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    Abermals geht das Reich der Mitte stärker aus einer Wirtschaftskrise hervor als es vorher war. Die Zeitung „New York Times“ macht dies an Exportzahlen fest: 2018 kamen 12,8 Prozent aller Exporte auf dem Weltmarkt aus China, 2019 waren es 13,1 Prozent, im zweiten Quartal 2020 sind es 20 Prozent.

    Die Exportzahlen sind ja schon stark, doch noch verlässlicher ist der Einkaufsmanagerindex PMI für das produzierende Gewerbe (vorwiegend mittelständische Wirtschaft) und, gesondert, für den Dienstleistungssektor. Die beiden Indizes zeigen für China im zurückliegenden Sommer nicht nur eine positive Entwicklung, sondern laut der Zeitung „South China Morning Post“ eine Steigerung, wie das Land sie seit Anfang 2011 nicht erlebt hat. Dabei war 2011 schon kein Durchschnittsjahr für die Volksrepublik, sondern das Jahr, in dem die Chinesen nach der Weltfinanzkrise zur zweitstärksten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen sind.

    Einerseits ist der chinesische Exportboom nachvollziehbar. China war als erstes Land der Welt in die COVID-19-Quarantäne mit den einhergehenden Betriebsschließungen gegangen und ging entsprechend als erstes Land aus der Quarantäne wieder heraus: gerade in der Zeit, in der die meisten anderen Länder noch unter den Lockdowns ächzten. So waren es vorwiegend chinesische Waren, die die Konsumlöcher in aller Welt füllten. Da kommen die 20 Prozent her, die natürlich nicht ewig währen können, denn Expansionen dieser Größenordnung sind selten beständig.

    Andererseits ist an den chinesischen 20 Prozent wenig bis gar nichts Begreifliches dran. Denn die Quarantäne brach in dem Moment über China herein, als die USA mit aller Wucht gegen die chinesische Industrie und die chinesischen Exporte auf den Weltmärkten vorgingen. Die oben erwähnte „New York Times“ reibt sich denn auch verwundert die Augen, wie es sein könne, dass der Winter 2019/2020, in dem die USA alles an die Zerschlagung der chinesischen Wirtschaftsmacht setzten, plötzlich mit einem so überraschenden Exportsommer endete.

    In die USA gelangen chinesische Waren inzwischen mit einem Strafzoll von 25 Prozent. Dass die Vereinigten Staaten der größte Handelspartner der Chinesen sind, sei hier nur beiläufig erwähnt: Dorthin liefert China den Großteil seiner Exporte.

    Parallel dazu steht die Privatwirtschaft nicht nur in den USA selbst, sondern in allen westlich ausgerichteten Ländern unter enormem Druck: Produktionsniederlassungen in China sollen geschlossen, die Lieferketten zurück in die USA oder andere Länder verlagert werden. Es dürfe nicht sein, dass China die Werkbank der Welt bleibe. Was die USA als Begründung dafür heranziehen, ist unwesentlich, denn die Liste der Vorwürfe an Peking ist lang und hat keinen Anspruch auf Wahrheitsgehalt.

    Mitten in dieser für die chinesische Wirtschaft bedrohlichen Situation bricht die Coronakrise aus. Da ist es schwer, der Versuchung zu widerstehen, eine simple Verschwörungstheorie zu stricken: Im Versuch, sich gegen die USA zu wehren, setze Peking einen Virus aus und gewinne letztlich schon aus dem Grund, dass das Land schneller auf die neue Bedrohung reagieren könne. 78 Prozent der amerikanischen Bürger glauben diese Darstellung jedenfalls, berichtet die Zeitung „South China Morning Post“.

    Tatsächlich ist die Lage weniger spannend und damit erklärbar, dass die chinesische Industrie, die die ganze Welt beliefert, sich auf kurze und verfügbare Lieferketten stützt. Was auch immer chinesische Firmen für die Produktion benötigen, es ist gleich zur Hand. Dadurch bleiben chinesische Waren, auch die hochtechnologischen, gegenüber amerikanischen Erzeugnissen selbst bei einem Zoll von 25 Prozent noch wettbewerbsfähig. Und Analysten gehen davon aus, dass dies die nächsten 20 bis 30 Jahre so bleiben werde.

    Wie könnte das aussehen? Die Antwort auf diese Frage ist die Kernherausforderung der internationalen Politik der absehbaren Zukunft. Die heutige Welt teilt sich in zwei Lager auf: Länder, die dem Druck aus den USA nachgeben und ihre Verbindungen nach China kappen (in diesem Lager kämpfen Politiker und Ideologen gegen wirtschaftliche Realitäten). Und Länder, die nicht mal daran denken wollen, dem Druck aus Übersee nachzugeben.

    Nehmen wir die Philippinen als Beispiel. Dort wird es im Moment sehr spannend. Der Außenminister des Landes erklärt nämlich, es sei doch vorteilhaft, wenn das Land sich den US-Sanktionen gegen einen chinesischen Baukonzern anschließe. Der Präsident Rodrigo Duterte hält währenddessen dagegen, es werde keine Sanktionen geben, weil derselbe chinesische Baukonzern an Bauprojekten im Wert von zehn Milliarden Dollar auf den Philippinen beteiligt sei, einschließlich der Errichtung des zweiten Hauptstadtflughafens.

    Als Gegenbeispiel nehmen wir das große Indien. Unter seiner derzeitigen Regierung gerät das Land ständig in Konflikte mit China und bindet sich so eng wie möglich an die USA. Allerdings sind die Vereinigten Staaten dadurch nicht mehr in der Lage, auf die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Belange dieses Landes im nötigen Umfang einzugehen. Und bei dem gegenwärtigen Absturz der beiden Volkswirtschaften wie bei der tiefen Spaltung im Inneren Amerikas wird es nur noch schlimmer.

    Diese zwei Beispiele sind nur ein kleiner Ausschnitt aus der Welt der Zukunft – einer Welt, in der es noch schwieriger sein wird, China die Früchte seiner Anstrengungen aus der Hand zu reißen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Coronavirus, Handelskrieg, Wirtschaftskrise, China