13:49 29 September 2020
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    Es ist immer wieder eine herrliche Verwandlung, die manche Politiker und Regierungsbeamte durchmachen, sobald sie aus hohen Ämtern ausscheiden und auf den Filz keine Rücksicht mehr nehmen müssen. Dann werden sie förmlich zu Wahrheitsaposteln und ihre Analysen zu Prophezeiungen, wie etwa in dem hier geschilderten Fall.

    Alan „Maestro“ Greenspan, der ehemalige Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, ist im gewissen Sinne der Pate des heutigen Weltfinanzsystems. Und so einer erklärt wie aus dem Nichts, dass das Haushaltsdefizit der Vereinigten Staaten eigentlich ein großes Problem sei und dass die offiziellen Erklärungen hierzu das Problem eher verharmlosten.

    Seine Lageanalyse gab Greenspan ausgehend von dem Drei-Billionen-Dollar-Loch im laufenden US-Haushalt. Künftige Ausgaben einer etwaigen Biden-Regierung, die das Loch erheblich vergrößern würden, hat er dabei noch gar nicht berücksichtigt. Offenbar bietet schon der gegenwärtige Schuldenberg von drei Billionen Dollar dem ehemals wichtigsten Banker der Vereinigten Staaten genug Anlass zur Beunruhigung.

    So sagte Greenspan laut dem Sender CNBC, die größten Wirtschaftsprobleme in den USA seien die Inflation und die Staatsschulden.

    „Insgesamt gehe ich von einer leider negativen Inflationsprognose aus. Dies ist im Grunde das Ergebnis dessen, dass Sozialausgaben die Privatinvestitionen und das Produktivitätswachstum verdrängen […] Währenddessen geraten die unausgeglichenen Ausgaben der Regierung außer Kontrolle“, sagte der Finanzpatriarch laut dem TV-Sender.

    Im Sommer dieses Jahres beliefen sich die amerikanischen Staatsschulden auf 2,45 Billionen Dollar: eine Nebenwirkung der staatlichen Mehrausgaben, die im Zuge der Coronakrise als Hilfszahlungen in die Wirtschaft geflossen sind. Dass weder eine Trump- noch eine Biden-Regierung sich in der nächsten Amtsperiode die Bekämpfung der Inflation und den Abbau der Staatsschulden zum Ziel setzen werden, ist allzu offensichtlich.

    Gerade erst hat das „Wall Street Journal“ die anvisierte Finanzpolitik von Joe Biden in Grund und Boden kommentiert:

    „Joe Biden ist von den Demokraten als ein gemäßigter Präsidentschaftskandidat nominiert worden, der alle Pläne für hohe Staatsausgaben als unbezahlbar ablehnte. Im Zuge des Wahlkampfs hat er dann seine eigenen Finanzvorhaben für mehrere Billionen Dollar vorgestellt, die die langfristigen Ausgaben der Regierung auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten treiben würden, wie neueste Studien belegen. Es ist die größte von einem Präsidentschaftskandidaten vorgeschlagene Ausgabenerhöhung seit den Siebzigerjahren.“

    Damals, 1972, schlug der demokratische Präsidentschaftsbewerber George McGovern unter anderem die Einführung eines für alle Amerikaner garantierten Grundeinkommens vor.

    Heute sind die USA mit der Tatsache konfrontiert, dass ausländische Regierungen seit 2014 schrittweise damit aufhören, die amerikanischen Haushaltsdefizite durch den Kauf amerikanischer Staatsanleihen zu finanzieren, wie in aller Deutlichkeit aus den Statistiken des US-Finanzministeriums hervorgeht. Eine Folge davon ist, dass die US-Regierung ihre immer weiter wachsenden Ausgaben mithilfe der Dollarpresse finanzieren muss.

    Jeder andere Staat, der nicht das Glück hat, die Leitwährung des internationalen Handels beliebig drucken zu können, wäre längst in eine Krise gefallen, die mindestens so schlimm wäre wie die Finanzkrise in Argentinien. Die USA aber schaffen es immer noch, das Problem zu lösen, indem sie das Problem verschärfen. So sagte auch der Finanzminister Mnuchin, es sei gegenwärtig nicht die richtige Zeit, sich um Haushaltsdefizite zu sorgen. Womit er, politisch betrachtet, Recht hat: Das Land steuert auf Präsidentschaftswahlen zu.

    Doch mittel- bis langfristig wird aller Voraussicht nach nicht Mnuchin, sondern Greenspan Recht behalten. Schließlich kann das amerikanische Finanzsystem nicht endlos überstrapaziert werden. Erst recht nicht, da die Entkoppelung des Weltfinanzsystems von der amerikanischen Leitwährung dank Trump und seinen Vorgängern eingeleitet worden ist. Das heißt letztlich: Wenn der Moment einmal da ist, in dem das amerikanische Geldproblem einer dringenden Lösung bedarf, wird die Lösung wahrscheinlich nicht mehr möglich sein.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    US-Staatsanleihen, US-Notenbank FED