20:01 26 November 2020
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    Das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 ist erneut ins Kreuzfeuer genommen worden. Die USA drohen mit neuen Sanktionen, Deutschland fordert Erklärungen zum Fall Nawalny. Auch Polen gießt Öl ins Feuer und schlägt einen Ersatz für die russische Gasleitung vor – Baltic Pipe, die zum Herbst 2022 fertiggestellt werden soll.

    Der Vorschlag an sich ist fast schon grotesk – die Kapazitäten sind nicht zu vergleichen, ebenso die Rentabilität. Zudem ist unklar, woher Polen das Gas nehmen will, weil die Vorkommen in der Nordsee zur Neige gehen.

    Ersatz gefunden

    Die Lage um Nord Stream 2 hatte sich wegen der US-Drohungen ohnehin verschärft. Die Situation verschlechterte sich weiter, nachdem Berlin offiziell mitgeteilt hatte, dass der russische Oppositionelle Alexej Nawalny mit einem Nervenkampfstoff vergiftet worden war.

    LNG-Tanker mit US-Flüssiggas auf dem Weg zum britischen Hafen Grangemouth (Archivbild)
    © AFP 2020 / ANDY BUCHANAN
    Die Kanzlerin erwägt sogar deutsche Sanktionen gegen das zu mehr als 90 Prozent fertige Projekt. Der Ausschuss für Wirtschaft im Bundestag warnte, dass dies milliardenschwere Schadenersatzklagen seitens der beteiligten Unternehmen des Pipeline-Projekts  für Berlin nach sich ziehen würde. Allerdings hob Merkel hervor, dass Deutschland seine Handlungen mit der EU absprechen werde und vieles vom Verhalten Russlands abhänge.

    Vor diesem Hintergrund erklärte der polnische Premier Mateusz Morawiecki, dass Deutschland einen „absolut offensichtlichen“ Beschluss treffen solle – auf die russische Gaspipeline zu verzichten. Es handle sich dabei um ein „politisches“ Projekt, das Osteuropa destabilisiere. Außerdem machte Warschau einen unerwarteten Vorschlag an Berlin: die Nord Stream 2-Pipeline durch die Baltic Pipe zu ersetzen, die die Gasvorräte im norwegischen Schelf via Dänemark mit Polen verbinden soll. Bei Experten sorgte dieser Vorstoß der Polen für Erstaunen – vor allem, weil die Kapazitäten der Gaspipelines nicht zu vergleichen sind.

    Der Elefant und der Mops

    „Die nahezu fertiggestellte Nord Stream 2-Pipeline durch Baltic Pipe, die erst noch gebaut werden muss, zu ersetzen, wird nicht funktionieren. Durch Nord Stream 2 können nach Deutschland 55 bis 60 Milliarden Kubikmeter pro Jahr geliefert werden – das sind mehr als 60 Prozent des Bedarfs des Landes“, sagte der Gasexperte des Energiezentrums der Moskauer Skolkowo-Managementschule, Sergej Kapitonow.

    Die Baltic Pipe soll Polen nur mit zehn Milliarden Kubikmeter des norwegischen Rohstoffs versorgen. Einiges davon werde Warschau, das die russischen Lieferungen ersetzen wolle, selbst brauchen, so der Experte.

    Es fehlen nur noch 168 Kilometer, bis Nord Stream 2 fertiggebaut ist, bis Gas aus Russland nach Deutschland gepumpt werden kann. Bei Baltic Pipe wurde bisher nicht einmal mit den Vorbereitungsarbeiten begonnen.

    Die Abnehmer in Deutschland und anderen EU-Ländern werden nicht warten, bis diese Pipeline fertig ist.

    Woher kommt das Gas?

    Polen positioniert die Baltic Pipe als Mittel zum Erreichen der Energieunabhängigkeit von Russland. Die Inbetriebnahme ist für Oktober 2022 geplant. Zu dieser Zeit läuft der Vertrag mit Gazprom ab, einen neuen will Warschau nicht abschließen.

    „Das russische Gas wird vom mitteleuropäischen Markt verdrängt. Der Rohstoff wird aus anderen Quellen kommen, ob US-Flüssiggas bzw. Gas aus norwegischen Vorkommen“, sagte Przemysław Piotr Żurawski vel Grajewski, einer der Leiter des Nationalrats für Entwicklung beim polnischen Präsidenten.

    Doch die Nordsee-Vorkommen sind bald leer. 2018 sank die Förderung der fossilen Brennstoffe in Norwegen um zwei Prozent, 2019 um weitere sechs Prozent. Es wird die Rückkehr zu früheren Kennzahlen für 2024 prognostiziert – durch die Erschließung der Barentssee-Vorkommen. Derweil reduziert der nach Russland zweitgrößte Gasexporteur für Europa seine Lieferungen. 

    Es liegt auf der Hand, dass Norwegen nicht über überflüssige Rohstoffe verfügt. Und Polen will über die Baltic Pipe zehn Milliarden Kubikmeter beziehen (zum Vergleich: Gazprom liefert 8,7 Milliarden an Polen). Ein Gasmangel wird unvermeidlich auftreten – darauf wird Warschau selbst irgendwann stoßen. Ohne russischen Rohstoff werden die Polen nicht auskommen und Zwischenhändler einschalten müssen, um an diesen heranzukommen.

    „Die Betriebsdauer der Baltic Pipe ist ausgehend von den Gasvorräten in der Nordsee sehr begrenzt, das wird Deutschland sicher nicht passen. Zudem überquert sie die  Nord Stream 2-Pipeline, was weitere technische Fragen aufkommen lässt“, sagte der Analyst von QBF, Oleg Bogdanow.

    Hinzu kommt, dass die Polen nicht daran gedacht haben, dass ihre Pipeline-Pläne deshalb auch mit Russland abgestimmt werden müssen – um mögliche Probleme zu vermeiden.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Gaspipeline, Deutschland, Nord Stream 2, Polen