02:37 02 Dezember 2020
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    Am 1. September 1939 entfesselte das Deutsche Reich mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg, der am 2. September 1945 mit der Kapitulation Japans endete. Russlands Präsident Putin schlug vor, alle Archive zu öffnen, um zu ergründen, was zum Weltkrieg führte. Unser Gastkommentator glaubt, dass es Kräfte gibt, die das verhindern wollen.

    Im Westen wird alles aus Russland begierig aufgenommen, was sich in der Auseinandersetzung mit dem russischen Präsidenten Putin gegen ihn verwenden lässt. Diese westliche Verhaltensweise kennt eine Ausnahme: Es wird das unter den Tisch gekehrt, was westliche Konsequenzen zur Folge haben müsste. Musterbeispiel ist dabei die Ankündigung des russischen Präsidenten Putin, die Moskauer Archive zum Gesamtspektrum, das 1939 zum Krieg des Deutschen Reiches gegen Polen und über die Kriegserklärung der damaligen Globalmächte Frankreich und England zum Zweiten Weltkrieg führte, vollständig offenzulegen. Dieser Ankündigung kommt die russische Regierung kontinuierlich nach. Wem das nicht umfassend genug sein sollte, der könnte seine entsprechenden Vorstellungen öffentlich machen. Von keiner westlichen Regierung ist seit der Ankündigung auf Archivöffnung durch Herrn Präsidenten Putin bekannt geworden, jemals einen derartigen Wunsch geäußert zu haben.

    Warum sind seitens der Bundesregierung nicht Überlegungen zur Kooperation bei dieser Archivöffnung in Moskau an die russische Seite geäußert worden? Warum sind andere westliche Regierungen, nur des historischen Gesamtbildes wegen, nicht diesem russischen Beispiel gefolgt? Ist das zum Erhalt eines nützlichen Geschichtsbildes deshalb nicht möglich, weil anderenfalls Großbritannien nicht in der Lage wäre, seinen „historischen Giftschrank“ seit dem Krim-Krieg und nachfolgend mit Millionen Dokumenten unter Verschluss zu halten? Befürchtet man in London, dass durch eine komplette Öffnung britischer Archive seit Mitte des 19. Jahrhunderts das bisherige Geschichtsbild nicht mehr aufrecht erhalten werden könnte? Nicht nur im Falle von Rudolf Hess mit seinem „Flug gen Engeland“ im Vorfeld des Angriffs des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion 1941? Sondern auch wegen alliierter Planungen, den Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945 mit verbliebenen Großeinheiten der Wehrmacht zu einem gemeinsamen Kampf gegen die Sowjetunion zu nutzen?

    Da die Geschichte des gesamten vergangenen Jahrhunderts das „Heute“ maßgeblich bestimmt, muss bei dieser westlichen Verweigerungshaltung unterstellt werden, auf diese Weise mögliche Korrekturen am bestehenden Geschichtsbild nicht eintreten zu lassen. Das gilt in gewisser Weise auch für die deutsche Seite, deren Regierungsakten durch die Westmächte erst in den fünfziger Jahren wieder herausgegeben wurden, was die Zeit des Deutschen Reiches 1933 bis 1945 betrifft. Bis heute hat niemand die Frage beantwortet, ob diese Aktenbestände wieder so in deutsche Hände gelangt sind, wie sie ursprünglich erstellt worden waren?

    Öffnung russischer Archive hat Tradition – wird aber nicht von allen geliebt

    Die Öffnung von Archiven zur internationalen Politik durch Moskau hat es in sich und im Falle Deutschlands die Wirkung einer „historischen Zarenbombe“. In Moskau/St. Petersburg hat sich nach der Oktoberrevolution Vergleichbares schon einmal zugetragen. Die neuen bolschewistischen Machthaber publizierten das, was bislang nicht die Augen der Öffentlichkeit erreicht hatte. Dies geschah nicht nur deshalb, weil die neuen Herrscher im russischen Reich eigenem Bekunden nach etwas gegen „Geheimdiplomatie“ hatten. Sie werden sich der Wirkung auf die kriegführenden Mächte des Ersten Weltkrieges bewusst gewesen sein, als sie den Schriftverkehr höchster jüdischer Repräsentanten mit den Staatschefs der Entente-Mächte und der Mittelmächte zu der Frage einer „jüdischen Heimstatt Palästina“ in der Konsequenz des britische-französischen Sykes-Picot Abkommens aus dem Jahre 1916 veröffentlichten. Dieses Abkommen war nicht nur darauf gerichtet, gegen das Osmanische Reich eine Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens herbeiführen zu können.

    Seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges war es Frankreich und England mehr als ein Dorn im Auge, die im kaiserlichen Deutschland bestehende Unterstützung weiter Teile der Deutschen jüdischen Glaubens für das eigene Land feststellen zu müssen. Nicht nur in Paris und London wurde seit Kriegsbeginn zwischen dieser Unterstützung und dem 1914 nicht erfolgten Kriegseintritt der Vereinigten Staaten eine direkte Verbindung hergestellt, die geradezu zwingend gekappt werden musste. Ohne die Unterstützung oder gar Teilnahme der Vereinigten Staaten an diesem Krieg drohten Frankreich und Großbritannien den Kriegsanstrengungen der Mittelmächte zu erliegen.

    Der amerikanische Historiker David Fromkin hat in seiner Publikation über „den Frieden, der das Ende aller Frieden“ bedeutete, vielleicht nicht zufällig nach dem Ende des Kalten Krieges 1990 auf den damit verbundenen Gesamtzusammenhang aufmerksam gemacht. Nach den folgenden Geschehensabläufen vermag man es heute kaum zu glauben, dass es gerade das kaiserliche Deutschland bei Kriegsbeginn, im Unterschied zu seinen Kriegsgegnern, gewesen ist, das sich weiter Aufgeschlossenheit von Menschen jüdischen Glaubens in weiten Teilen der Welt erfreute. Das musste im Interesse von London und Paris nicht nur des eigenen Kriegserfolges wegen beendet werden. Nach dem Ersten Weltkrieg mit seinem Rachediktat 1919 in Versailles wurde wesentlich durch US-amerikanische und britische Finanzkreise in Deutschland einer Partei zum Aufstieg verholfen, die stramm anti-semitisch und anti-bolschewistisch war und mit größter Wahrscheinlichkeit die in Versailles 1919 ausgelegte Kriegslunte zur Explosion bringen würde.

    Russischer Vorschlag zur Öffnung aller Archive könnte Europa und Russland einander näherbringen

    Es ist nicht nur die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts, die es geradezu gebietet, den von Präsident Putin gezeigten Weg zu einem umfassenden historischen Gesamtbild mitzugehen und mitzugestalten. Korrekturen an der heutigen Politik mögen als Folge eines entsprechenden Vorgehens unausweichlich sein. Diese Erkenntnisse sind vielleicht das einzige Mittel, uns alle vor der Fortsetzung des Verderbens einem anderen Volk gegenüber zu bewahren. Das wird gerade im Vorfeld eines weiteren Gedenktages im kommenden Januar 2021 deutlich. Dann ist es gerade einmal 150 Jahre her, dass mit dem Deutschen Reich, gegründet 1871, ein neuer Staat in der Mitte des westlichen Europa das Licht der Welt erblickte und – wie wir heute wissen – vom ersten Augenblick an den sich deshalb zum Kriege aufrüstenden Argwohn der etablierten europäischen Hegemonialmächte Frankreich und England hervorrief. Man wollte in Festlandeuropa schalten und walten, wie es einem beliebte.

    Da störte ein einiges Deutsches Reich. Jenseits des Atlantiks rief das Deutsche Reich extreme Besorgnis einer kommenden Globalmacht hervor, die schon eine mögliche Zusammenarbeit zwischen dem kaiserlichen Russland und dem kaiserlichen Deutschland heraufziehen sah. Versailles 1919 und Potsdam 1945 waren gegen Deutschland gerichtete Zwischenschritte, einen eigenständigen Machtfaktor zu beseitigen. Russland steht in dieser Gedankenwelt und im heutigen praktischen Vorgehen der Nato noch aus. Die US-amerikanische Präsidentschaftswahl wird uns den Weg aufzeigen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Frankreich, Adolf Hitler, USA, Wladimir Putin, Archive, Zweiter Weltkrieg, Sowjetunion, Polen, Deutschland