02:37 22 Oktober 2020
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    Auf drakonische Sanktionen gegen Nord Stream 2 pochen, aber selbst zum größten Käufer von russischem Erdöl werden: Das ist US-Politik in ihrer scheinheiligsten Form. Diese Heuchelei gehöre abgestellt und verboten, fordert das Blatt „The National Interest“. Nur hätten amerikanische Erdölraffinerien ohne russisches Erdöl ein gewaltiges Problem.

    Der US-Kongress plant noch härtere Sanktionen gegen europäische Firmen, die am Bau der Gaspipeline Nord Stream 2 beteiligt sind. Die Kritik dagegen – auch die Androhung von Gegensanktionen aus Berlin – sei überaus nachvollziehbar, schreibt das Fachblatt „The National Interest“, denn die Heuchelei an der amerikanischen Position sei kaum zu verhehlen. Bei all den Sanktionsforderungen und -drohungen sind die USA dieses Jahr zum größten Käufer von russischem Erdöl geworden: Zwölf Prozent aller russischen Ölexporte sind in die Vereinigten Staaten gegangen, wie neue Daten belegen.

    Nach amtlichen Angaben der amerikanischen EIA (Energy Information Administration) – einer Unterbehörde des US-Energieministeriums – sind allein im ersten Halbjahr 2020 über neun Millionen Tonnen Erdöl aus Russland in die Vereinigten Staaten geliefert worden. Dies entspricht 68 Millionen Barrel: Höchstwert der letzten sechzehn Jahre.

    Formal sind die Vereinigten Staaten nur der zweitgrößte Käufer von russischem Erdöl, denn gemäß den Behördenangaben haben die Niederlande im selben Zeitraum noch mehr Öl aus Russland importiert als die USA, nämlich 12,9 Millionen Tonnen. Allerdings sind die Niederlande ein Transithub für Erdöl und Erdölprodukte: Von dort aus wird der Energieträger in andere Länder weiterbefördert. Die Vereinigten Staaten aber kauften das russische Öl zur Weiterverarbeitung im eigenen Land.

    „The National Interest“ fordert, diese Praxis zu unterbinden und russische Ölimporte gesetzlich zu verbieten. Beispielsweise könne der US-Kongress Finanzsanktionen gegen Firmen verhängen, die an den Lieferungen beteiligt seien, so die Zeitschrift. Unklar bleibt jedoch, wie mit den praktischen Folgen eines etwaigen Verbots umzugehen wäre. Unberücksichtigt bleibt bei dieser Forderung, dass die Vereinigten Staaten sich durch eigene, gegen Drittländer verhängte Sanktionen in die Abhängigkeit von russischem Erdöl hineinmanövriert haben, wie die USA noch im letzten Jahr amtlich einräumten.

    Vorher war Russland nur der sechstgrößte Öllieferant der Vereinigten Staaten gewesen, rückte aber bis Februar dieses Jahres bei Erdöllieferungen auf Platz zwei hinter Kanada auf. Ursächlich dafür sind die amerikanischen Sanktionen gegen Venezuela und Iran: Die USA benötigten dringend einen Ersatz für die schwereren Ölsorten, die diese Länder nicht liefern dürfen.

    Das Problem sind die Erdölraffinerien in den südlichen Fördergebieten der Vereinigten Staaten (im sog. Permian-Becken), weil viele von ihnen die leichteren amerikanischen Ölsorten nicht verarbeiten können. Am schwersten trifft es die Ölraffinerien am Golf von Mexiko und an der Ostküste. Die Verarbeitungsanlagen sind auf schwefelhaltiges Erdöl eingestellt, weshalb dem dort zu verarbeitenden Rohstoff stets schwereres Öl beigemischt werden muss.

    Dieses Erdöl war lange Zeit aus Venezuela importiert worden, bis Washington im Januar letzten Jahres Sanktionen gegen das Land verhängte. Produktionsausfälle aufgrund mangelnder Rohstoffe wurden real – für die betroffenen Raffinerien eine Katastrophe. Um diese abzuwenden, sind die amerikanischen Erdölverarbeitungsbetriebe auf die schwere russische Sorte Urals umgestiegen: Elf Millionen Tonnen Schweröl kauften die USA letztes Jahr in Russland – doppelt so viel wie noch 2018.

    „Dies hat es ermöglicht, die weggebrochenen Lieferungen von schwefelhaltigem Rohstoff aus Venezuela zu kompensieren“, stellten amerikanische Analysten fest.

    Eine Alternative hätte das chemisch verwandte saudische Erdöl werden können, doch weigerte sich Riad, die eigene Ölproduktion zu steigern. Also musste die Politik den wirtschaftlichen Erfordernissen nachgeben: Amerikanischen Raffinerien blieb nichts weiter übrig, als russisches Rohöl zu kaufen. Weder die angespannten internationalen Beziehungen noch die zahlreichen von Washington gegen Moskau verhängten Sanktionen sind dem ein Hindernis. Umso absurder sehen vor diesem Hintergrund die Versuche Washingtons aus, die Gaspipeline Nord Stream 2 mit allen Kräften zu verhindern.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Ölexport, Gaslieferung, Russland, USA, Nord Stream 2