07:38 29 September 2020
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    Peking überlegt, 20 Prozent seines US-Anleiheballens zu verkaufen. Gedacht ist das Finanzmanöver als Gegenschlag gegen Washingtons Sanktionen. Ob man diesen Schritt als wirkungslose Blitzoffensive oder langangelegte Strategie im amerikanisch-chinesischen Wirtschaftskrieg bewertet, hängt davon ab, wie eng oder weit die Sicht darauf ist.

    Es ist in China schon lange im Gespräch, ob es sinnvoll wäre, amerikanische Staatsanleihen abzustoßen, um die US-Wirtschaft empfindlich zu treffen. „Aber das wachsende Risiko, dass Washington Finanzsanktionen verhängen und chinesische Aktiva in den USA einfrieren könnte, hat diese Diskussion zusätzlich stimuliert“, schreibt die chinesische „South China Morning Post“. Peking sei nun dabei, weitere Möglichkeiten zum Schutz gegen die Spannungen mit Washington abzuwägen. Erwogen werde unter anderem, „das Portfolio amerikanischer Staatsanleihen sukzessive um 20 Prozent auf 800 Milliarden Dollar zu kürzen“, berichtet die Zeitung unter Berufung auf ein staatliches Medienorgan.

    Je nachdem, wo die Kommentatoren politisch stehen, ist der angedachte Verkauf der chinesischen US-Anleihen entweder eine „kaum wahrnehmbare Belanglosigkeit“ oder eine „Crashprophezeiung für amerikanische Fondsmärkte“. Irgendwo zwischen diesen extremen Einschätzungen findet man das wirklichkeitsnahe Bild über die möglichen Auswirkungen dieser finanzpolitischen Maßnahme Pekings. Hilfreich ist dabei ein Blick weg von den Kurzfolgen des Anleiheverkaufs hin zu den Langzeittrends, die sich darin abbilden.

    Militärorchester spielt vor dem Gipfel der chinesischen kommunistischen Partei in Peking am 8. September 2020
    © REUTERS / CARLOS GARCIA RAWLINS
    Schaut man allein darauf, welche direkten Folgen für die amerikanische Wirtschaft sich aus dem Anleiheverkauf ergeben könnten, dann kommt man nicht umhin, den Experten Recht zu geben, die in der Veräußerung eines Anleihepakets dieser Größenordnung keine Katastrophe für die Fondsmärkte in den USA erkennen.

    Um diese Einschätzung zu teilen, müsste man nur wie ein Fünftklässler rechnen: Die Staatsschulden der USA belaufen sich in diesem Jahr laut offiziellen Angaben auf 3,3 Billionen Dollar. Müsste die Federal Reserve weitere 200 Milliarden Dollar drucken, um die Anleihen aufzukaufen, die die Chinesen in den Markt werfen würden, änderte sich die Schuldenlast nur unwesentlich: von 3,3 auf 3,5 Billionen.

    Wirklich verwundbar scheinen die USA durch den Verkauf ihrer Wertpapiere nicht zu sein. Aber das scheint eben nur so. Alle Vorzugsrechte, die die Vereinigten Staaten daraus ziehen, dass ihre nationale Währung die Leitwährung der Welt ist, hängen bekanntlich an zwei Faktoren: 1. Der amerikanische Dollar ist auch außerhalb der USA die gefragteste Währung schlechthin und 2. Die USA haben ein System darin, Politiker (und zuweilen deren Länder) zu vernichten, die den Versuch unternehmen, Außenhandelsgeschäfte vom Dollar zu entkoppeln.

    Mit die größten Dollar-Käufer sind Notenbanken und Finanzministerien außerhalb der USA. Sie benötigen das amerikanische Geld als Währungsreserve (hauptsächlich in Form von Staatsanleihen), um das Vertrauen ihrer eigenen Bürger und internationaler Anleger in ihre nationalen Währungen zu erhalten.

    Grob, aber prägnant formuliert: Das Weltfinanzsystem der letzten 50 Jahre läuft auf den einen Punkt hinaus, dass nur die Verfügbarkeit von Dollarreserven den Wert einer nationalen Währung dauerhaft garantieren kann. Wer also eine stabile Währung haben will, muss die amerikanischen Staatsschulden über die Staatsanleihen mitfinanzieren, auch wenn die Bedingungen dieses Geschäfts für den Gläubiger selten günstig sind.

    Folglich kann der Rauswurf der amerikanischen Wertpapiere aus dem chinesischen Portfolio weniger den Sinn haben, die Wirtschaft der Vereinigten Staaten im Hier-und-Jetzt anzugreifen, als vielmehr den, die fortschreitende Demontage des bestehenden Weltfinanzsystems anzuzeigen. Denn sollte der chinesische Yuan nach dem Verkauf des allerletzten US-Papiers eine wie gewohnt stabile Währung bleiben, wäre es vor allem ein Zeichen, dass China sich als eine Kerngröße des Welthandels weitgehend aus der Dollarabhängigkeit befreit hat. Und so viel muss man zugeben: Dies wäre für die USA ein weitaus größeres Problem als eine heftige Turbulenz auf dem Fondsmarkt.

    Bemerkenswert hierbei ist, dass Peking beim Umgang mit den drohenden US-Sanktionen sichtlich einem Muster folgt, das von Moskau vorgeprägt wurde. Darauf weisen jedenfalls die Anlageberater von BCA Research hin, wie die „South China Morning Post“ schreibt:

    „Vor dem Hintergrund der drohenden Abkopplung chinesischer Banken vom dollarbasierten Zahlungssystem könnte sich Peking in Sachen Dollarabhängigkeit an Russland wenden. Die russische Zentralbank hat die Menge amerikanischer Anleihen in ihren Währungsreserven 2011 von 175 Milliarden Dollar auf null reduziert.“

    Parallel zu dieser Entwicklung steigt China zielstrebig zu einem neuen, vom US-Dollar allmählich abrückenden Finanzzentrum auf. Ein wichtiger Schritt hin zur Internationalisierung des Yuans sei die neuerliche Öffnung des chinesischen Anleihemarkts für ausländische Investoren, meldet der Pressedienst der japanischen Börse „Nikkei“.

    Dass die Nachfrage nach chinesischen Wertpapieren definitiv da ist, zeigen renommierte Geldhäuser in aller Welt. Ein aussagekräftiges Beispiel: Die schweizerische Bankengruppe Julius Bär. „Wir sind der Ansicht, das chinesische Wirtschaftsmodell und Chinas wachsender Einfluss in der Weltwirtschaft erfordern strategische Investitionen in chinesische Aktien. Diese strategische Sicht weiten wir nunmehr auf den chinesischen Anleihemarkt aus“, schrieb der CIO Yves Bonzon an die Kunden der Bank. Dieser Markt sei einer der weltgrößten geworden, erklärt er. Währenddessen befreie sich die chinesische Zentralbank von der US-Vormacht und werde darauf bezogen zu einem Vorbild für eine immer größere Zahl asiatischer Volkswirtschaften.

    Setzt sich dieser Trend fort, wird es China gelingen, jene Finanzströme auf sich zu vereinen, von denen die Vereinigten Staaten seit 50 Jahren unermesslich profitieren. Dieser Prozess ist zwar erst am Anfang einer jahrelangen Entwicklung, aber ein Problem hat Washington jetzt schon: Seine Anstrengungen, die chinesische Wirtschaftsmacht niederzuhalten, könnten sich plötzlich als völlig unzureichend erweisen für den Erhalt der amerikanischen Finanzhegemonie.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    US-Dollar, US-Staatsanleihen, China