss man wahrscheinlich ein Stück weit akzeptieren.“

    Hauptsache:  Mit der Pandemie müsse man weniger ängstlich umgehen. „Angst ist ein Problem in dieser Pandemie“, so der Virologe. „Das objektivierbare Risiko für den einzelnen Menschen ist eigentlich gering.“ Das „gefühlte Risiko“ sei aber nach seiner Auffassung „enorm“. Gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres gebe es nicht wesentlich mehr Todesfälle in Deutschland.

    Trotz aller Bemühungen um einen Impfstoff werde man mit dem Virus noch lange leben müssen, wiederholte Streeck seine frühere These. Immerhin gebe es genügend Erkrankungen, wie etwa HIV oder Malaria, gegen die trotz aller Anstrengungen immer noch keine Impfstoffe entwickelt worden seien.

    All das klang schon fast wie eine Art „Rechtfertigung“ der Initiative zu den für den Samstag angekündigten Anti-Corona-Demos in Berlin. Viele von denen, die an der Demonstration teilnehmen wollten, teilen nämlich die Auffassung, dass die Corona-Panik maßlos übertrieben sei. Leider fragte die Moderatorin den Virologen nicht danach, was er von den mittlerweile überaus zahlreichen Corona-Skeptikern halte.

    Im Schnellverfahren wurden bei „Maischberger“ noch der „Fall Nawalny“, die Entwicklung in Belarus und die bevorstehenden Präsidentenwahlen in den USA behandelt. Hinsichtlich der mutmaßlichen Vergiftung des Kreml-Kritikers fiel das Urteil erwartungsgemäß aus: Der Kreml sei „in jedem Fall“ der große Verlierer, und zwar „unabhängig davon“, ob er hinter dem mutmaßlichen Anschlag stehen mag oder nicht.

    Mehr Zeit widmeten die „Experten“ den nahenden Wahlen in den USA, konkret der Äußerung von Präsident Donald Trump, er würde diese Wahlen „nur im Fall eines Betrugs“ verlieren. „Operation Wahlbetrug: Wie Trump versucht, seinem Volk die Demokratie zu stehlen“ war in dieser Woche auf der „Spiegel“-Seite zu lesen. Laut der Prognose des „Spiegel“-Autors Feldenkirchen seien im Falle eines knappen Wahlsieges von Joe Biden sogar Straßenschlachten in Amerika nicht auszuschließen, die „Trumps aufgeputschte Anhänger“ anzetteln könnten.

    In dem Punkt wäre allerdings ein Punkt zu vermerken: Die deutschen „Leitmedien“ waren während der ganzen Amtszeit des jetzigen US-Präsidenten dermaßen einheitlich auf ein Trump-Bashing eingestellt, dass langsam nicht nur die Frage nach einer Meinungspluralität und Objektivität entsteht – schwer vorstellbar für die politische und die Medienwelt Deutschlands ist momentan auch eine Situation, wo Trump im November die Wahlen glaubwürdig gewinnen sollte.  

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    CSU, Bayern, Kreml, Alexej Nawalny, Donald Trump, Coronavirus, Spiegel, Markus Söder